News 2022

 
 News             22
 
 Hier finden sie aktuelle Meldungen und News zu dieser Seite ,sowie aktuelle Neuerscheinungen unserer Autor*innen .

Neben den literarischen Beiträgen finden sie hier auch Meinungen, Beiträge und Reportagen aus dem aktuellen Zeitgeschehen. Unternehmen Sie mit uns gemeinsam eine Reise durch dieses Jahr.


 
 
Mai 2022
 
Wenn in bangen, trüben Stunden
 
Wenn in bangen, trüben Stunden
Unser Herz beinah' verzagt,
Wenn, von Krankheit überwunden,
Angst in unserm Innern nagt,
Wir der Treugeliebten denken,
Wie sie Gram und Kummer drückt,
Wolken unsern Blick beschränken,
Die kein Hoffnungsstrahl durchblickt:

O! dann neigt sich Gott herüber,
Seine Liebe kommt uns nah':
Sehnen wir uns dann hinüber,
Steht sein Engel vor uns da,
Bringt den Kelch des frischen Lebens,
Lispelt Mut und Trost uns zu,
Und wir beten nicht vergebens
Auch für der Geliebten Ruh'.
 
Novalis, * 02. Mai 1772 als Georg Philipp Friedrich Freiherr von Hardenberg auf dem Gut Oberwiederstedt bei Mansfeld, † 25. März 1801 in Weißenfels,war ein bedeutender deutscher Schriftsteller und Philosoph der Frühromantik.


 Literatur/ Termine im Mai
 

 
 

April 2022
 
Gedanken zum Krieg
 
Die russische Schriftstellerin Anna Achmatowa (1889–1966) versuchte in ihrem Gedicht „2. August 1914“, das Unsägliche auszusprechen und mit Bildern zu fassen. Die Übersetzung stammt von Johannes von Guenther:

Des Wacholderdufts süße Herbe
Steigt aus brennender Wälder Schoß.
Witwenjammer im Dorf will nicht sterben.
Die Soldatenfraun klagen ihr Los.
Daß der Himmel uns Regen schenkte,
Schrie manch Bittgottesdienst ins Blau:
Aber rote Feuchtigkeit tränkte
Jetzt warm die zertretene Au.
Leere, niedrige Himmel weilen,
Doch des Betenden Stimme schwand...
Deinen heiligen Leib sie zerteilen
Und sie würfeln um Dein Gewand.

Maya Angelou , in diesem Gedicht, das sich auf natürliche Bilder beruft, um das menschliche Leben über einen langen Zeitraum darzustellen, lässt diese Zeilen den Krieg explizit anprangern und nach Frieden rufen, in der Stimme des "Felsens", der seit frühester Zeit existiert:

Jeder von euch ist ein Grenzland,
zart und seltsam stolz gemacht,
aber immer wieder belagert.
Deine bewaffneten Profitkämpfe
haben Abfallkragen an
meinem Ufer hinterlassen , Trümmerströme auf meiner Brust.
Doch heute rufe ich dich an meinen Fluss,
wenn du den Krieg nicht mehr studieren willst.
Komm, in Frieden gekleidet und ich werde die Lieder singen, die
der Schöpfer mir gegeben hat, als ich
und der Baum und der Stein eins waren.

Literaturveranstaltungen:
 

03. April 2022: One Day Virtual Retreat, Online-Event


21. – 24. April 2022: Literatur & Wein, Krems/Stein bei Göttweig


23. April 2022: Welttag des Buches


23. – 30. April 2022: 6. Aschauer Autorenwoche, Clausen


29. April – 01. März 2022: Miss Read: The Berlin Art Book Fair 2022, Berlin


 Literaturwettbewerbe:
 
Kurzgeschichtenwettbewerb der Hochschule Heilbronn

📗Thema: Fremdsein - Heute bin ich in einem anderen Land aufgewacht
📘Junge Newcomer
📙Max. 6000 Wörter, bis 20. Mai
📓Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
 
 Mein Buch des Monats : April
 
Swetlana Alexijewitsch
Die letzten Zeugen
Kinder im Zweiten Weltkrieg
Aus dem Russischen von Ganna-Maria Braungardt
 
Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sprechen Männern und Frauen, die beim Einmarsch der Deutschen in Weißrussland noch Kinder waren, zum ersten Mal darüber, woran sie sich erinnern. Ihre erschütternden Berichte machen Die letzten Zeugen zu einem der eindringlichsten Antikriegsbücher überhaupt.

»Ich bat sie alle um eines«, schreibt Alexijewitsch. »Sich an ihre kindlichen Worte zu erinnern. An ihre kindlichen Gefühle. Zurückzukehren in jene Zeit, als sie noch Engel waren. Denn ich wusste: Mit anderen Worten lässt sich das nicht wiedergeben.« Oft sind diese Erinnerungen nur Bruchstücke, und doch haben diese Kinder Dinge gesehen und erlitten, die niemand, am allerwenigsten ein Kind, sehen und erleiden dürfte.

Nobel- und Friedenspreisträgerin Swetlana Alexijewitsch erweist sich einmal mehr als begnadete Zuhörerin und große Chronistin. In ihren Texten versteht sie es, den Erfahrungen von Menschen in Extremsituationen, im Ausnahmezustand, einen einzigartigen Resonanzraum zu verschaffen.
 
****Fazit: Zeitgemäß und lesenswert
 

 Meinungen zum Krieg
Inzwischen haben auch die russischen Kinderbuchautoren ihre Stimme gegen den Krieg erhoben, die Illustratoren, Verleger und Pädagogen. In einem offenen Brief riefen sie den russischen Präsidenten Wladimir Putin und seine Regierung dazu auf, den Krieg in der Ukraine zu beenden. "Kinderbuchliteratur erzählt den Kindern über ihre Zukunft, sie bereitet sie auf ein anständiges Leben als Erwachsene vor", heißt es in dem Schreiben: "Wir können und werden ihnen nichts über das Leben erzählen, das Sie für sie vorgesehen haben." Russland sei in einen Krieg gezogen worden, der den Kindern die Zukunft raube, schreiben sie.
 

