Keine Kommentare

Durchlässig

Durchlässig

 

Durchlässig 2

Das Glas zerbricht.
Im Fallen zeigt es, was es war.

Aus der Tiefe stieg etwas auf —
namenlos,
und doch: es kannte mich.
Älter als die Worte,
die ich dafür hatte.

Was wir verdrängen, schläft nicht.
Es sammelt sich —
wie Wasser unterm Stein,
das irgendwann
den Stein bewegt.

Die Krise lügt nicht.
Sie macht nur sichtbar,
was zu lange im Dunkeln lag —
und darauf wartete,
gehört zu werden.

Ich ging hindurch.
Nicht weil ich stark war —
sondern weil das Festhalten
schwerer wurde
als das Loslassen.

Seither lebt etwas in mir,
das keinen Weg mehr sucht.
Es trägt weniger.
Und wird dabei
echter.

Die Wunden nicht verhüllen —
sondern lernen,
was sie zeigen wollen.
Erst dann schließen sie sich.
Oder sie müssen es nicht mehr.

So wird man stiller.
Nicht leer —
sondern durchlässig
für das, was immer schon
da war.

In dem stillen Ja
zum Zerbrechen,
das einen
ganz macht.

© Joachim Laß

...............................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................

a jockel02 1

Anmerkung zum Text: Die Alchemie des Zerbrechens

Ich habe diesen Text geschrieben, weil es Momente gibt, in denen das Leben uns zwingt, stehenzubleiben. Nicht aus Wahl, sondern weil etwas in uns zerbricht, das wir lange zusammengehalten haben. In solchen Augenblicken zeigt sich, was wir im Alltag überdecken: alte Wunden, alte Muster, alte Wahrheiten, die sich nicht länger verstecken lassen.

„Durchlässig“ ist aus einem solchen Moment entstanden. Aus der Erfahrung, dass das Zerbrechen nicht das Ende ist, sondern der Anfang eines ehrlicheren Weges. Dass das, was wir verdrängen, nicht verschwindet, sondern wartet — geduldig, wie Wasser unter einem Stein. Und dass Loslassen manchmal weniger Kraft kostet als Festhalten. Ich wollte einen Text schreiben, der nicht erklärt, sondern begleitet. Einen Text, der zeigt, dass Durchlässigkeit keine Schwäche ist, sondern eine Form von Reife. Dass Wunden nicht verschwinden müssen, um uns ganz zu machen. Und dass das stille Ja zu unseren Brüchen oft der erste Schritt zu uns selbst ist. Dieses Gedicht ist eine Einladung, das Zerbrechen nicht als Niederlage zu sehen, sondern als eine innere Alchemie: ein Prozess, der uns verwandelt, wenn wir ihm Raum geben.J/L

.....................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................................
 
 
 
Pin It
Image
1176466

Aktuell sind 4331 Gäste und keine Mitglieder online

amanfang 2 270

Wir benutzen Cookies

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.