Angelface

Angelface 1

Das Leben genießen ohne Schaden zu nehmen. Meine Seele wie die auch anderer Menschen die sich öffentlich äußern, ist bedeckt mit Schrunden und Rissen vergangener ge - und erlebter Zeiten, ähnlich wie ein alter verholzter Baum der einsam am Rand der Wüste steht.

Ausgeliefert den Stürmen und Gezeiten des Lebens. Mal gebeutelt, gestreichelt, geliebt oder gehasst. Doch er steht und behauptet sich im Leben. Seine Lebensrillen sind seine Geschichten, so wie meine Geschichten zu mir und meinem Leben gehören.

So entstehen Texte, die oft keiner außer mir versteht, dann, wenn sie mich anfallen wie ein wildes Tier - Texte, die mich am Morgen begrüßen wie ein lieb gewordener Freund.Texte, die ich mag und liebe es sind meine Gedanken - meine Emotionen - meine Gefühle die auf dem weißen Blatt meiner Gedanken entstehen ohne dass ich sie plane...

                                                Zitat: Angelface

 

Vorwort

»Nach und nach baut Angelface aus erlebten, gefühlten, und verarbeiteten Erlebnissen ihre Geschichten, oder Gedichte. So spielt bei ihr nicht nur das Motiv des Schreibens selber eine Rolle, sondern auch die Schlaflosigkeit oder das Fremdsein in einer anders gefühlten Welt. Den eigentlichen Dreh jedoch verleiht sie ihrem Texten, indem sie das sprechende Ich in Erinnerungswelten abtauchen lässt. «

Bereits im Portrait habe ich über diese beeindruckende Frau und ihrem künstlerischen Schaffen berichtet,heute nun ist an dieser Stelle ihre Lebensgeschichte  an der Reihe.

Zur Einstimmung auf ihre Lebensgeschichte beginnen wir mit diesem Gedicht


 manchmal trägt mich mein Schuhwerk nach dorthin

wohin ich nicht will

dann denke ich

wie würde ein Vogel zwitschern

wenn man ihm seine Federn beschneiden würde

ich folge ihm gern

sehe zu wie er fliegt

beneide nicht Fähigkeiten

die ich nicht habe

wäre aber gern wie er

grenzenlos frei

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© angelface


Angel Kind

 Es ist nie vorbei!

 Der blaue Monitor meines PCs leuchtet, ein kleines bewegliches Rad dreht sich und verkündet mir:

einen Moment Geduld bitte“!

Ich habe keine Zeit mehr, auch wenig Geduld, beides ist begrenzt, wenn ich aufschreiben möchte was mir begegnet ist und welche Gefühle mich durchströmen.

–        Erkenntnisse - Abhängigkeit – -  Bekenntnisse vor mir selbst und auch vor anderen.

–        Lebensbeichten nennen es andere die dies lesen.

–         Es ist völlig egal was mir andere empfehlen, mir raten, mich belehren möchten – mir „Gutes tun“ , indem sie ihre eigenen Erfahrungen auf mich übertragen.

–        Was hat mein Leben mit dem der anderen zu tun?

–         

–        In unterschiedlichen Abschnitten und Abständen in meinem Leben erfuhr ich, was Abhängigkeit und Kampf heißt ohne sie wirklich zu erkennen.

–        Aber ich habe mich immer gegen das Gefühl gewehrt Opfer in irgendeiner Rolle zu sein.

–        Dennoch braucht es unendliche Geduld, anderen etwas zu erklären und da kommt mir regelmäßig das Gefühl dazwischen, wem und vor allem - warum soll ich jemandem etwas erklären was ein anderer nicht kennt.

–        Als knapp 22-jährige in den späten Sechzigern nach der früheren Heirat wie eine Prinzessin auf der Erbse gehalten zu werden, weil man geliebt wird, schmeichelt und man sagt nicht nein.

–        Ich habe nicht nein gesagt, weil ich eine solche Liebe nicht kannte.

–        Zwischen zwei Brüdern als zweite Toastscheibe in einer Familie aufgewachsen, die bei mir mit knapp neun oder zehn Jahren nur aus der Mutter bestand, da bekommt man das Gefühl man muss sich entweder durchsetzen oder sich anpassen, um nicht ständigem Ärger ausgesetzt zu sein.

–        „Mädchen sind schwach und haben nicht viel zu sagen“, die Buben haben das Wort das sie einsetzen, weil sie die Stärkeren sind.

–        Worte die ich nie vergessen habe. Sie sind in mich eingebrannt wie ein Gebet.

–         Meiner Mutter wurde immer von anderen vorgehalten sie sei lebensuntüchtig und unfähig ihre Kinder alleine großzuziehen, dies Bewusstsein hat sie mir mitgegeben und – wie ich heute weiß – ihr Gefühl auf mich übertragen.

–        „Mädchen sind etwas Besonderes, sie müssen sich doppelt anstrengen um wahrgenommen zu werden, sie müssen darum beten“, – auch dies eine Aussage, die mir anscheinend so üblich in den Fünfzigern tief eingepflanzt wurde.