Dass sie überhaupt von "Krieg" schrieben, nicht von "Spezialoperation", ist dabei schon das erste Risiko. Das Wort "Krieg" hat die russische Medienaufsicht Roskomnadsor verboten, was zu kafkaesken Disclaimern führt.

Auf der Seite des russischen Senders Echo Moskwy, der den Brief der Kinderbuchautoren veröffentlichte, heißt es, Roskomnadsor halte die Informationen über Gefechte in ukrainischen Städten und über den Tod ukrainischer Zivilisten "infolge der Handlungen der russischen Armee" für "nicht der Wirklichkeit entsprechend", ebenso wenig wie die Begriffe "Angriff", "Invasion" oder "Krieg" - die der Sender damit natürlich gerade nannte.

Der Kontinent erlebt in diesen Tagen einen Bruch aller Gewissheiten, den Anbruch einer neuen Zeit, die präzedenzlos erscheint, aber mit der schockartigen Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und der völligen Neuordnung aller strategischen, militärischen, geopolitischen Optionen innerhalb von Stunden Erinnerungen weckt. Womöglich wird man auf den 24. Februar, den Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, einmal zurückschauen als Europas 9/11.
 

Alles Ringen um Verhandlungspositionen und inhaltliche Differenzen wie die Nato-Osterweiterung oder die Neutralität der Ukraine scheint überholt. Zieht man die propagandistischen Schlüsselbegriffe ins Kalkül, die Behauptung eines ukrainischen "Genozides" an der russischsprachigen Bevölkerung, die Notwendigkeit der "Entnazifizierung" eines Landes, dessen Präsident Selenskij Jude ist, hört man, wie russische Medien die Sanktionen gegenüber Russland wieder und wieder nicht als Boykott, sondern als "Blockade" bezeichnen wie einst um Leningrad, und beobachtet man, wie Putin am Sonntag im Beisein seines enorm bedrückt wirkenden Verteidigungsministers Schoigu und seines Generalstabschefs Gerassimow die russischen Nuklearwaffen in Alarmbereitschaft versetzt, dann geht es längst um Größeres. Im einsamen Herbst seiner Herrschaft schließt Russlands Präsident Putin rhetorisch an den glorreichen Sieg seines Landes über Nazi-Deutschland an, und niemand kann garantieren, dass seine Beschwörung eines finalen russischen Ringens mit feindlichen - diesmal: westlichen - Mächten nur Rhetorik bleibt.

Den Ukrainern hilft diese kontinentale, ja, universale Ausweitung des Krieges erst einmal nicht viel. Je mehr Waffen die alarmierten EU-Staaten schicken, darunter inzwischen auch Deutschland, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit von Hast und Härte auf russischer Seite. Nach dem verstolperten Einmarsch hat Russlands Armee wenig Interesse daran, dass die Eroberung mit einem immer besser ausgerüsteten Gegner noch schwieriger wird.

Im Zeitalter der Finsternis

Russlands Staatsfernsehen präsentiert Militärsprecher, die die Vermeidung ziviler Opfer als oberstes Ziel der "Spezialoperation" beteuern, während sich Moderatoren und Experten zugleich darüber empören, dass das ukrainische Regime seine Bevölkerung angeblich als "menschliche Schutzschilde" benutze. Es ist die Vorwegnahme künftiger Schrecken. Sollten Bilder getöteter Frauen und Kinder in Kiew oder Cherson auch in Russland ankommen, dann wären die Toten in dieser Logik nicht die Folge exzessiven russischen Waffeneinsatzes, sondern die Schuld der verbrecherischen ukrainischen Politik. In den Staatsmedien ist weiterhin die Rede von einer "Verteidigung des Donbass", als wäre nie ein russischer Panzer jenseits von Luhansk und Donezk gerollt.

Und doch wächst der Protest in Russland an, gerade unter Kulturschaffenden. Tausende Künstler und Architekten, Kuratoren und Galeristen, Kunsthistoriker und Fotografen aus dem ganzen Land haben Petitionen unterschrieben, ebenso 250 russische Comedians - wenn man so will: Berufskollegen des einstigen Komikers Selenskij. Es sei ihre Lebensaufgabe, Menschen andere Perspektiven nahezubringen und sie zum Lachen zu bringen. Krieg aber wecke einzig Gefühle von Angst und Ohnmacht, "egal aus welcher Perspektive".

Der ewig dissidentische Rock-Star Juri Schewtschuk rief zum Frieden auf. Der Geiger und Dirigent Wladimir Spiwakow sprach sich gegen den Krieg aus, das Moskauer Tschechow-Theater und der Generaldirektor des Bolschoi-Theaters, Wladimir Urin. Der Krimischriftsteller Boris Akunin schrieb in der unabhängigen Internet-Plattform Medusa, ein neues, furchtbares Zeitalter sei angebrochen, furchtbar für die Ukrainer, furchtbar für die Russen, die von einem "Wahnsinnigen" regiert würden, furchtbar selbst für jene, "die jubeln": "Putinland und Russland ist nicht dasselbe", so Akunin: "Aber die Welt wird zwischen den beiden nicht mehr unterscheiden."

Die "Garasch", das Moskauer Museum für Zeitgenössische Kunst hat erklärt, es werde die Arbeit einstellen und alle Ausstellungen verschieben bis zum Ende der "menschlichen und politischen Tragödie" in der Ukraine. Man wolle nicht die "Illusion von Normalität" unterstützen. Die "Garasch" gehört Dascha Schukowa, der Ex-Frau des Milliardärs Roman Abramowitsch, der gerade die Leitung des FC Chelsea abgegeben hat.

