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Erinnerungen

Erinnerungen

Erinnerungen

Und wieder ertappe ich mich dabei, meine alte Großmutter zu zitieren. Sie war eine kleine zierliche Person, so voller Mutterwitz und Weisheit, ohne dass sie eine studierte Frau gewesen wäre. Das Leben ist nicht unbedingt zimperlich mit ihr umgegangen, sie war, die Älteste von 12 Kindern Ihre Mutter starb früh während einer Geburt. Nach nicht mehr bekannter Zeit heiratete der Vater erneut. Die neue Frau bekam noch etliche Kinder, ehe sie das gleiche Schicksal ereilte. Der Vater blieb dann als Werkmeister in einer Textilfabrik mit seinen Kindern allein. Oma als die Älteste versorgte die Kinderschar, das Haus, die Haustiere, die damals keine Streicheltiere waren, sondern zur Ernährung der Familie beitrugen Schweinchen, Hühner, Kaninchen. Dazu kam der große Garten. Wer es ihr beibrachte weiß ich natürlich nicht, aber sie hat mir als Kind schon versucht, beizubringen, was wann gesät, gepflanzt wird, was nicht nebeneinander stehen darf, weil es sich nicht verträgt. Sie tat das oft spielerisch und doch ist von dem Wissen viel verloren gegangen. Längst haben wir keinen Garten mehr, der uns ernähren muss, haltbar machen von Gemüse, einkochen, fermentieren sie beherrschte es ohne Bücher aus dem FF. Und was sie kochte, hat immer gut geschmeckt.

Das Kochen wollte sie mir auch beibringen, manches hat wirklich bei mir gefruchtet, aber so manches musste ich mir mit Fantasie und Erinnerung an den Geschmack wieder erarbeiten. Als Kind habe ich vieles einfach nicht hören oder aufnehmen wollen, das tut mir heute leid. Oma war eine besondere Frau. Nicht nur, dass sie jung schon viele Pflichten und Verantwortung übernehmen musste.

Im reiferen Alter war sie verlobt, der Verlobte ist beim Junggesellenabschied, wohl angetrunken mit Kollegen im Paddelboot das Wehr der Ems runter gerauscht Wochen danach fand man seine Leiche irgendwo im Gestrüpp am Ufer, weit ab der Unglücksstelle.
Lange blieb Oma wieder allein, versorgte Haus und Familie und da das Haus nahe der Bahn lag, gab es die Möglichkeit, Bahnbeamten, wie z. B Lokführern, eine Schlafstelle zu bieten und damit das Familieneinkommen aufzubessern.

Einer dieser Herren, ein viel jüngerer Reservelokführer verguckte sich in die fleißige junge Frau und die zwei heirateten. Es waren die glücklichsten Jahre im Leben der kleinen Anna. Der Beamte wurde in Richtung Bremen versetzt.  Es wurde eine sehr kleine Tochter mit rotbraunen Haaren geboren, meine Mutter. Mein Großvater legte sehr großen Wert auf Bildung und meine Mutter kam auf die höhere Schule, Opa war aus gutem Hause, alles Offiziere. Lehrer, Beamte, irgendwann wurde die kleine Familie (Es blieb bei einem Kind auch aufgrund des fortgeschrittenen Alters meiner Oma) wieder nach Rheine versetzt.  Großvater hatte einen Unfall auf der Bahn, eine Weiche war falsch gestellt und der Zug rauschte in ein Schotterbett. Großvater muss einen fürchterlichen Schreck bekommen haben, jedenfalls konnte er danach ohne Ausfallerscheinungen diese Strecke nie mehr fahren. Heute würde man sagen, es war eine posttraumatische Belastungsstörung. 

Er wurde in der Nervenklinik Münster stationär untersucht, was man wohl nicht wusste und beachtete, er war herzkrank und er bekam ein Medikament, wohl eines zu viel, er verstarb plötzlich und unerwartet. Das Telegramm, das die Klinik mit dem Text verschickte: Zustand sehr verschlechtert, bitte kommen! Habe ich noch in meinen Unterlagen.

Als Oma dann mit Tochter in Münster ankam, hatte die Leichenstarre schon eingesetzt. Aus war es mit den guten Jahren, der geliebte Mann und Vater war weg und die Pension so klein und unzureichend, dass Oma putzen und wachen gehen musste. Ein Bruder des Ehemannes zahlte das Schulgeld für meine Mutter, aber nicht lange. Sie hatte kurz zuvor ja das Bundesland, die Freunde, das Zuhause gewechselt und den Vater verloren, das führte zu einem rasanten Einbruch der schulischen Leistungen. Damals wurde das nicht so gesehen und von Mutter körperlich hart bestraft, wenn mal wieder eine Klassenarbeit danebengegangen war. 'Das habe ich von einer Freundin meiner Mutter erfahren. Nun Mutter musste die Schule verlassen und begann eine Lehre als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft. Später, als der 2. Weltkrieg im Gange war, hat sie die Wahl gehabt, in einer Munitionsfabrik zu arbeiten, oder sich in der Pflege ausbilden zu lassen, sie wählte die Pflege.

Das sollte sich viel später noch als Glücksfall erweisen, in der Funktion einer DRK-Schwester machte sie auch Dienst auf dem Bahnhof, wo Verwundetentransporte versorgt wurden. Da steckte ihr ein Soldat einen Brief zu, den transportierte sie weiter. (Der Soldat durfte nicht so schreiben, weil dann die Truppenbewegung bekanntgeworden wäre.) So hat Mutter an seine Feldpostnummer nur geschrieben, mit Gruß, dass sie seinem Wunsch entsprochen hat. Es waren harte Zeiten, Rheine mit seinen vielen Kasernen und dem Kreuzungspunkt der Bahn wurde schwer bombardiert. Meine Eltern heirateten und ich wurde 1944 geboren, weil es in Rheine so gefährlich war, wurde meine Mutter mit Oma und mir kleinem Mädchen in das Haus seiner Eltern im Weserbergland evakuiert.