–        Also strengte ich mich an. Ich strengte mich mächtig an und konnte dennoch nie das Gefühl überwinden unzulänglich zu sein, nicht zu genügen.
Die Mutter als starke dominante Persönlichkeit die ihre vermutlich an-erworbene Härte mit Freundlichkeit, Höflichkeit und angeblicher Schwäche durch  ihren erhöhten Blutdruck kaschierte, war sehr gläubig um nicht zu sagen streng katholisch, mir kein Vorbild sondern blieb mir eher fremd.

–        Sie war klug, sehr belesen, ein wenig hochmütig und eigen, hatte einen ungeheuren   Wortschatz und eine angeborene Eleganz.
Sie stammte /angeblich laut Stammbaum - aus einer ehemals alten irischen Adelsfamilie und hielt sich immer für etwas Besseres die weit unter ihrem Stand geheiratet hatte.

–        Ihr über alles geliebter strenger Vater war früh verstorben, die zarte Mutter folgte ihm wenig später aus Herzschmerz nach.
Die ältere Schwester  - Lieblingskind des Vaters, beging / angeblich Selbstmord aus unglücklich nicht erfüllter Liebe.
 Meine Mam  wurde im 2. Weltkrieg  in Berlin ausgebombt und flüchtete mit mir und dem großen Bruder der als Kruppkind sehr gefährdet,  kaum die Folgen der Flucht überstand.
Ich weiß nicht viel über diese Zeit, nur bruchstückhaft, dass sie beschwerlich war und sie ihre eigene Ausbildung unterbrechen musste, weil sie das damalige Studium ihres Mannes zum Arzt mitfinanzieren musste.

–        Er stammte aus einer großbürgerlichen Familie der Frankfurter Banker,  diese wurden  gerne zur damaligen Zeit  als Neureiche bezeichnet und meine Großmutter behauptete immer stolz:
ihr Pelzmantel wäre ihr schicker Kleinwagen.
Als Arzt machte der  Sohn bei der Bundeswehr  Karriere und verließ meine Mutter  bevor sie  33 wurde und das Dritte Kind, mein jüngerer Bruder auf die Welt kam.

–         Als ich 18 wurde, erfuhr ich so nebenbei von ihr, dass mein Vater damals 13 Unterhaltsprozesse gegen sie führte, weil er die beiden Erstgeborenen um den Unterhalt zu sparen -  für sich ein-prozessieren wollte.

–        Mit 14 kam mein älterer Bruder zu ihm weil mein Vater, den ich kaum kannte und an den ich mich heute kaum mehr erinnern kann – zu ihm, um eine „vernünftige Ausbildung“ zu bekommen.

–        Was er wurde – werden sollte – steht für mich in den Sternen, ich bekam kaum etwas davon mit, weil ich selbst mit dem restlichen > Familien – und Schulleben beschäftigt war.

–        Meine Ausbildung fand in einem Institut der englischen Fräuleins der 60ziger Jahre statt.

–        Streng, gläubig, angepasst und gehorsam, ein Nein fand nie statt, es gab immer nur ein

–         Ja, Schwester.

–         Wo hätte ich ein Nein lernen sollen?
Als ich meinen damaligen Verlobten  der Zeitsoldat bei der Bundeswehr war, - während meiner eigenen Ausbildung zur Kinderkrankenschwester kennenlernte, war es erst einmal der Himmel auf Erden für mich.

–         Ich hatte den Beruf erwählt, hatte Freiheiten die ich nicht kannte, Mitspracherecht, wurde gesehen und hofiert, verwöhnt und aus Liebe verhätschelt, die sich später in der Ehe eher als Kontrollmechanismus herausstellte.

–        Doch ich liebte, heiratete, zog mit in seine Heimatstadt um, bekam rückständige strenge aber nette und freundliche Schwiegereltern an die Hand gestellt, das Erziehungsmuster wiederholte sich und ich erkannte es nicht.

–        Mein Wunsch  in der Ehe selbstständig zu werden erfüllte sich nicht, er war wahrscheinlich lange in mir selbst verborgen und ging in den Ansprüchen anderer – vor allem an denen meines Mannes -  der Arbeitsstelle, der gemeinsamen Freunde, an den immer noch den heimlichen der Mutter an mich – unter.
Ich bekam unsere gemeinsame Tochter und arbeitete in der Klinik und in Praxen erst halbtags dann ganztägig und zusätzlich als Nachtwache in Privatkliniken.

–        16 Jahre Ehe an der Seite eines fleißigen, korrekten, netten wortkargen Mannes machten mich zu einem J a- Sager aus Furcht vor harten Worten, Ablehnung und Missbilligung.

–         Als ich mich endlich befreite und mit der gemeinsamen 14-jährigen Tochter an meiner Seite ging, mochte ich meinen Mann noch, fühlte mich aber völlig unselbstständig, in eigenen Entscheidungen ständig unsicher und missverstanden.