Im Moskauer Kunstforum GES 2 ein paar Hundert Meter von der "Garasch" entfernt an der Moskwa, hat der isländische Künstler Ragnar Kjartansson seine Eröffnungsausstellung "Santa Barbara" vorzeitig beendet. GES 2 war erst im November - nach einem Besuch Putins - mit gigantischem Aufwand an Medien und Material eröffnet worden.

Moskauer Bars wie die "Strelka Bar", Klubs wie "Powerhouse" und unabhängige Kultureinrichtungen wie "Bumaschnaja Fabrika" wollen für die Dauer des Krieges keine Konzerte mehr geben oder ihre Einnahmen spenden. Auf dem Ausstellungsgelände BDNCh im Norden der Stadt sind alle Veranstaltungen zum bevorstehenden Masleniza-Fest abgesagt.

Man kann das als Krokodilstränen abtun, als späte Reue von Kulturschaffenden, die Putin nicht verhindert und es sich oft ganz gemütlich eingerichtet haben. Und natürlich spricht hier der westlich orientierte, mobile, urbane Teil der Gesellschaft, Künstlerinnen und Künstler, die Forschenden, die in Jahrzehnten Beziehungen zu westlichen Universitäten, Theatern und Museen aufgebaut haben und neben allem Entsetzen über Russlands Angriff auf das Nachbarland auch ganz direkt getroffen sind.

Auf Eis legen? Das wäre das Schlimmste

Wer in der Provinz wohnt und nie die Möglichkeit hatte, nach London oder Paris zu reisen, wer außer den staatlichen Medien wenig mitbekommt, der sieht keinen Grund für Empörung.

Kreml-Kostgänger wie der Regisseur Nikita Michalkow haben den anwachsenden Protest unter den Kulturschaffenden ohnehin längst diffamiert. Seinen Künstler-Kollegen gehe es gar nicht um die Ukraine, so Michalkow, sie "heulten" aus Angst vor Sanktionen, schließlich besäßen sie Haus und Yacht im Ausland, was ein interessantes Verständnis von den Einkommensverhältnissen russischer Künstler verrät.

Man denkt an Maxim Kantors hellsichtiges Buch "Rotes Licht" über die Krim-Annexion 2014, in dem eine russische Schriftstellerin im Fernsehen flötet: "Der russische Intellektuelle von heute muss wieder lernen, was Wahrheit ist. Wahrheit heißt Einigkeit."

Wie stark diese Einigkeit erodiert, wie tief der Riss nicht nur durch Russlands kulturelle Community geht, sondern auch durch die Gesellschaft, die auf einen Krieg gegen den Nachbarn und Särge mit russischen Soldaten nie vorbereitet wurde, dürfte eine der wichtigsten Fragen der nächsten Zeit sein.

Noch gibt es keinerlei Anzeichen für Verwerfungen an der Spitze, weder in den politischen noch in den wirtschaftlichen Eliten, geschweige denn in den Streitkräften. Wenn jedoch Jewgenij Roisman, Ex-Bürgermeister von Jekaterinburg, den Einmarsch in die Ukraine als "Verrat am eigenen Volk" bezeichnet, wenn sich nicht nur die Tochter des Putin-Sprechers Dmitrij Peskow, Elisaweta, sondern auch die Tochter des tschetschenischen Machthabers Ramsan Kadyrow, Aischat, gegen den Krieg äußern, dann ist das nicht der Anfang vom Ende der Putin-Herrschaft, aber dennoch erstaunlich.

Es sind Tage der Solidarität, aber auch der Bekenntnisse. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat die Theater aufgefordert, mehr ukrainische, russische und belarussische Stücke ins Programm zu nehmen. Die Empörung über Valery Gergiev, Putin-naher Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, hält an. Zwar hatte er sich zum Krieg noch gar nicht geäußert, aber seine Auftritte in der Mailänder Scala und in der Hamburger Elbphilharmonie stehen dennoch in Frage. Auch der Münchener Oberbürgermeister Dieter Reiter hat schon Konsequenzen angedroht. Kirill Petrenko und Anna Netrebko haben sich hingegen mit Friedensbotschaften gemeldet.

Und Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, will Projekte mit Russland erst einmal auf Eis legen. So einleuchtend das zunächst klingt: Für viele russische Künstlerinnen und Künstler dürften sich damit schlimmste Befürchtungen bewahrheiten.

Quelle:Sonja Zekri

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März 2022
 
 
 
MÄRZ
Schon wieder mischen sie Beton.
Von rostiger Armierung taut
die letzte Hemmung, Fertigteile
verfügen sich und stehen stramm:
Komm. Paß dich an. Komm. Paß dich an.
Als meine Wut den Horizont verbog,
als ich den Müll nicht schlucken wollte,
als ich mit kleinen spitzen Verben
Bereifung schlitzte – Warum parken Sie? –,
als ich den Pudding durch ein Haarsieb hetzte
und ihm sein rosa Gegenteil bewies,
als ich mir Schatten fing, als Schattenfänger
bezahlt, danach veranlagt wurde,
als ich die Nägel himmelwärts
durch frischgestrichne Bänke trieb,
als ich Papier, mit Haß bekritzelt,
zu Schiffchen faltete und schwimmen ließ,
als Liebe einen Knochen warf
und meine Zunge sich Geschmack erdachte,
als ich beschloß, die Gürtelrose zu besprechen,
nur weil im Welken noch drei Gramm Genuß,
als ich, es nieselte, die Bronze leckte
und schwellenscheu die Fotzen heilig sprach,
als meine Finger läufig wurden
und längs den Buden jedes Astloch deckten,
als ich die Automaten, bis game over,
bei kleinen Stößen Klingeln lehrte,
als jede Rechnung unterm Strich
auf minus neunundsechzig zählte,
als ich bei Tauben lag und schwören mußte:
Nie wieder werde ich mit Möwen! –
als ich ein Ohr besprang, um Ablaß bat:
Zu trocken sind die Engel und zu eng! –
als nur noch Kopfstand mir Vokabeln gab:
Ich liebe dich. Ich liebe dich. –
Als Winterfutter aus den Mänteln
geknöpft und eingemottet wurde,
als sich das Treibhaus bunt erbrach –
Lautsprecher in den März gestellt –,
als Kitzel Krätze Fisch und Lauch
sich stritten, brach der Frühling aus:
Ich hab genug. Komm. Zieh dich aus.
...........................................
Günter Grass wird am 16. Oktober 1927 in der damaligen „Freien Stadt Danzig“ geboren. Nach dem Besuch der Volksschule und des Gymnasiums meldet er sich, wie er 2006 in seinem Erinnerungsbuch „Beim Häuten der Zwiebel“ bekannte, freiwillig zur U-Boot-Truppe.

