Vorwort
Es gibt Abende, an denen man den Fernseher ausschaltet und sich danach schlechter fühlt als vorher. Nichts ist passiert, kein Unglück vor der eigenen Tür, und doch liegt etwas Schweres im Raum. Man hat Bilder gesehen, Warnungen gehört, Schuldige genannt bekommen. Und irgendwo zwischen den Nachrichten hat sich eine leise Unruhe eingenistet, die nicht mehr weggeht. Dieses Gedicht erzählt von dieser Unruhe. Von einer Angst, die man nicht selbst erlebt, sondern die man uns gereicht bekommt, Tag für Tag, wie eine Mahlzeit, nach der man nie satt wird. Es fragt, was diese Angst mit uns macht: mit unseren Türen, unseren Nachbarn, unserem Schlaf. Und es stellt eine unbequeme Frage, die selten gestellt wird: Wer verdient eigentlich daran? Ich lade dich ein, beim Lesen auf dich selbst zu achten. Wo erkennst du dich wieder? Und wo regt sich vielleicht schon ein leiser Widerspruch?
Texte aus Licht und Schatten
Der Mann im Fernsehen spricht mit einer Stimme,
die wie ein glatter Stein über unsere Gedanken streicht.
Er zeigt uns Schatten, die im Gebüsch zittern,
und wir fühlen sie wie einen kalten Hauch auf unserer Haut.
Er sagt wer die Welt zerbricht,
wer im Dunkel die Fäden zieht.
Und während er spricht
wird Angst zu einem Brot,
das man uns reicht
wie eine tägliche Pflicht.
*
Wir schließen Türen, die früher nach Abend rochen.
Wir misstrauen dem Fremden, dem Nachbarn, dem Schritt im Flur.
Unsere Herzen werden zu kleinen Gefäßen,
in denen kaum noch ein Funke überlebt.
Denn Angst ist eine Pflanze, die im Kopf wurzelt
und dort ihr bitteres Wasser sammelt.
Sie wächst aus Bildern, aus Worten,
aus dem ständigen „Vielleicht“.
Ein Blick wird hart.
Ein Wort wird verdächtig.
Zweifel wird zu einem Messer.
Und das Schlimme wird größer,
je länger man es ansieht —
wie ein Stein, den man im Dunkeln dreht
und der immer schwerer wird.
*
Irgendwo zählt einer Schlagzeilen
wie ein Händler seine Münzen.
Er weiß, dass Angst sich verkauft
wie Salz, wie Feuer,
wie jede Ware die brennt.
Darum fragt kaum jemand:
Wer spricht hier eigentlich?
Wer verdient daran,
dass unser Schlaf zu einem dünnen Tuch wird?
*
Doch Hoffnung ist ein leiser Vogel.
Sie sitzt im Staub, wartet,
und verlangt nur unseren Blick.
Sie ist das Licht, das nicht ruft, sondern bleibt.
*
Vielleicht beginnt Freiheit mit einer Frage,
die wie ein Stein im Mund liegt:
Warum soll ich das glauben.
Der Bildschirm spricht weiter —
doch einer steht auf und öffnet das Fenster.
Draußen geht eine Frau mit ihrem Kind.
Ein alter Mann grüßt.
Ein Hund läuft im Wind
wie ein kleiner Gott, der nichts fürchtet.
Für einen Augenblick gehört ihm die Welt —
nicht die Angst.
Und er begreift:
Angst nimmt uns das Heute
und füllt das Morgen mit Schatten.
*
Mut heißt weiterzugehen
trotz der Möglichkeit des Sturms.
Mut heißt die Welt zu sehen
wie sie ist —
und nicht wie man sie uns zeigt.
Der Mann im Fernsehen spricht noch immer.
Doch einer glaubt ihm nicht mehr alles.
Nicht weil er die Wahrheit kennt —
sondern weil er weiß,
dass Wahrheit wie ein Baum ist:
Sie hält Fragen aus.
*
Vielleicht beginnt Freiheit genau dort —
wo wir aufhören,
Angst für unsere Stimme zu halten.
Wer fragt, verliert keine Sicherheit.
Er gewinnt sich selbst zurück.
© J.Laß
Nachwort
Die Forschung kennt dafür einen Begriff: das „Mean-World-Syndrom“, das Syndrom der gemeinen Welt. Wer viel bedrohliche Nachrichten sieht, hält die Welt für gefährlicher, als sie ist. Die Kriminalität mag sinken, das Gefühl der Bedrohung steigt trotzdem. Dazu kommt eine alte Eigenschaft unseres Gehirns: Gefahr bekommt mehr Aufmerksamkeit als Gutes. Wer davon lebt, dass wir hinschauen, weiß das zu nutzen. Doch das Gedicht bleibt nicht bei der Angst stehen. Die Wende ist kein großer Aufstand, sondern eine kleine Bewegung: Einer steht auf und öffnet das Fenster. Draußen ist keine heile Welt, aber eine wirkliche. Eine Frau mit Kind, ein grüßender alter Mann, ein Hund im Wind. Die Welt, wie sie ist, und nicht, wie man sie uns zeigt. Darin liegt vielleicht die wichtigste Erkenntnis: Freiheit beginnt nicht damit, dass wir alle Antworten kennen. Sie beginnt mit einer Frage: „Warum soll ich das glauben?“ Diese Frage ist kein Misstrauen gegen alles. Sie ist die Weigerung, sich die eigene Stimme von der Angst abnehmen zu lassen. Vielleicht magst du heute einmal das Fenster öffnen, im Wortsinn und im übertragenen. Und nachsehen, was draußen wirklich ist. Wer fragt, verliert keine Sicherheit. Er gewinnt sich selbst zurück.
© Joachim Laß · Abenteuer-Literatur

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