November –Totenmonat

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Wir schreiben November und dieser Monat bietet alles auf, was zum November gehört –kurze Tage, tiefhängende Wolken, die sich mit den großen Wolken der vielen Kraftwerke hier im Umfeld zusammentun und den Himmel verdunkeln.

Schlägt man die Zeitung auf, findet man gehäuft Todesanzeigen – alle Altersgruppen sind vertreten, selten wird geschrieben woran die Leute wirklich starben. So viele viel zu junge Menschen sind dabei. Es zieht uns runter. In diesem Monat ist auch der Todestag meiner Großmutter –es sind schon 54 Jahre her, dass sie starb, hochbetagt mit fast 86 Jahren.

Komisch, sie ist uns so präsent, als wäre es gestern gewesen.

Sie hat meinen Bruder und mich großgezogen. Sie war eine kleine Frau, keine reiche Frau. Das Schicksal hatte ihr viele harte Aufgaben gestellt, Ihr erster Verlobter kam beim Junggesellenabschied ums Leben. Zig Jahre später besuchte meine Mutter eine Altenpflegerin, eine alte Frau, die ins Heim gehen wollte und Mutter sollte helfen zu entscheiden, was sie mitnehmen konnte. So fiel ihr Blick auf alte wunderschöne Möbel. Die Dame erzählte von ihrem verunglückten Bruder, der diese Möbel selbst gebaut hatte und der beim Junggesellenabschied mit dem Boot auf der Ems tödlich verletzt wurde und erst Wochen nach seinem Tod gefunden wurde. Mutter wurde hellhörig, fragte nach. Ja, seine Braut hieß Anna Krude. Und meine Mutter gab sich als deren Tochter zu erkennen. Anna hat später einen Lokführer geheiratet und mit diesem meine Mutter bekommen. Dieser Lokführer aus Thüringen verstarb auch sehr jung, meine Mutter war erst 11 Jahre alt.

Die alte Dame und meine Mutter fielen sich in die Arme –Mutter bekam diese alten Möbel geschenkt und sie sind bis heute in meinem Hause.

Wie das Leben so spielt.

Meine Großmutter war eine sehr liebevolle, aber auch strenge Frau. Da sie und meine dann alleinerziehende Mutter nicht auf Rosen gebettet waren, hat sie, die schon mit 19 Jahren 11 Geschwistern Ersatzmutter sein musste, dafür gesorgt, dass wir alle immer gut ernährt wurden, sie hatte einen großen Garten –Pachtland, baute Obst und Gemüse an, Fleisch gab es selten, Aber dafür hielt sie Kaninchen, die sie auch züchtete.

Sie spielte viel mit uns – keine sinnlosen Spiele, wir waren im Garten dabei und wurden angeleitet, sie sang viel mit uns, sie erzählte in der Dämmerung am warmen Herd Geschichten.

Gab es reiche Ernte, wurde eingeweckt. Alles lernte ich von ihr, auch schmackhaft zu kochen, das Haushaltsgeld einzuteilen, nichts zu verschwenden, Resteverwertung, Backen. Darin war meine Mutter meisterlich, vor allem vor Weihnachten, Die Plätzchendosen waren immer gut gefüllt –Nur mir stank das, ich wurde immer zum Spülen vergattert und durfte nicht naschen.

Meiner Großmutter verdanke ich sehr viel. Als ich mit meinem Mann anbandelte, schien er ihr sehr gut zu gefallen. Die zwei lachten viel zusammen. Omas Hände waren vom Rheuma verformt und dick, sie trug keinen Schmuck mehr. Als es klar war, dass mein Mann und ich zusammenbleiben wollten, schenkte sie uns ihre Eheringe mit einem Segen.

1999 wurden sie mir bei einem Einbruch geklaut –Es ist nicht der verlorene Goldwert, der mich noch heute wütend macht, aber käme mir der Dieb noch heute in die Finger, würde ich übergriffig, und nicht so knapp –allein wegen der gesegneten Ringe. Alles andere verschmerze ich besser, so fehlt auch der Ehering meines Mannes u. einige andere Erinnerungsstücke.

Aber diese Eheringe –das schmerzt mich am meisten.

Oma wurde älter, schwächer, sie wurde inkontinent, Waren mein Mann und ich in der elterlichen Wohnung und wollten wir uns mal küssen, kam garantiert von Oma: Karin ich muuuuuuß mal!” Erwischte sie uns, wenn wir uns küssten, kam der Spruch; Meinee meineee könnt ihr auch wohl zusammenarbeiten?! Sie hat es nicht mehr erlebt, wie wir zusammengearbeitet haben und es heute, selbst 53 Jahre verheiratet, noch tun.

Oma war im Winter im Krankenhaus, wurde entlassen bei Tauwetter, Matsch und Nässe. Das Taxi hielt, bis zum Haus waren es noch ein paar Meter. Oma trug ihre Hausschuhe und mein Mann schnappte sich die kleine Oma und trug sie ins Haus.

Das hat sie nie vergessen und immer wieder kam der Spruch: Da hat mich doch noch mal ein junger Mann über die Stufen getragen!”

Ja, sie liebte meinen Mann sehr.

Und nun ist sie schon so lange tot. Im Grab neben ihr liegt nun ihre Tochter schon 20 Jahre lang.

Und wir? Wir sind alte Menschen geworden und doch ist uns diese kleine Oma noch so präsent. Ich verdanke ihr viel und würde sie heute noch aus der Erde holen, wenn sie dann wieder hier wäre. Menschen, die man liebt, vergisst man nicht.

November –Totenmonat –in Gedanken feiern sie Auferstehung –so oft.

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© Karin Oehl

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