Mein Buch des Monats März: "Eine andere Zeit" von Helga Bürster
Das Buch spielt vorwiegend in Kamp, einem winzigen Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, und handelt von Verlusten, mit denen man zu leben lernen muss.
 

Es gibt dieses Dorf wirklich: Kamp. Das sind nur ein paar Häuser, eine einzige Straße und ein Fähranleger. Hier wohnt Enne. Schon fast immer. Vor dreißig Jahren, nach der Wende, waren viele fortgegangen. Dafür kamen später andere:Nach all den einsamen Jahren brannte in den Fenstern der hastig verlassenen Häuser wieder Licht. Dieser winzige Ort mitten im Nirgendwo zog die Sehnsüchtigen an. Christina kam als Erste. Die Kusine aus dem Westen hatte schon immer vom Kamp geträumt. Das zog Kreise. Nach ihr kamen die Einsiedler, Künstler und Macher. Die kauften eine Bruchbude nach der anderen weg, um sie wieder herzurichten.
 
Helga Bürster beschreibt den Mikrokosmos Dorf
Helga Bürster kennt dieses reale Dorf gut. Freunde von ihr leben dort und sie war oft zu Gast. Sie hat ein Faible für abgelegene Orte, sagt sie. Und für Dörfer, in deren Mikrokosmos es viel zu entdecken gebe: "Das Dorf ist der Ort, über den ich schreibe, weil ich wirklich finde, dass sich alles da drin kumuliert, dass alles zusammengedampft ist", erzählt Helga Bürster. "Die Stadt ist mir als Kulisse zu unübersichtlich. Ich persönlich verliere da den Überblick."
"Eine andere Zeit" ist die Geschichte der Schwestern Enne und Suse, die in den 1970er-Jahren im abgelegenen Kamp aufwachsen. Helga Bürster erzählt auf mehreren Zeitebenen, ihr Ton ist sanft, ein bisschen melancholisch, die Sprache klar und ohne Schnörkel.
 
Die Eltern der Schwestern arbeiten hart und vor allem der Vater hat es nicht so mit der DDR. Ganz im Gegenteil zu Enne, die eine gute Sozialistin sein möchte. Und sie ist lebenshungrig, sagt die Autorin: "Sie möchte aus dem Dorf entkommen. Das hat nicht politische Gründe, sondern sie möchte einfach leben. Das kann sie in diesem Dorf nicht. Und dann beschließt sie nach Berlin zu gehen und Schauspielerin zu werden. Aber (...) sie scheitert und kehrt zurück (...), weil sie merkt, sie muss sich um ihre Familie kümmern."

Die kleine Schwester verschwindet spurlos
Der Grund für Ennes Rückkehr ist Suse. Die kleine Schwester ist so ganz anders. Als Kind war sie kränklich, ein bisschen seltsam, fast zurückgeblieben. Auch später bleibt sie seltsam, kleidet sich ganz in schwarz und ihre einzige Freundin ist die alte Nachbarin Alma. Suse liebt das Dorf und will niemals fort. Um so größer die Katastrophe, als Suse regelrecht abhanden kommt. Mit ihrem Freund Eddy war sie am Tag der Grenzöffnung, im August 1989, in Ungarn. Wie durch einen Zaubertrick verschwindet sie:
 
Wir sind beide stehen geblieben. Wir wollten umkehren, weil das alles ziemlich unübersichtlich wurde, aber von hinten wurde gedrängelt. Und dann ist dieser blöde Köter plötzlich losgerannt, hat vielleicht seine Leute gerochen oder was weiß ich. Und Suse ist hinterher. Ich hab sie dann nicht mehr gesehen.

"Eine andere Zeit": Berührender Roman über Verluste
Suse bleibt verschwunden und wird sich nie wieder melden, für die Familie bedeutet das eine ewig offene Wunde. Mutter Lore stirbt vor Kummer, Enne kehrt ins Dorf zurück, wo sie bis heute lebt. Und dann zieht in das Haus der alten Alma eine geheimnisvolle Frau ein. Die Gerüchte im Dorf kochen hoch.
"Eine andere Zeit" ist ein stiller, sehr berührender Roman über das Weggehen und Wiederkommen. Und über Verluste, mit denen man zu leben lernen muss.
 
Literatur News
Literatur - Wettbewerbe

Weltgeschehen
 
1. März 2022: Ob Paris, Berlin, Sidney Demonstrierende weltweit fordern Frieden in der Ukraine. Auch in Russland protestierten die Menschen gegen den Krieg. Dort kam es zu zahleichen Festnahmen.
 
5. März 2022: Mit einer Flut an Sanktionen versucht die EU und die USA Druck auf die russische Regierung auszuüben. So wurden beispielsweise russischen Banken aus dem europäischen Finanzmarkt ausgeschlossen, viele russische Politiker und Oligarchen wurden auf die schwarze Liste gesetzt. Luxus-Yachten, wie das von TUI-Großaktionär Alexej Mordaschow, werden beschlagnahmt.
 