–        Ich konnte nichts außer Haushalt führen, mich ein wenig gegen die Erziehungsmaßnahmen meiner Schwiegereltern versuchen durchzusetzen, ein heranwachsendes Kind erziehen und im Beruf arbeiten den ich gewählt hatte, weil ich ihn liebte.

–        Anderen zu helfen wurde ein Bedürfnis für mich, so wurde ich zur Arzthelferin die eigentlich nach Lambarene auswandern wollte um dort die ganz Schwachen Stütze zu sein.

–        Aus diesem Wunsch wurde nie etwas, die Fürsorge und Verantwortung, die Liebe zum Kind war wichtiger als mein Bedürfnis.

–         Als ich  mit  eigenen 32 Jahren den gemeinsamen Haushalt verließ und auf den Wunsch meiner Mutter auch ihren Umzug organisierte, mit einem gemeinsamen Umzugswagen, ihr und der Tochter  und mit der Hilfe meiner beiden Brüder nach Hessen umzog, wusste ich nicht, wie man ein eigenes Konto eröffnet, eine Wohnung selbst anmietet und einen Führerschein macht um unabhängig zu werden.
Alles war mühsam, alles war erst einmal falsch und schwierig, die Umstellung gelang mir schlecht.
Wie man ein Brett an die Wand bekommt, mit einer Bohrmaschine umgeht – Möbeleinkäufe auf Rechnung tätigt  -  all das wusste und konnte ich nicht
Man könnte auch heute dazu sagen: ich wurstelte mich so durch indem ich andere fragte wie etwas geht.

–        Aber ich fühlte mich frei, zum ersten Mal in meinem Leben nicht gegängelt, gemaßregelt und erzogen, nicht belehrt und konnte lernen was mir Spaß machte, ich wurde flügge, spät, aber doch – sagte ich mir.

–        ich begann noch mitten im Beruf - zu schreiben und legte es nicht mehr ab selbst dann nicht als ich nach über 40 Jahren den Beruf an den Nagel hängte und nur noch schrieb.

–         Tagebücher, die ich nicht verstecken musste, Briefe an Freunde – Geschichten über die Natur, meine Katzen, über Freundschaften – es entstanden Gedichte, laute Gedanken, längst vergessene Wünsche  und Anekdoten, kleine Essays, Kolumnen.
Eine Schreibgruppe besuchte ich nie, warum und wozu auch, es glitt mir ja alles von leichter Hand wie von selbst aus der Feder.

–        War es wirklich nicht – zu spät?
Ich glaube heute, dass ich wirklich frei durch mein Schreiben wurde...

–        es war und wurde Therapie für mich – ich lernte Leichtigkeit durch Erkennen.

–         Doch immer wiederholte sich das Muster, dass mir Menschen begegneten die alles besser wussten als ich, die mir ihre Wünsche an mich aufdrängen und unter dem Deckmantel der freundlichen Zu Gewandtheit aufzwängen wollten, die mich für zu „schwach „hielten mich durchzusetzen. So begann ein Kampf des sich ständigen Wehrens.
 Ich habe viele Schaumschläger beiderlei Geschlechts in meinem beruflichen und privaten Leben kennen gelernt und bin ihnen zum Teil wegen ihrer Freundlichkeit auf den Leim gekrochen.

–         Es hört nie auf – aber ich höre auch nie auf – dagegen anzukämpfen.

–        Deshalb schreibe ich und wurde zum Verfechter der Worte.

–         Schreiben ist für mich - mich befreien vom Alltag – mich befreien von meinen Gedanken – loslassen was mich quält – Ängste und Sorgen beiseiteschieben – schreiben ist fliegen für mich – schreiben ist meine Phantasien ausleben – gedanklich auf Reisen sowohl in die Vergangenheit als auch in die Zukunft sehen und  darüber meine Traurigkeit vergessen -

–        schreiben ist für mich Gott danken,  dass er mir die Gabe gegeben hat mich auszudrücken um verstanden zu werden, ohne Bitterkeit zu sein, das hab ich gelernt, denn Freundlichkeit, Güte, Beständigkeit und Zuverlässigkeit, Liebe auch anderen zu geben ohne den Anspruch zu haben sie wiederzubekommen -  ist das Wichtigste im Leben ehe man die Seiten wechselt und nicht mehr ist.
Erfolg zu haben ist dagegen nichts.

–         

                         © Angelface 19.05.2021


Kommentar

Beim lesen dieser Geschichte habe ich wirklich eine Gänsehaut bekommen, mir bleibt nichts weiter als Danke zu sagen. Danke für die Offenheit, die Ehrlichkeit, vor allem aber Danke, für die langen Jahre in denen sich unsere Wege immer mal wieder im Literaturbetrieb gekreuzt haben. Danke für den intensiven Gedankenaustausch, Danke an einen wunderbaren Menschen.     19.05.2021 J/L

 

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