Vorwort
Es gibt Kinder, die nicht in Familien groß werden, sondern in Akten. Sie wachsen auf Fluren mit Linoleumboden auf, zwischen Dienstplänen und Zuständigkeiten. Sie werden versorgt, aber selten gehalten. Und an ihrem achtzehnten Geburtstag endet diese Versorgung oft so abrupt, wie sie begonnen hat: mit einer Unterschrift, einer Tasche und einer Tür, die hinter ihnen zufällt.Diese Ballade erzählt von Jonas, einem dieser Kinder. Sie folgt ihm vom Polizeiwagen ins Heim, von der Volljährigkeit in die rastlosen Jahre, in denen er vor jeder Nähe davonläuft, bis zu einer alten Werkstatt. Dort sagt jemand nicht „Verschwinde“, sondern „Morgens um sieben“.Es ist keine Geschichte von Heilung. Sie handelt davon, dass Wachsen möglich ist, auch dort, wo der Boden hart ist.
Die Ballade von der verlorenen Kindheit
Man kann auch auf Beton noch wachsen
I. Die Brücke aus Beton
Es riecht nach Bohnerwachs und Angst
auf den Linoleumgängen,
wo Kinderseelen nachts
wie nasse Wäschestücke hängen.
Mit acht Jahren im Passat der Polizei
hierhergebracht —
die Rollläden zu Hause dicht,
die Mutter — voll vom Schnaps.
Jonas war ein Aktenzeichen,
sauber abgeheftet, kahl.
Ein Systemkind ohne Heimat —
eine Nummer, eine Zahl.
*
Mit achtzehn kam der graue Ordner,
hingeschmissen auf den Tisch:
„Unterschreib. Du bist jetzt volljährig.
Ab morgen bau keinen Mist.“
Kein Kuchen, kein Abschiedskuss —
nur eine Tasche schwer
und eine alte Wolldecke
vom Heimbestand von früher her.
Entwurzelt stand er auf dem Pflaster,
Wind im nackten Haar,
und wusste nicht, wie Leben geht,
das ohne Aufsicht war.
*
Der Staat hat ihn verwaltet.
Gehalten hat er nicht.
Die Wurzeln hingen in der Luft —
kein Boden und kein Licht.
II. Die Jahre im Wind
Er rannte durch die ersten Jahre,
flüchtig wie ein Dieb,
weil in der Brust die alte Angst
vor jedem Abschied blieb.
Sobald ihm eine Frau gestand:
„Ich hab dich wirklich gern“ —
erfror sein Herz zu Eis.
Er hielt sich lieber fern.
Er schlug um sich, er suchte Streit,
bis sie enttäuscht entwich.
Die Logik seiner Kindheit hieß:
Ich geh — sonst trifft es mich.
Er wechselte die Betten,
die Jobs im Wochentakt,
vom tiefen schwarzen Vakuum
der Einsamkeit gepackt.
Er saß auf seiner Küchenplatte
starrte in das Grau —
warum war seine Mutter so?
Er wusste es nicht genau.
*
Der Staat hat ihn verwaltet.
Gehalten hat er nicht.
Die Wurzeln hingen in der Luft —
kein Boden und kein Licht.
III. Der Funke im Eisen
Der Wendepunkt kam leise —
ohne Geigen, ohne Schein —
in einer alten Werkstatt
zwischen Ruß und Schweißerei.
Ein Meister namens Kalle,
mit den Händen rau wie Sand,
der Jonas eine Chance gab
und nicht den Rücken wandte.
Wenn Jonas Fehler machte
oder voller Trotz geschwänzt —
hat Kalle nicht geschrien
wie es Jonas sonst so kannte.
Er warf ihn nicht ins Dunkel,
schmiß ihn nicht aus dem Betrieb.
Er sagte nur: „Morgens um sieben“ —
weil es die Arbeit gibt.
*
Dieses schlichte Wort vom „Wir“
brach Jonas’ harten Ring,
weil plötzlich seine Gegenwart
an einem anderen hing.
Er lernte, Stahl zu biegen,
lernte, wie man Funken fängt —
und spürte, dass er selbst die Kraft
in feste Bahnen lenkt.
IV. Die Glut im Stahl
Er blieb zum ersten Mal —
lief nicht mehr einfach fort.
Er öffnete sich langsam —
für ihn ein fremdes, neues Wort.
Von nun an hörte Jonas zu,
ließ sich auf Worte ein.
Er merkte, dass Vertrauen
nicht gleich muss schmerzhaft sein.
Jonas wurde langsam reif —
noch nicht stark, doch nicht mehr klein.
Ein Funke in der alten Glut —
bereit, ein Mensch zu sein.
V. Die dicke Rinde
Heute ist er zweiunddreißig,
steht im eigenen Betrieb.
Die Unterarme tätowiert —
wo man die Schnitte mied.
Er ist kein heiler Mensch geworden —
die Narben, die sind echt.
Das Geld liegt bar im sicheren Safe —
er traut dem System nicht recht.
Er sperrt die Haustür dreimal zu
und braucht extrem viel Raum.
Die Einsamkeit von früher weicht
auch heute noch ihm kaum.
*
Doch wenn er heute Abend
an das alte Heim noch denkt,
sieht er die Kinder am Balkon —
wo stumm der Wind sich senkt.
Er spürt kein Gift mehr im Verstand.
Nur eine stille Glut:
Man kann auch auf Beton noch wachsen —
und die Rinde, die wird gut.
© J. Laß
Nachwort
Jonas ist kein heiler Mensch geworden. Er schließt seine Tür dreimal ab, er traut keiner Bank, und die Einsamkeit sitzt noch immer mit am Tisch. Ich wollte ihn nicht schöner machen, als das Leben ihn gemacht hat. Narben verschwinden nicht, nur weil eine Geschichte gut ausgeht.Und doch ist da diese stille Glut am Ende. Sie entstand nicht durch eine große Rettung, sondern durch einen Menschen, der blieb. Kalle hat Jonas nicht therapiert und nicht belehrt. Er hat ihm Arbeit gegeben, einen Platz und ein „Wir“. Manchmal ist das schon der ganze Unterschied.Vielleicht kennt ihr selbst einen Jonas. Vielleicht wart ihr für jemanden schon einmal ein Kalle, ohne es zu wissen. Oder ihr habt einen gebraucht. Dann soll diese Ballade euch sagen: Man kann auch auf Beton noch wachsen. Die Rinde wird dick, aber sie wird gut.
© Joachim Laß

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