6. März 2022: Durch den Krieg in der Ukraine steigen die Spritpreise auf ein Rekordhoch. Diesel ist mittlerweile teurer als Super E10. Auch die Preise von Erdgas und Heizöl steigen an.
 
15. März 2022: Seit Beginn der russischen Invasion in die Ukraine sind bereits, laut UNO Flüchtlingshilfe, rund ein Viertel der ukrainischen Bevölkerung auf der Flucht: 6,5 Millionen Menschen innerhalb des Landes und vier Millionen, der Großteil von ihnen Frauen und Kinder, fliehen aus dem Land.
 
16. März 2022: Ein Erdbeben der Stärke 7,3 erschüttert die Region Fukushima. Fast elf Jahre nachdem die Region von einem tödlichen Beben der Stärke 9,0 und einem Tsunami verwüstet wurde. Laut Berichten kamen mehrere Menschen ums Leben. Eine Tsunami-Warnung wurde herausgegeben, mehr als zwei Millionen Haushalte in der Region Tokio waren aufgrund des Bebens ohne Strom.
 
21. März 2022: In China ereignet sich ein verheerender Flugzeugabsturz: Eine Boeing 737-800 der China Eastern Airlines stürzt in der Nähe von Wuzhou in der südchinesischen Region Guangxi ab. Dabei kommen alle 132 Passagiere ums Leben.
 
25. März 2022: Frauen aus der Massai-Gemeinschaft nehmen in Magadi im Landkreis Kajiado an einem von Fridays For Future organisierten globalen Klimastreik teil, um Wiedergutmachungen und Maßnahmen für den Klimawandel von den führenden Politikern der Welt zu fordern und echte Klimaschutzmaßnahmen zu ergreifen.
 
27. März 2022: Die 94. Verleihung der Oscars im Dolby Theatre in Los Angeles werden vergeben. In der Königskategorie „Bester Film“ gewinnt das Drama „Coda“ ( im Bild) Als bester Hauptdarsteller wird Will Smith geehrt, der jedoch bei der Oscar-Gala für ein Eklat sorgt: Als sich Comedian Chris Rock über Smith Frau Jada Pinkett Smith lustig macht, stürmt dieser die Bühne und verpasst Chris Rock eine Ohrfeige.

 
 Februar 2022
 
 
Günter Eich
Wacht auf
 
Wacht auf, - denn eure Träume sind schlecht!
Bleibt wach, - weil das Entsetzliche näher kommt.
Auch zu dir kommt es, der weitentfernt wohnt
von den Stätten, wo Blut vergossen wird,
auch zu dir und deinem Nachmittagsschlaf,
worin du ungern gestört wirst.
Wenn es heute nicht kommt, kommt es morgen,
aber sei gewiß.
"Oh, angenehmer Schlaf
auf dem Kissen mit roten Blumen,
einem Weihnachtsgeschenk von Anita, woran sie drei Wochen gestickt hat,
oh, angenehmer Schlaf,
wenn der Braten fett war und das Gemüse zart.
Man denkt im Einschlummern an die Wochenschau von gestern abend:
Osterlämmer, erwachende Natur, Eröffnung der Spielbank in Baden-Baden,
Cambridge siegte gegen Oxford mit zweieinhalb Längen, -
das genügt, das Gehirn zu beschäftigen.
Oh, diese weichen Kissen, Daunen aus erster Wahl!
Auf ihm vergißt man das Ärgerliche der Welt, jene Nachricht zum Beispiel:
Die wegen Abtreibung Angeklagte sagte zu ihrer Verteidigung:
Die Frau, Mutter von sieben Kindern, kam zu mir mit einem Säugling,
für den sie keine Windeln hatte und der
in Zeitungspapier gewickelt war.
Nun, das sind Angelegenheiten des Gerichtes, nicht unsre.
Man kann dagegen nichts tun, wenn einer etwas härter liegt als der andre.
Und was kommen mag, unsere Enkel mögen es ausfechten."
Ach, du schläfst schon? Wache gut auf, mein Freund!
Schon läuft der Strom in den Umzäunungen, und die Posten sind aufgestellt.
Nein, schlaft nicht, während die Ordner der Welt geschäftig sind!
Seid mißtrauisch gegen ihre Macht, die sie vorgeben für
euch erwerben zu müssen.
Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit
der Leere eurer Herzen gerechnet wird!
Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Mund nicht erwartet!
Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

 Mein Buch des Monats: Februar
 
Nicole Flattery: Zeig ihnen, wie man Spaß hat
 
Das radikale Debüt von Nicole Flattery kündigt eine glänzende Stimme der neuen Literaturbewegung aus Irland an. „Mutig, furchtlos und auf qualvolle Weise lustig.
 
Acht Erzählungen über acht Frauen, die ein und dieselbe Person zu unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens sein könnten: Die Studentin, die in „Abtreibung. Eine Liebesgeschichte“ mit ihrem Professor schläft, könnte die Collegeabgängerin sein, die in „Zeig ihnen, wie man Spaß hat“ in ihrer irischen Heimatstadt einen Tankstellenjob annimmt, oder die Lehrerin, die in „Noch nicht das Ende“ ihre Freizeit mit Blind Dates verbringt. Eine dieser Frauen wird irgendwann stundenlang unbeweglich auf dem Badezimmerboden liegen. Für eine andere ist sogar das Anziehen zu einer Quelle der Verwirrung geworden. Nicole Flattery zelebriert den Humor einer hohlen Welt, die kurz vor dem Untergang steht. Ihre Erzählungen sind melancholische Gedankenspiele, grotesk und tragisch zugleich. Mit erschreckender Präzision geben sie das Lebensgefühl einer ganzen Generation wieder und verspotten es zugleich.
 
