Was man trägt

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Du gehst vorbei.
Du gehst ja immer vorbei.
Das haben wir gelernt, alle, jeden Tag:
wegsehen, weiterlaufen, nicht stehenbleiben.
Der Mann an der Brücke.
Du kennst ihn nicht.

 

So wie Wasser sich um einen Stein teilt,
ohne ihn zu berühren,
teilen sich die Blicke um ihn —
auf die Straße, auf die Uhr, auf alles,
nur nicht auf sein Gesicht.

 

Er hat sich daran gewöhnt,
wie man sich an Regen gewöhnt,
den man nicht mehr abwarten will —
er hat aufgehört,
den nächsten Blick zu erwarten.

 

Ein Dach hält warm.
Ein Blick macht Mensch.
Nicht viel, ein Blick.
Aber manchmal genug,
um einen Menschen für einen Moment
zurückzuholen in die Welt.

 

Die Frau. Mit den zwei Taschen.
Du kennst sie.
Sag nicht, du kennst sie nicht.
Sie trägt einen Mantel.
Nicht, weil ihr kalt ist.


Weil man sich irgendwann in Scham einwickeln muss,
wenn einem sonst nichts mehr bleibt,
das wärmt.

 

Sie war mal jemandes Tochter.
Sag mir: wann genau
hört ein Mensch auf,
jemandes Tochter zu sein?

 

Nachts hat er den Himmel.
Umsonst, sagt ihr.
Er zählt die Sterne.
Nennt es Beten, wenn ihr wollt.
Es antwortet keiner.
Das weiß er.

 

Er betet trotzdem.
Nicht für eine Antwort.
Nur damit die Nacht
nicht so laut schweigt.

 

Irgendwo, in einer warmen Wohnung,
schläft heute Nacht ein Kind
und weiß nicht,
dass das nicht selbstverständlich ist.

 

Er hatte einen Namen.
Er hat ihn noch,
irgendwo,
unter der Kälte,
die sich über ihn gelegt hat
wie Staub über ein Wort,
das keiner mehr ausspricht.

 

Manchmal formt er ihn noch selbst mit den Lippen,
leise, nur für sich —
so wie man eine Sprache übt,
die sonst niemand mehr mit einem spricht.

 

Und irgendwann,
ganz ohne dass er es merkt,
verstummt auch das.
Nicht weil er ihn vergessen hätte.
Weil niemand mehr da ist,
der ihn ruft.

 

Ein Dach hält warm.
Ein Blick macht Mensch.
Nicht viel, ein Blick.
Aber manchmal genug,
um einen Menschen für einen Moment
zurückzuholen in die Welt.

 

© Joachim Laß

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Über den Text

Manchmal reicht ein einziger Blick auf der Straße, um einen Gedanken auszulösen, der einen nicht mehr loslässt.Dieser Text ist aus genau so einem Moment entstanden — aus der Frage, was einen Menschen eigentlich heimatlos macht. Nicht das fehlende Dach, so die These dieses Gedichts, sondern der fehlende Blick.

Es geht um einen Mann an einer Brücke, eine Frau mit zwei Taschen — und um das, was wir alle mit uns tragen, ohne es zu zeigen. Um die stille Würde derer, die wir täglich übersehen. Und um die erschreckend einfache Wahrheit, dass ein einziger Blick manchmal genug sein kann, um einen Menschen für einen Moment zurückzuholen in die Welt.

Dieses Gedicht ist kein Aufruf. Es ist eine Einladung — innezuhalten. Hinzuschauen. Zu erinnern, dass hinter jedem Gesicht auf der Straße ein Name steckt, eine Geschichte, ein Mensch, der einmal jemandes Kind war.

Dieses Gedicht findest du auch in vertonter Form auf meinem YouTube-Kanal — hör einfach rein. Viel Freude mit dem Text oder auch mit dem Song.

🎵    © Joachim Laß | Abenteuer-Literatur

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