Es gibt ein Wissen vor dem Wort,
älter als die Sprache, die wir sprechen —
zwei Seelen, die sich einst im selben Licht gebrochen haben
und seither, ohne es zu wissen, den anderen suchen
wie der Fluss das Meer sucht, wie der Same die Erde:
nicht aus Mangel, sondern aus Erinnerung.
Man nennt es Zufall, wenn man sich begegnet.
Es ist keiner. Es ist Wiedererkennen.
Das Herz schlägt ruhig, als schlüge es in fremder Brust —
und ist doch die eigene, nur weiter, offener,
ein Raum, in dem der alte Kummer
seine Schärfe an etwas Größerem abgibt.
Nicht Erlösung. Nur: nicht mehr allein getragen.
Der Blick genügt. Kein Wort ist schneller.
Zwischen zwei Augen liegt manchmal ein ganzes Leben,
das keiner erzählen musste, weil es beide schon kannten —
Trauer, die sich löst, nicht weil sie verstanden,
sondern weil sie erkannt wurde.
Man teilt den Atem, wenn die Welt zerbricht.
Nicht aus Kraft. Aus Resonanz.
Zwei Instrumente, gleich gestimmt,
die zu schwingen beginnen, sobald eines berührt wird.
Kein Muskel spannt sich hier aus Berechnung.
Die Maske fällt nicht ab — sie wird schlicht überflüssig,
denn Masken sind für Fremde,
und hier ist längst kein Fremder mehr.
Freundschaft nimmt die Last nicht ab.
Sie hebt für einen Atemzug
ihre Schwerkraft auf —
so wie man einen Stein nicht wegträgt,
sondern kurz mit beiden Händen hält,
damit die Hand, die ihn schon trug,
sich einmal ausruhen kann,
bevor sie weiterträgt,
jetzt leichter,
nicht weil der Stein leichter wurde,
sondern weil sie weiß: sie ist gesehen.
Wenn dich keiner mehr kennt,
wenn selbst dein Name fremd in deinem Mund klingt,
schau dich um:
Wer dein Freund sich noch nennt,
der kennt die Flamme noch,
wenn du selbst nur noch die Asche siehst.
Wohl dem, der immerdar
bei seinen Freunden sein kann,
und dereinst sterben darf
in ihrem Angesicht —
nicht allein, nicht fremd,
sondern gesehen bis zuletzt,
von Augen, die die eigene Flamme
schon einmal als Licht erkannt haben.
Einen Menschen wissen, der dich ganz versteht,
der, wenn die Bitternis kommt, an deiner Seite steht —
das ist kein kleines Glück.
Es ist vielleicht das Einzige,
das dem Tod nicht seine Macht nimmt,
aber der Zeit davor
ihren Sinn zurückgibt:
zwei Flammen,
ein Feuer,
solange es brennt.
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Zwei Flammen, ein Feuer
aus Anatomie der Freundschaft
(© Joachim Laß)
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Über den Text
Zwei Flammen, ein Feuer ist eines von vier Gedichten aus meiner Anthologie Anatomie der Freundschaft — einem literarischen Versuch, das vielleicht Schwierigste in Worte zu fassen, was zwei Menschen verbinden kann.
Was ist Freundschaft wirklich? Nicht das schöne Bild davon — sondern das, was bleibt, wenn die Worte fehlen. Was trägt, wenn nichts mehr zu sagen ist. Was sieht, wenn man sich selbst nicht mehr erkennt.
Zwei Flammen, ein Feuer ist die intensivste der vier Fassungen — ein Text über Resonanz, Wiedererkennen und die stille Kraft des Dableibens.
Viel Spaß damit. © J.Laß
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