Fazit: Lesenswert
 

 
Und aufeinmal war Krieg
 
Am 24. Februar 2022 ist die russische Armee in Teile der Ukraine einmarschiert. Der Konflikt zwischen der Ukraine und Russland besteht seit 2014 und findet damit seinen bisherigen, traurigen Höhepunkt.
 
Die Ukraine ist nach Russland der flächenmäßig größte Staat Europas, in dem 44 Millionen Menschen leben. Seit der Unabhängigkeitserklärung im Dezember 1991 steht die Präsidialrepublik vor den größten Herausforderungen ihrer jüngeren Geschichte. Die Entwicklung in der Ukraine erregte bereits in den vergangenen Jahren international Besorgnis und führte zu einem Tiefpunkt der russisch-westlichen Beziehungen. Im Frühjahr 2021 ist der 2013/2014 begonnene Konflikt um die Ukraine wieder aufgeflammt. Russland hatte an der Grenze zur Ukraine mit einem massiven Truppenaufmarsch begonnen. Im Februar 2022 soll Russland nach Schätzungen rund 150.000 Soldaten und militärisches Gerät in den Grenzregionen um die Ukraine versammelt haben.  Mit der jüngsten Anerkennung der Separatistengebiete Donezk und  Luhansk als unabhängige Staaten und der beginnenden Militäroffensive in der Ukraine hat Präsident Putin die diplomatischen Bemühungen abgebrochen und einen Angriffskrieg auf das Land begonnen.
 
Seit Wochen hatten die Ukraine und der Westen befürchtet, Russland könnte eine Invasion planen und in das Nachbarland einmarschieren. Russland bestritt ein solches Vorhaben stets und forderte von der NATO und den USA Sicherheitsgarantien, eine Verringerung der Militärpräsenz an der NATO-Ostflanke und vor allem einen Stopp der NATO-Osterweiterung. Russlands Präsident Wladimir Putin wirft dem westlichen Bündnis schon seit Jahren vor, sich immer weiter in Richtung Russland auszudehnen. Nun forderte er von der NATO schriftliche Garantien, künftig keine weiteren osteuropäischen Staaten wie die Ukraine oder Georgien in die NATO aufzunehmen. Und Putin ging noch einen Schritt weiter in seinen Forderungen: Was die geografische Reichweite der NATO anbelangt, solle diese wieder auf den Stand von 1997 zurückgeführt werden. Damit wäre eine Stationierung von NATO-Einheiten auf dem Gebiet des früheren Warschauer Paktes, des ehemaligen Jugoslawiens, der baltischen Staaten, der Visegrad-Staaten sowie in Rumänien und Bulgarien ausgeschlossen. Die USA und die NATO wiesen diese Forderungen als in weiten Teilen unannehmbar zurück. Russlands Anliegen gilt indes nicht nur der Ausweitung des sicherheitspolitischen Einflusses in Osteuropa. Putin möchte Russland wieder als Großmacht etablieren, auf Augenhöhe mit den USA und China, wenn auch nur geopolitisch.
 
Seit Wochen liefen die diplomatischen Verhandlungen  auf Hochtouren, um eine weitere Eskalation und einen neuerlichen Ausbruch eines Krieges zu verhindern. Die westliche Staatengemeinschaft warnte Russland vor einer Verletzung der Grenzen und drohte mit harten Sanktionen. Zur Lösung des verfahrenen Konflikts setzten Deutschland und Frankreich Hoffnung in das sogenannte „Normandie-Format", welches Verhandlungen der vier Staaten Russland, Ukraine, Frankreich und Deutschland vorsieht. Auch die Staatschefs Russlands und der Ukraine hatten zunächst Bereitschaft gezeigt, die Umsetzung der Vereinbarungen des Minsker Abkommens im Rahmen des Normandie-Formats erneut anzugehen. Allerdings befänden sich die Bemühungen nach einer Vielzahl an Gesprächen in einer „Sackgasse”, konstatierte Russlands Präsident Putin jüngst. Die Kämpfe im Donbass waren wieder aufgeflammt. Putin hat die selbsternannten „Volksrepubliken” Donezk und Luhansk als unabhänge Staaten anerkannt und Freundschaftsverträge mit ihnen geschlossen. Zum Schutz der aus seiner Sicht  bedrohten russischen Staatsbürger startete Putin am 24. Februar 2022 einen Krieg gegen die Ukraine. In seiner Rede kurz vor dem Einmarsch rechtfertigte   Putin den Angriff damit, jene Menschen zu verteidigen, die vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet würden. Die russische Armee werde sich um eine „Entnazifizierung“ der ukrainischen Gebiete bemühen und gegen den „Genozid”, gegen den Völkermord an Russen ankämpfen. Die Weltgemeinschaft ist entsetzt angesichts des Angriffskriegs auf ein souveränes Land, verurteilt das Vorgehen Putins und die eklatante Verletzung des Völkerrechts aufs schärfste und hat harte Sanktionen gegen Russland beschlossen.
 
Was die Reichweite des aktuellen Konflikts anbelangt, reicht diese weit über die Problematik um die Ukraine hinaus. Es gehe im aktuellen Konflikt zwar vordergründig um die Ukraine, aber letztlich gehe es um die Neuordnung Europas, wenn nicht sogar der Welt. Ansätze der seit 1990 gesetzten europäischen Sicherheits- und Friedensordnung  würden seitens der russischen Regierung wieder grundsätzlich in Frage gestellt, so Markus Kaim von der Stiftung Wissenschaft und Politik. Dies zeigt den Ernst der Lage. Ein Krieg in der Ukraine könnte unter Umständen auch eine Ausweitung auf NATO-Staaten zur Folge haben. Eine direkte militärische Unterstützung für die Ukraine seitens der NATO gilt unterdessen weiter als ausgeschlossen. Da die Ukraine kein Mitglied des NATO-Bündnisses ist, kann sie auch nicht nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrags Beistand beantragen.
 
