En kalter Tag

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Erzählung zum Thema Verarbeitung/ Verdrängung


Es wird früh dunkel an diesem kalten Wintertag, doch der Weg vom Büro zur City ist nicht so weit und den Rest des Weges zu Fuß. Einfach nur gehen, gehen, gehen. In mir schreit es – es ist genug – stopp – es ist genug – genug …

Dann löst die dunkle Strasse die hellere Strasse der City ab und es wird laut. Die Kaufhäuser weihnachtlich geschmückt und die Strassen verunstaltet durch riesige Baustellen der halbfertigen U-Bahnschächte. Kleine Holzstege führen zu den Eingängen der Geschäfte, deren Inhaber bitter enttäuscht nach und nach ihre Kunden verlieren. Die Zugänge sind mit Tannenbäumchen verkleidet. Das Chaos längst gewohnt gehe ich mechanisch auf den Eingang zu, wo das kleinen Nagelstudio zu finden ist. Ich hatte es mir absichtlich ausgesucht, da ich dort Ruhe finde im Gegensatz zu den großen Studios, in denen es lärmt wie in einem Wirrpool.

Schon bald entkomme ich dem nun einsetzenden eiskalten Wind, der das aufkommende Schneestreiben schräg ins Gesicht bläst, bis in die lockeren Stellen der mit dem Schal festgezurrten Kapuze. Das rote Gesicht und der nasse Pony kaschieren so die unfreiwillige Tränenspur. Ich grüße und nehme Platz, als sich auch sofort jemand um mich kümmert. So ist es recht, es wird kurz angedeutet, was gemacht werden soll und die Wärme taut mich langsam auf. Der angebotene Kaffee tut sein übriges. Dann tauche ich ein in die mechanische Welt – die es möglich macht – scheinbar gleichgültig, unbekannt und ungefragt da zu sitzen, ohne Konversation. Der puls wird langsamer und auch die Gedanken fließen ruhig dahin in Nichts. Eine Asiatin bemüht sich um meine Hände, flink und locker arbeitet sie mit der Feile wie mit einem Geigenbogen, im Hintergrund klingt leise angenehme Musik. Und dann dieses Phänomen, dass diese jungen Frauen non stopp reden miteinander - wie eine Wasserfall – immer leise im gleichen monotonen Klang, ohne viel rauf und runter und Singsang in der Stimme. Doch gerade das lässt mich entspannen und meine Gedanken ruhe finden, hier muss ich weder denken, noch etwas sagen oder gar eine Empfindung zeigen. Gerade recht – für meine Situation, die nur anonym zu ertragen ist. Die polternden Sorgen fallen ab und legen sich flach und das Wortgeplänkel hin und her gleicht einer Hintergrundmusik, die alles einlullt in ein gleichförmiges „egal“

Der stumme Schrei „es ist genug“ ist weg und für eine Weile kann ich ruhig durchatmen. Wir wechseln die Tische wegen der Geräte; auch das ist eingespielt und bedarf kaum der Worte. Irgendwann sieht die Hand wieder gepflegt aus und es kommt der Moment, wo sie das warme feuchte Frotteetuch um die Hände schlägt, während sie sanft die Finger den Handballen und das Gelenk massiert. Wie gut das tut, die schmerzenden Gelenke vom Schleppen aber auch vom jahrzehntelangen Schreiben am PC bis in die Nacht, damals wegen der Bücher. Mein Blick trifft sie dankbar und sie lächelt wissend. Ich überlege, wann mich jemand das letzte Mal angelächelt hat. Nachdem ich bezahlt habe und wieder eingemummelt bin in meine Jacke, Handschuhe und Schal, stelle ich ihr ein Tütchen mit selbstgebackenem Gebäck hin, was nun wiederum sie erfreut aufblicken lässt. Ich mag den kleinen Laden.

Ein wenig entspannter, wenn auch müde verlasse ich ihn und gehe gleich nebenan noch zum Krossladen, will heißen, ein Laden indem man ab einem Euro viele Dinge kriegt, die auf den ersten Blick eher unnötig erscheinen, auf den zweiten Blick aber in großen Kaufhäusern und SB-Läden heutzutage gar nicht mehr erhältlich sind. Der Besitzer grüßt freundlich. Auch hier entgehe ich nur meiner inneren Verzagtheit und schaue mich, angeblich suchend, in den Regalen um. Schon bald werde ich fündig bei den Gewürzen und dem Kurzwarenfach. Zum Schluss krönt eine Kette meinen Kauf, sie ist nur aus Glasperlen, jedoch facettiert und glitzert hellblau und wunderschön. Sie hat einen Magnetverschluss, was sehr bequem und angesagt ist.

Der Verkäufer ist Türke, Grieche oder Araber, ich weiß es nicht so genau – jedenfalls ist er sehr freundlich, ich denke mal, er hat auch unter den Laufkunden eine große Zahl derer, die wiederkommen werden, weil sie hier finden, was es sonst nirgends gibt. Er packt die Sachen ein und kassiert, dann geht er zu einem Warenstand und nimmt ein kleines Seidenbeutelchen, welches in hellem Lila glänzt und mit goldenen Monden und Sternen bedruckt ist. Das schenke ich Ihnen, sagt er und lässt die Kette hineingleiten. Ich freue mich, nicht über das „Umsonst“, sondern über die Geste, die mir heute besonders gut tut. Nun begebe ich mich zur Bahn . Auch hier umgibt mich eine Menge Leute, die nun auch Feierabend haben und das Anonyme, dass ich als Städter gewohnt bin, rettet wieder meine Situation. Nicht lächeln müssen, nicht reden, einfach nur nach Hause fahren. Viel später stapfe ich durch den nun schon tiefer gewordenen Schnee, der erneut die Wege, Sträucher und Dächer zudeckt.

Zu Hause entledige ich meiner Einkäufe und nehme die Kette mit dem Seidensäckchen heraus und trete im Bad vor den Spiegel und lege sie um. sie sieht wunderschön aus und keineswegs billig. Doch verwundert reibe ich mir die müden Augen, was ist das? Sie ist nicht blau sondern blassviolett wie das Säckchen. Sie war blau, ich bin doch nicht am durchdrehen, das gibt es doch nicht. Dann gehe ich in allen Räumen zu den verschiedenen Lichtquellen und die Nachttischlampe zeigt die Kette nun in hellem Blau. Doch den geschliffenen Steinen ist nichts anzusehen. Da sind nicht einige Seiten blau und anderer Violett, sie sind hell und blau ringsum. Da hat mich mein Humor wieder, ich lächle – eine Zauberkette – gerade dann, als mich die Kraft meiner Fantasie verlassen wollte. Als ich mich viel später dann endlich ins warme Sofaeck schmiege, hat das Toben in mir nachgelassen.

Ich habe ihn überstanden, diesen traurigen Tag, der wieder einmal dicke Stücke von meiner Festigkeit und Zuversicht abbröckeln ließ, mit einer bissigen Kälte, die bis unter die Rippen kroch und die Spitze meines Herzens zu vereisen drohte. Noch im Einschlafen dachte ich an den Slogan „Morgen ist auch noch ein Tag“ heute kannst du nichts mehr tun und auch Weinen hilft jetzt nicht, also schlaf ruhig ein. Dann drifte ich hinweg in einen dieser unsinnigen und endlosen Alpträume …

amanfang 2 270

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