Scherbenkind
Der eigene Kompass
In den Regalen der Ämter lag seine Geschichte.
Paragrafen und Stempel.
Keine Familiengedichte.
Kein Bild an der Wand, das ihm Ähnlichkeit schenkt.
Keine Hand, die ihn hält,
wenn das Dunkel sich senkt.
*
Er wuchs auf in Zimmern mit fremdem Geruch.
Seine Kindheit —
ein geliehenes Buch.
Man liest es zu Ende.
Man gibt es zurück.
Man behält keinen Satz.
Man behält kein Glück.
*
Kein „Willkommen zu Hause.“
Kein „Schön, dass es dich gibt.“
Er lernte zu gehen —
bevor man ihn liebt.
*
Er senkte den Blick —
weil er nie lernte,
ihn zu erheben.
Er wollte gesehen werden.
Aber Blicke,
die er nicht kannte,
machten ihm Angst.
Also schaute er vorbei.
An Menschen.
An Momenten.
An sich selbst.
Bis er langsam begann,
sich selbst anzuschauen.
*
Wer keine Wurzeln in sich trägt,
lernt früh, sich selbst zu tragen.
Nicht weil er stark war —
sondern weil er keine Wahl hatte.
*
Die anderen Kinder erfanden ein Morgen.
Er erfand seine Herkunft
und versteckte die Sorgen.
Sie fragten nach Genen, nach Blut und Talent —
während tief in ihm
nur die Sehnsucht noch brennt.
*
Er suchte seine Mutter in fremden Gesichtern —
in jedem Lächeln,
das eine Sekunde zu lang hielt.
Er suchte seinen Vater in erloschenen Lichtern —
in jeder Stimme,
die Halt versprach
und weiterzog.
Sie gaben ihm Leben —
und ließen ihn hier.
Jetzt zieht er Linien
auf leerem Papier —
und begreift:
dass die Hand, die die Linie zieht,
seine eigene ist.
Dass sie es immer war.
*
Er ist nicht die Summe
von dem, was ihm fehlt.
Er ist der,
der ab heute zählt.
*
Kein Stammbaum im Wind.
In der Welt ganz allein —
nur ein Scherbenkind.
Aus dem Kinderheim.
*
Doch Scherben
schneiden nicht nur.
Scherben werfen Licht.
*
Und er lernte zu fliegen —
zuerst nur im Traum,
dann höher,
dann weiter.
Bis auch der letzte Zweifel verflog —
leicht,
endlich leicht.
*
Und als er landete,
wusste er:
Was er so lange gesucht hatte,
war nie fort gewesen.
Er hatte es nur nie gewagt,
es anzuschauen.
Doch wer seine Angst überwindet,
beginnt zu wachsen —
und kann endlich
den anderen
in die Augen sehen.
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© J. Laß

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