> **„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.“**
> **„Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben…“**
Rilkes *Herbsttag* beschreibt den Übergang vom Sommer zum Herbst als eine Zeit der Reife, des Loslassens und der inneren Einkehr. Die Natur vollendet ihre Früchte, die Tage werden kürzer, und für den Menschen beginnt eine Phase der Stille, des Alleinseins und der Selbstbesinnung. Es ist ein Gedicht über Abschied, Veränderung und die leise Melancholie des Herbstes.
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Ja, es war ein Sommer wie selten oder nie zuvor. So viel und lang anhaltende Hitze war uns beschert! Auf den Waldwegen liegt so viel trockenes Laub wie sonst im Oktober, und es ist grünes, vertrocknetes Laub dabei. Viel zu früh reiften die Früchte an den Bäumen und Büschen. Die Brombeeren blieben klein, sie waren dennoch süß. Die Baumkronen sind teils schon entlaubt. Grün ist das Laub der Bäume kaum mehr, sie erscheinen braun, auch von den Früchten, z. B. Ahorn, Hainbuche, Buche, Eiche.
Seit wenigen Tagen scheint es vorbei zu sein mit dem Sommer. Der Himmel hat sich eingetrübt, und es regnet, wie gewünscht, nicht heftig, sondern ein länger anhaltender, sanfter Landregen erfrischt die Natur. Die Getreidebauern haben längst trocken ihre Ernte eingeholt. Ob sich Mais und Zuckerrüben noch mal einen Schluck nehmen und doch noch zu einer gewissen Reife und Größe kommen? Noch kann man nicht davon reden, dass der Rhein sich erholt. Es ist Niedrigwasser, sodass die Schifffahrt nur eingeschränkt möglich ist. Müllsammler und Schatzsucher haben sich eingefunden. Es ist unglaublich, wie viele Fahrräder, E‑Roller und anderer Abfall auf dem Grund des Flusses liegen, der jetzt sichtbar wird und hochgeholt wird. Es wird sicher nicht alles gefunden und geborgen. Ja, und Schatzsammler sind auch schon fündig geworden. Mittelalterlicher Müll, römische Münzen u. u. u. fanden sich. Der Schatz der Nibelungen aber bleibt noch unsichtbar.
Für uns Frühaufsteher ist es mehr als ersichtlich – die Tage werden deutlich kürzer. Morgens ist es längst nicht mehr so warm und hell, wenn uns die Hunde raus treiben.
Die Ferienzeit geht überall zu Ende, I‑Dötzchen haben ihren großen Tag. Man sieht sie wieder, die Zuckertüten und neuen Ränzlein. Für viele Kinder bedeutet es, aus ihrer alten Schule raus und auf eine neue Schule zu gehen: fremde Klassenräume, fremde Lehrer, neue Mitschüler. Man muss sich neue Freunde und Freundinnen suchen. Es ist ein spannender Abschnitt des Lebens in dieser Jahreszeit. Ja, und die größeren Kinder verlassen die Schule, gehen ins Studium oder ins Berufsleben, in eine völlig neue Welt. Hoffen wir, dass sie den richtigen Beruf gewählt haben, dass sie auf nette Kollegen und Kolleginnen stoßen, von denen sie gut und viel lernen können. Vor allem aber auf verantwortungsbewusste Ausbilder, die auch menschlich freundlich und korrekt mit ihnen umgehen.
Die Gedanken gehen zurück. Lange ist es her, dass wir diese Phasen durchlaufen haben. Glücklich waren wir auch nicht immer. Letztendlich hat jeder von uns den Beruf gefunden und ausgeübt, der wirklich zu uns passte. Herbst wird es, ja, auch für uns ist der Herbst des Lebens angebrochen (oder gar der Winter?). Was bringt uns der Winter? Der Herbst heißt nicht nur Abschied nehmen vom Sommer, er heißt auch rückwärts blicken. Wieder sind Bekannte, Freunde nicht mehr da, Geschäfte, die uns vertraut waren, haben geschlossen – nicht nur, weil es keine Nachfolger gab.
Die politische Entwicklung macht uns Angst. Wir sind noch Kinder des 2. Weltkrieges, dessen Folgen zumindest wir noch hautnah mitbekommen haben: die Trümmer, das Leid der Witwen und verkrüppelten Menschen. Ja, und dann die Wiederaufbaujahre, die wir positiv erlebten. Vieles hat sich zurückentwickelt. Wir haben sehr deutlich gesagt: „Nie wieder Krieg!“ Wir, die Kinder der Nachkriegszeit, sind davon noch geprägt. Wir haben die positiven Seiten des Friedens lange erfahren und halten daran fest. Heute wird sich wieder auf globaler Ebene gestritten, provoziert, bis es wieder kracht. Ist denn die Menschheit nicht lernfähig? Der Krieg liegt so lange zurück, die, die ihn erleben mussten, sind längst nicht mehr. Es kann nur schrecklich werden. Vergessen der Wille des Volkes – NIE WIEDER KRIEG!!! Es gibt so viele Kriege in der Welt. Das Elend ist in den Medien präsent, aber es ist ja weit weg. Was scheren uns andere Völker? Und plötzlich ist er näher als gedacht und wirkt sich auch auf uns aus – finanziell und durch die vielen Menschen, die hier ins Land kommen, auf der Flucht vor Gewalt, Armut und Angst. Viele sind es. Zu viele! Wie war das noch mit dem Amtseid der Politiker? Zum Wohle des deutschen Volkes? Nein, zum Wohle der eigenen Vorteile, der Macht und des Gewinnes geht es heute. Das Volk ist nur noch zahlendes Stimmvieh. Was ist eine Wahl, was ist eine Wählerstimme heute noch wert? Ist das Demokratie? Mehrheiten werden geschoben, bis es passt!
Gesellschaftlich hat sich so viel verändert. Da war die Zeit von Corona, die die Gesellschaft bis heute gespalten hat. Gerechtigkeit – was ist das noch? Die Technik ist in den letzten hundert Jahren so rasant fortgeschritten, dass wir nicht mehr mitkommen. Die Gestaltung von Festen hat sich verändert, in den Familien, im Freundeskreis. Ich vermisse sie sehr, die altvertrauten Weisen im Radio, besonders zur Weihnachtszeit. Wir mussten uns davon verabschieden, dass wir kraftvoll und positiv alle Arbeiten angehen konnten; wir müssen uns helfen lassen. Was haben wir für Pläne gemacht für die nächsten Urlaube, für Veränderungen am Haus. Heute planen wir längst nicht mehr so weit voraus.
Herbst des Lebens – oder schon Winter? Wir sehen sie täglich, die Änderungen in der Natur, ja, wir genießen sie auch. Sie lassen uns immer wieder aufs Neue nachdenklich werden und dankbar für all das Gute und Schöne, welches uns die Lebenszeit noch beschert. Und das Gute, Schöne macht uns glücklich – immer wieder, immer noch.
© Karin Oehl
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