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Der Grund der Traurigkeit

Das war also der Grund der Traurigkeit des Vietnamesen gewesen, als er mich neulich grüßte, wie wir beide die Straße überquerten. Sein China-Imbiss neben meinem Haus hat geschlossen. Erst später bemerkte ich es. Gerade als ich den Russlanddeutschen traf, einen gutgelaunten Nachbarn mit  rundem Gesicht, dem ich schon ein, zwei Mal ein Bier aus dem Supermarkt mitgebracht hatte. Gerade als ich ihn traf, fiel mein Blick auf den China-Imbiss. Irgendetwas war anders. Ich glaube, es lag daran, dass die Gardinen nicht mehr dran waren. Man sah, dass innen die Stühle umgekehrt auf den Tischen gestellt waren. So sah es darin noch nie aus, nicht von außen. Ich glaube noch nicht mal, dass sie es sonst abends gemacht haben, und wenn dann höchstens zu Reinigungszwecken. „Zu?“, fragte ich den Russlanddeutschen, der gerade an der Tankstelle eine Flasche Bier getrunken hatte. „Geschlossen?“, wiederholte ich traurig und deutete auf den China-Imbiss.

 

Ich war Stammkunde im China-Imbiss gewesen. Mindestens einmal die Woche holte ich mir dort was. „Vielleicht pleite – bankrott“, wiederholte mein Bekannter. Er hatte verstanden. „Zu teuer?“ mutmaßte er und hob die Hände mit den Handflächen nach oben fragend in die Luft. Ich weiß nicht, ob er das Essen meinte oder vielleicht die Miete, die der Vietnamese bezahlen musste. „Kann sein“, murmelte ich betroffen. Mir fielen die vielen Male ein, als ich dort mein Essen geholt hatte. Im Dezember bekam ich immer einen neuen China-Kalender aus irgendeinem Bast-Material geschenkt, mit einem tollen Drachen drauf. Meist aß ich Frühlingsrollen zur Vorspeise, mit einer roten Chili-Sauce.  Als Hauptgericht Hähnchenbrust mit Gemüse und Curry, scharf. 
Vielleicht macht er ja nur vorübergehend zu, um zu renovieren? 
Es sah allerdings nicht danach aus.
„Stadt?“ fragte mein Nachbar.
„Nein, war ich gerade. Ich geh nach Hause.“
„Also, tschüss.“
„Tschüss.“
Abends um zehn brach ich zu einen kleinen Abendspaziergang auf. Die Dunkelheit der Stadt umgab mich in ihrer Ruhe. In irgendeiner Kneipe trank ich allein ein Bier. Es hatte sich plötzlich abgekühlt und es begann zu regnen. Als ich  zurückkam, sah ich, wie der Vietnamese mit seiner Frau die bunten Fensterbeschriftungen ablöste. Sie taten es abends, in der Dunkelheit. Von da an wiederholte sich das Ritual jeden Abend, immer verschwand ein kleines Stück mehr China-Imbiss-Werbung an den Fenstern. Offenbar ging eine Zeit zu Ende. Ich hoffte inständig, dass bald eine neue anbrechen würde. 

© 2007 Thomas Stepp


Veröffentlicht am:
12:53:30 09.05.2007

 

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