Darüber hinaus darf aber auch die Gefahr nicht außer Acht gelassen werden, dass die NATO auch ohne ein direktes militärisches Eingreifen in den Krieg hineingezogen werden könnte. Mit seinen die Ukraine unterstützenden Maßnahmen könnnte die NATO, der Westen früher oder später zur Kriegspartei werden. Und dies wäre eine gefährliche Entwicklung, wenn man die jüngste Rede Putins in Erinnerung ruft, in welcher er alle deutlich gewarnt hat: „Wer auch immer versucht, uns zu behindern, geschweige denn eine Bedrohung für unser Land und unser Volk zu schaffen, muss wissen, dass die Antwort Russlands sofort erfolgen und zu Konsequenzen führen wird, die Sie in Ihrer Geschichte noch nie erlebt haben. ” Aufgrunddessen sind die NATO und die USA etwa auch nicht auf die Forderungen der Ukraine nach einer Flugverbotszone über der Ukraine eingegangen und wägen die Art der Waffenlieferungen gut ab.
 

Januar 2022
 

Storm, Theodor (1817-1888)

An die Freunde

Warum gabst du uns die tiefen Blicke,
Unsre Zukunft ahndungsvoll zu schaun,
Unsrer Liebe, unserm Erdenglücke
Wähnend selig nimmerhin zu traun?
Warum gabst uns, Schicksal, die Gefühle,
Uns einander in das Herz zu sehn,
Um durch all die seltenen Gewühle
Unser wahr Verhältnis auszuspähn?

Ach, so viele tausend Menschen kennen,
Dumpf sich treibend, kaum ihr eigen Herz,
Schweben zwecklos hin und her und rennen
Hoffnungslos in unversehrten Schmerz;
Jauchzen wieder, wenn der schnellen Freuden
Unerwart'te Morgenröte tagt.
Nur uns armen Liebevollen beiden
Ist das wechselseitge Glück versagt,
Uns zu lieben, ohn uns zu verstehen,
In dem andern sehn, was er nie war,
Immer frisch auf Traumglück auszugehen
Und zu schwanken auch in Traumgefahr.

Glücklich, den ein leerer Traum beschäftigt!
Glücklich, dem die Ahndung eitel wär!
Jede Gegenwart und jeder Blick bekräftigt
Traum und Ahndung leider uns noch mehr.
Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau.

Kanntest jeden Zug in meinem Wesen,
Spähtest, wie die reinste Nerve klingt,
Konntest mich mit Einem Blicke lesen,
Den so schwer ein sterblich Aug durchdringt;
Tropftest Mäßigung dem heißen Blute,
Richtetest den wilden irren Lauf,
Und in deine Engelsarmen ruhte
Die zerstörte Brust sich wieder auf;
Hieltest zauberleicht ihn angebunden
Und vergaukeltest ihm manchen Tag.
Welche Seligkeit glich jenen Wonnestunden,
Da er dankbar dir zu Füßen lag,
Fühlt' sein Herz an deinem Herzen schwellen,
Fühlte sich in deinem Auge gut,
Alle seine Sinnen sicherhellen
Und beruhigen sein brausend Blut!

Und von allem dem schwebt ein Erinnern
Nur noch um das ungewisse Herz,
Fühlt die alte Wahrheit ewig gleich im Innern,
Und der neue Zustand wird ihm Schmerz.
Und wir scheinen uns nur halb beseelet,
Dämmernd ist um uns der hellste Tag.
Glücklich, dass das Schicksal, das uns quälet,
Uns doch nicht verändern mag!


Mein Buch des Monats Januar:

"Heul doch nicht, du lebst ja noch" heißt der neue Jugendroman von Kirsten Boie und spielt in den Tagen kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in Hamburg.

Kürzer kann ein erster Satz nicht sein: "Jakob wartet." Dieser Satz soll neugierig machen und die Leserinnen und Leser direkt in das Buch hineinzuziehen. "Wo wartet er? Worauf wartet er? Warum wartet er?", fragt Kirsten Boie. "Da denke ich, können solche kurzen Sätze ganz hilfreich sein." Und der Autorin gelingt es.
 
Sofort sind wir bei diesem Jungen, der im Juni 1945 irgendwo in Hamburg Eilbek hungrig in einem zerbombten Haus hockt. Ein früherer Nachbar hat ihn hier versteckt und versorgt ihn, doch jetzt war er schon zwei Nächte nicht mehr da. Jakobs Mutter ist Jüdin und nach Theresienstadt deportiert worden, der Vater ist tot. "Solange es den 'arischen' Teil in dieser Ehe noch gab, war der jüdische Teil zunächst sicher," erklärt Boie, "aber wenn der ums Leben kam, war es vorbei."

Viele Perspektivwechsel und verzahnte Geschichten
Auch von Traute und Hermann erzählt Kirsten Boie, immer wieder wechselt sie die Perspektive, mehr und mehr verzahnen sich die Geschichten: Trautes Familie ist ganz gut durch den Krieg gekommen, doch dem Mädchen ist es oft zu eng in der Wohnung, Flüchtlinge aus dem Osten wurden einquartiert. Der 14-jährige Hermann war HJ-Führer, sein Vater, ein überzeugter Nationalsozialist, hat im Krieg beide Beine verloren.
Alle zwei Stunden soll er nach dem Vater sehen, das hat er versprochen. Um zu gucken, ob er ihn nach unten tragen muss, ins Zwischengeschoss, wo auf der halben Treppe die Toilette für die vier Mietparteien ist. Wie sollte der Vater da sonst wohl hinkommen?

