Der Tag beginnt

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Nein, es ist zu früh. Ich lasse meinen kranken Mann schlafen und lege mich zu den Hunden auf die Couch. An Schlafen ist nicht mehr zu denken, einer schnarcht oder hustet, einer kratzt sich mal. Der Kater beruhigt sich wieder. Die Couch ist nicht so bequem wie mein Bett. Die alten Knochen meckern. Irgendwann überkommt mich doch in der Stille die Müdigkeit. Sollte mir noch ein Nachschläfchen gegönnt sein? Gerade wenn ich wieder schlafen könnte, ist es so weit: Die Hunde haben die Uhr im Bauch. Sollte mein Mann aufstehen oder sich nur noch mal im Bett gedreht haben, die Bande bekommt alles mit.

Der Zeitungsmann ist auch angekommen. Es folgt ein ärgerliches und unfreundliches Wuff. Wer hat hier bei uns in der Morgenfrühe was am Haus zu schaffen? Mein Mann verlässt das Schlafzimmer. Die Hunde freuen sich, sie kommen zu ihm, und die Kraulorgie mit beiden Händen beginnt. Der Kater wird wieder mobil, ich lasse ihn zu uns kommen. Er besetzt seinen Besitzer bzw. seine Besitzerin und begrüßt mich lauthalt mit seinem Miauen. Es entbrennt ein Streit, wer näher zu Herrchen darf und wer mehr gekrault wird. Der Kater, der kleine hinterpfotzige Kerl, erwischt auf dem Couchtisch die höhere Position und langt aus, er erwischt den Hund mit dem dünnsten Fell, der jault auf und springt weg. Natürlich schimpfe ich. Die Ruhe ist vorbei.

Ich nehme meine Pantoffeln, und die Prozession geht in die Küche. Ich fülle die Näpfe – ein Hund bekommt Diätfutter, als Schmankerl gibt es dazu das Fleisch eines gekochten Hähnchenflügels. Das bekommt auch der Hund zum Futter, der keine Diät halten muss. Dazu ein Pulver, welches besonders herzkranken Hunden, wie es unsere Oldies sind, gut tun soll. Der eine Hund stürzt sich auf sein Futter, welches er aber nur zu einem Teil verzehrt. Der andere ziert sich noch. Dann bekommt der Kater sein Futter, auch Diätfutter, auch er ist alt, und seine Nieren arbeiten nicht mehr so gut. Zusätzlich bekommt er seit Jahren Tropfen für sein Herz aufs Futter. Dann die Pillchen für die Hunde in unterschiedliche Schälchen: einer – 1/2 Herztabl.; der Älteste mit seinen fast 17 Jahren 1 1/2 Herztabl., 1/2 Schilddrüsentabl., 1/2 Lebertabl., 1 1/2 Wassertabl. Da heißt es aufpassen, dass nichts durcheinander gerät! Die alten Kerle haben es raus – die Tabl. werden immer in Leckerchen versteckt. Meist finden sie sie und spucken sie aus, also neuer Versuch, Wechsel zwischen Leberwurst, Fleischwurst und spanischem Schinken. Der Älteste weiß genau: Wenn er eine Pille ausspuckt, kommt noch ein Leckerchen, zwar auch mit Pille, aber immerhin kommt er so auf seine Kosten.

Währenddessen richtet mein Mann unser Frühstück. Auch wir haben unser Kontingent an Pillen zu schlucken. Endlich Ruhe beim Frühstück, wenn nicht unsere kleine Bande klammheimlich versucht, an die Futternäpfe des Kollegen zu kommen. Nach einer kleinen Verdauungsruhepause, in der wir uns mal kultivieren können, geht es für die Hunde mit meinem Mann auf die Morgenrunde. Danach werden dann die Reste der Näpfe kontrolliert und verzehrt. Der Alltag hat uns wieder. Termine abarbeiten, Hausarbeit, was kochen und essen wir heute? Zubereitung und das so beliebte Spülen ist angesagt. Wenn es hoch kommt, noch Gartenarbeit oder – noch beliebter – Bügeln. Das findet im kühlen Keller statt bei Musik. Wie gut, dass es gelegentlich unsere Haushaltshilfe gibt, die uns bei der groben Putzarbeit unterstützt.

Verdammte alte Knochen, die sind so steif geworden trotz täglicher Bewegung, und sie schmerzen. Danach ist eine Ruhepause für Mensch und Tier dringend nötig. Häufiger am Tag muss ich aufpassen auf die kleinen Zeichen unseres ältesten Hundes, dann muss er raus, sonst passiert es im Haus. Urlaub irgendwo machen? Kein Gedanke dran, die Alten brauchen ihren geregelten Alltag. Und wir? Wir brauchen unsere geregelten Pausen, denn der Nachmittag ist fest in der Hand unserer Hunde. Es geht auf immer neuen Wegen durch den Wald, frei laufen, kein Auto, viel zu schnüffeln, frische Luft, natürlicher Boden, keine heiße Teerdecke, die die Hundepfoten verbrennt, Schatten, hier und da mal ein Baumstamm, auf dem man pausieren kann, gelegentlich nette Begegnungen mit freundlichen Menschen und Hunden. Gelegentlich ist mal ein Stinkstiefel dabei, aber der tut uns nur leid. Dem bleibt viel Gutes und Schönes unerschlossen. Arme Hunde, die nur auf Knopfdruck und Pfiff parieren müssen, denen Kontakte mit Artgenossen untersagt sind – dass sie böse reagieren, wen wundert es? Auf dem Rückweg wird noch der Einkauf erledigt, und es kann Abend werden, wieder mit Näpfe füllen, wieder mit Medikamentengaben für Menschen und Hunde und Kater. Langweiliges Rentnerleben? Was ist das? Wie haben wir nur früher unseren Beruf noch dazwischen bekommen? In der so warmen Zeit genießen wir noch die blaue Stunde auf der Terrasse bei einem Glas Bier oder Wein. Wir genießen unseren zu jeder Jahreszeit neuen blühenden Garten, vielleicht noch ein Pläuschchen mit den Nachbarn halten, dann zieht es uns ins Haus. Es ist so gut, alles miteinander bewältigen zu können, zu genießen, in Ruhe und Frieden alles nacheinander zu erleben. Auch in Frieden mit der Nachbarschaft leben zu können, die mit uns alt geworden ist, die mit uns gebaut und ihre Kinder aufgezogen hat und die jetzt wie wir die Früchte ihrer Arbeit genießt. Manche sind ja bereits für immer gegangen, Kinder sind in ihre Häuser gezogen, manche Häuser sind an jüngere Familien verkauft. Wir haben sie alle in unsere Nachbarschaft einbezogen. Das Leben ist schön, auch im Alter, es ist schön, Aufgaben zu haben, sie noch bewältigen zu können. Es gibt viel Grund zur Dankbarkeit für so ein Leben. Es ist noch bunt, noch interessant. Es ist gut so!

© Karin Oehl

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