Leider kam es zu massiven Problemen in der Hausgemeinschaft und Ehe. Meine Mutter kehrte mit Oma und mir nach Rheine zurück. Die Ehe wurde geschieden. Es gab einen bösen Rosenkrieg, der auch mich als Kind nicht unberührt ließ. Mutter war gezwungen, voll arbeiten zu gehen und in der Pflege gab es immer Arbeit, leider nicht im Verkauf. Die Dienstzeiten waren unglaublich, heute würde man sagen, es waren in der Regel Doppelschichten und nur alle zwei Wochen gab es einen freien Sonntag.

Wie gut, dass es meine Oma gab. Mutter und Oma wurden nie reiche Leute, aber durch Omas Fähigkeiten, im Garten anzubauen und vor allem auch zu konservieren haben wir keinen Hunger gelitten. Dazu kam, dass Oma bäuerliche Verwandte hatte, die besuchte sie dann im Sommer. Während ich dort viel Freiheit zum Spielen hatte, hat Oma bei ihren Cousinen den Haushalt geführt und diese konnten mit in die Ernte. Als Danke bekam Oma viel Gutes, wie Eier, einen Schinken, Mettwurst und Oma konnte einteilen und wirtschaften.

Zu Hause hat sie mir so viel spielerisch beigebracht, davon zehre ich noch heute. Natürlich musste ich auch einmal im Jahr zu meinem Vater und ich habe es genossen, auch einen Vater zu haben und dort eine liebevolle Großmutter, zunächst sogar noch den Großvater und Tante und Cousins. Die Familie hatte einen Steinbruch und ein Fuhrunternehmen aufgebaut. Ich wollte oft mit meinem Vater zusammen sein und bin mit ihm gefahren. Dabei kam es einmal auf einer Notbrücke zu einem schweren Unfall, bei dem mein Vater schwer hirnverletzt wurde. Das hat ihn verändert, Mutter wollte mich abholen, meine Verletzungen waren harmlos, weil mein Vater mich geschützt hatte, Gurte gab es ja noch nicht. Aber er hat mir wohl das Leben gerettet.

Meine Eltern wollten noch einmal miteinander neu beginnen und meine Mutter bekam noch meinen Bruder. Leider begann alles von vorne und Mutter blieb wieder allein und arbeitete in der Pflege und sowohl mein Bruder wie ich, wurden von Oma versorgt. Viele Sprichworte habe ich von ihr, die immer ein Körnchen Wahrheit enthielten und so viel Lebensweisheiten. Da Mutter sehr viel arbeiten musste und durch ihre Lebensumstände eine sehr harte frustrierte Frau geworden war, konnten wir von Glück sagen, dass es Oma gab.

Als sie alt wurde, schwach, hat Mutter sie zusammen mit mir lange gepflegt. Dann ging auch ich aus dem Haus und Oma kam für eine kurze Zeit noch ins Altersheim, wo Mutter sie selbst pflegen konnte. Inzwischen habe auch ich geheiratet, wohnte in Köln und leider konnte Oma nicht mehr erfahren, dass sie Uroma wurde. Sie und mein Mann waren ein Kuchen und ein Ei. So verschmitzt konnte sie ihre Witzchen machen.  Sie hat   unser aller Leben sehr mitgeprägt. Mit einem Segen übergab sie uns ihre Eheringe, die wir als Verlobte noch trugen, die aber bei einem Einbruch vom Dieb mitgenommen wurden. Aber der Segen von Oma wirkt noch immer nach, längst haben wir unsere Goldhochzeit hinter uns. Schon lange ist mein Vater verstorben und nun ist auch meine Mutter schon fast 25 Jahre nicht mehr am Leben.

Mein Mann und ich sind schon lange Oma und Opa und wir hoffen, noch die Diamantene Hochzeit erleben zu dürfen. Omas Segen und Wirken hat auch unser Leben nachhaltig geprägt, und das Schicksal geht oft seltsame Wege. Meine Mutter sollte mal einer alten Dame, die ins Altersheim wollte, beraten, was sie mitnehmen konnte, ihr fielen massive handgeschnitzte Schränke auf. Die alte Dame erzählte von ihrem Bruder, der Schreiner war und beim Junggesellenabschied in der Ems verunglückt wäre, er hatte diese Möbel gemacht, für seinen eigenen Haushalt. Mutter wurde hellhörig, sie fragte, wie die Verlobte denn geheißen hat. Ja es war meine Oma und die Damen haben zusammen geweint, weil sich meine Mutter als Kind der ehemaligen Verlobten zu erkennen gab. Spontan bat die Frau meine Mutter, die Schränke zu nehmen, was sie nur zu gerne tat, und dann?

Wir haben unser Haus gebaut und diese alten Schränke sind jetzt die Zierde unseres Wohnzimmers. Ich bin sicher, dass meine Kinder sie niemals so wertschätzen würden wie wir. Bis wir mal ausziehen bleiben sie bei uns,- Oma-ein Phänomen!
Meine Kinder und Enkel reagieren heute, wie ich damals, ach Oma, in der heutigen Zeit ist das alles anders, davon wollen wir nichts mehr wissen. Nicht umsonst heißt es: Mit jedem alten Menschen stirbt eine ganze Bibliothek. Heute habe ich nach altem Rezept, Sauerkraut gekocht mit Kasseler Braten und Kartoffelpüree, so wie Oma es kochte, und dabei kamen so viele Erinnerungen, dass ich sie einfach mal aufschreiben musste.

© Karin Oehl

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