Buch über die Zeit kurz nach Kriegsende
Kirsten Boie beschönigt nichts, weder Hermanns Ekel noch die Verzweiflung des Vaters. 1950 in Hamburg geboren, hat sie noch auf Trümmerfeldern gespielt und ist aufgewachsen mit den Geschichten aus dem Krieg. Doch gibt es immer weniger Menschen, die davon noch aus eigener Anschauung berichten können.
 
Deshalb sei es ihr wichtig gewesen, ein Buch über die Zeit so kurz nach Kriegsende zu schreiben: "Ich hab ja immer das Gefühl, dass viele Jugendliche, die sich so in die rechte Szene begeben und zum Beispiel bisher ganz viel von der Shoah gehört haben - und das ist gut, das soll unbedingt so sein - dass die denken: 'Damit habe ich doch nichts zu tun. Ich bin doch kein Jude! Ich wäre auf der Seite der Starken gewesen!' Und da fand ich es einfach wichtig mal zu zeigen: Auch für Dich wäre es kein Spaß gewesen. Auch die Deutschen, die nicht verfolgt worden sind, haben am Ende des Krieges furchtbar gelitten."
Empathischer Roman, der klar Stellung bezieht
 
Dieses Anliegen ist deutlich spürbar, doch Kirsten Boie erzählt so plastisch aus dem Alltag ihrer Figuren, findet so viele Anknüpfungs- und Identifikationspunkte, dass die Zeit in manchen Momenten aufgehoben scheint. Und natürlich weiß sie, dass die Geschichte auch spannend sein muss. Wird Jakob seine Mutter wiederfinden? Kann Hermann der Situation Zuhause entkommen?
 
"Heul doch nicht, du lebst ja noch" ist ein dichter, empathischer Roman, der klar Stellung bezieht, doch lässt Boie allen Figuren ihre Würde. Ihre klare, einfache Sprache entfaltet schnell einen Sog und nimmt nicht nur Jugendliche mit in eine Zeit, die bis heute prägt. Und der letzte Satz ist fast ein Versprechen:
 
"Alles ist anders. Und wer weiß. Vielleicht wird wirklich alles gut.
"Dies ist ja ein Buch für Jugendliche, aber schon für junge Jugendliche, ich denke, ab zwölf. Und da finde ich es immer schön, wenn es am Ende Hoffnung gibt. Aber nicht, wenn die der Wirklichkeit widerspricht. Und da ist mir so unglaublich entgegengekommen, dass tatsächlich von diesem Transport nach Theresienstadt, mit dem Jakobs fiktive Mutter gefahren ist, auch in der Realität praktisch alle Menschen zurückgekommen sind", sagt die Autorin abschließend.
 
 
 
Literarische Neuerscheinungen
 
Rüdiger Heins studierte Pädagogik und Kulturwissenschaften. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller sowie Regisseur und produziert Beiträge für Hörfunk, Fernsehen und Internet. Er ist Dozent im Creative Writing sowie Gründer und Studienleiter des INKAS – Institut für Kreatives Schreiben in Bingen und Bad Kreuznach. Er organisiert auch Literaturveranstaltungen, interdisziplinäre Künstlerprojekte und koordiniert die Lange Nacht der Autoren in Bad Kreuznach, Bingen sowie St. Moritz; er erhielt mehrere Stipendien und Auszeichnungen für seine literarische Arbeit. Heins ist Herausgeber des Online- und Radiomagazins eXperimenta.
 
Sein Landart-Projekt Haiku-Garten erregte 2008 auf der Landesgartenschau in Bingen Aufsehen. Regelmäßig veranstaltet er Mailart-Aktionen und -Ausstellungen.
 
Aktuelle Weblinks
Neuerscheinung
 
Cover NebelHornGesaenge

Der aktuelle Lyrikband von Rüdiger Heins

Die NebelHornGesänge sind eine lyrische Auseinandersetzung mit Sprache, die zu einem Klangerlebnis führen.
Ungewöhnliche Texte und ebenso eine ungewöhnliche Herangehensweise, mit Sprache zu experimentieren.

edition maya
ISBN: 978-3-930758-58-6
12,50 €

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Cover Katrin

Katrin aus dem Schrank
Ein Kinderbuch mit Illustrationen von Sigrun Schlodowitzki
Nach einer Erzählung von Rüdiger Heins

Das Kinderbuch erzählt die Geschichte von einer Katze namens Katrin, dem Berner Sennenhund Michel und dem Paar Lisa und Jupp.
Lisa und Jupp leben mit ihrem Hund Michel in einem kleinen Häuschen in einem Dorf an der Nahe.
Die beiden sind Aussteiger. Sie gehen keiner geregelten Arbeit nach und genießen das einfache Leben mit ihrem Hund. Lisa hat einen kleinen Garten gepachtet und einmal in der Woche verkauft sie auf dem Markt Gemüse und eingemachtes Obst. Außerdem hat sie eine Putzstelle in einer Arztfamilie. Jupp arbeitet gelegentlich bei einem Bauern auf dem Feld und im Stall.
Sie sind zufrieden mit sich und ihrem Leben und sie wünschten sich, dass es immer so weiter gehen würde. An einem Samstagmorgen im Sommer aber nimmt ihr Leben doch eine unerwartete Wende.

Sigrun Schlodowitzki, geb. Frick. Studium der Freien Kunst 1994 – 2000 bei Prof. Erich Reiling an der Kunsthochschule in Mainz. Freischaffende Künstlerin mit Atellier in Grolsheim.

Rüdiger Heins, freischaffender Schriftsteller mit Lebensmittelpunkt in Bingen am Rhein. Er ist Mitherausgeber der eXperimenta.

Im Buchhandel erhältlich oder gegen Rechnung bestellen:
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!edition maya, ISBN: 978-3-930758-56-2
Preis: 12,00 €

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