Nur drei Stationen von Antje

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 Nur drei Stationen

Seit zehn Minuten stehe ich schon hier. Nicht dass zehn Minuten eine lange Zeit wären, aber wenn man wartet, noch dazu auf einen Bus, der laut Fahrplan alle zehn Minuten kommen sollte, fängt man so langsam an sich zu überlegen, ob man die drei Stationen, die man zu fahren hat, nicht doch schneller gelaufen wäre. Die wachsende Menschentraube, die sich nach und nach um das Bushaltestellenschild versammelt, nimmt bedrohliche Ausmaße an. Laufen wäre besser. Ist ja nicht so weit. Einige der Wartenden denken sich das wahrscheinlich auch und gehen. Der Rest bleibt und stellt wilde Vermutungen über den Verbleib des Busses an. Angefangen beim leeren Tank über platte Reifen und sonstige Pannen bis hin zu Staus sowie Un- und sogar Überfällen lassen die Mutmaßungen kaum noch Platz für meine eigene Fantasie. Aber ich warte tapfer weiter. Schließlich wäre es der reinste Wahnsinn jetzt einfach zu gehen. Sicher kommt der Bus jede Sekunde. Eine Tatsache, die sich nicht gerade mit den geäußerten Gedanken einer älteren Dame mit auffällig albernem Hut deckt, welche ihre kriminalromanreife Theorie über ein eventuelles Geiseldrama zum Besten gibt.


Es gibt wirklich Leute, die sich das anhören. Ich nicht, ich gehe. Nach einem letzten prüfenden Blick, mit dem ich mich eigentlich davon überzeugen wollte, dass der Bus wirklich nicht kommt, revidiere ich meine soeben noch weise getroffene Entscheidung. Lieber fünf Minuten in einem überfüllten Bus zubringen, als zehn Minuten laufen. Da ich wegen der vielen Leute ohnehin keinen Sitzplatz bekomme – würde ich schon, aber um einer achtzigjährigen Oma einen Sitz vor der Nase wegzuschnappen bin ich zu gut erzogen – stelle ich mich in den Gang in der Nähe der Tür. Will ja eh gleich wieder aussteigen.
Hier stand ich also... zwischen dem Kinderwagen einer jungen Mutter aus dem scheinbar unaufhörlich lautes Geschrei drang und einem Mann der sich kurz vor – oder mitten in - der Midlifecrisis befand und sich ziemlich aufdringlich an mich drängelte, als der Busfahrer verkündete: „Bitte durchtreten! Hinten ist noch Platz.“
Es war also möglich wildfremde Menschen, die sich ohnehin schon gegenseitig auf die Füße traten noch weiter zusammenzupferchen. Mein Platz in Türnähe gehörte der Vergangenheit an. Der Bus fuhr ruckartig los. Der Herr in der Midlifecrisis kam ins Wanken und wäre fast auf mich gefallen, konnte sich aber mit einem entschuldigenden Lächeln gerade noch an einer Sitzlehne festhalten. Auch die sich auf dem dazugehörigen Sitz befindliche Frau erkannte ich wieder. Es war die Dame mit dem nicht gerade dezenten Hut, die an der Haltestelle das Geiseldrama so bildlich und lebhaft werden ließ, als würde es tatsächlich passiert sein.
Mehr Zeit um mich umzusehen hatte ich nicht, denn der Bus hielt, nicht gerade weniger ruckartig als er anfuhr. Es stieg kaum einer aus, dafür aber einige Leute ein und der Bus fuhr weiter. Die Dame mit dem Hut, der jedem auch noch so modeuninteressierten Betrachter sofort entgegen schrie, dass die Zeit, zu der eine solche Kopfbedeckung mal aktuell war, längst vorbei ist, wandet sich an ihre Nachbarin mit der Bitte sie vorbeizulassen, da sie auszusteigen gedenkt. Die Nachbarin versicherte ihr daraufhin, dass sie das gern tut, schon allein deshalb weil sie selbst den Bus verlassen möchte, allerdings erst, wenn der Bus zum stehen gekommen ist, da die nächste Haltestelle noch meilenwert entfernt und der Bus momentan so überfüllt ist, dass es unmöglich ist bei diesem Hin- und Hergeschaukel während der Fahrt auch noch durch den Bus zu marschieren.
Die Dame musste aber sofort durch. Ihre Nachbarin bestätigte noch einmal, dass sie ja auch raus wolle, jedoch würde die Zeit ausreichen, sich zum Ausgang zu begeben, wenn der Bus steht. Alte Leute können in solchen Situationen sehr ungemütlich werden. Nachdem auch die Nachbarin das eingesehen hatte, ließ sie die Dame vorbei, die sich einen Weg zum Ausgang bahnte, nicht ohne Schwierigkeiten, was auch die Nachbarin mit sichtbarer Genugtuung feststellte. Als der Bus an der Haltestelle hielt, fand auch sie erkennbar müheloser und ohne fast hinzufallen einen Weg ins Freie.
Also gut, noch eine Station, dann hab auch ich es geschafft. Allerdings kann man nicht behaupten, dass die Menschenmasse nach dem letzten Halt abgenommen hat, ganz im Gegenteil. Ich wurde in die hinterste Ecke des Busses gedrängt, wo ich zwangsweise in der letzten Reihe Platz nahm. Langsam sollte ich mir einen Weg zum Ausgang suchen. Ich mach das einfach auf die gleiche ruhige Art, wie die Nachbarin der Dame mit dem Hut. Der Bus hält. Aus dem Fenster kann ich nicht sehen, dazu ist der Bus zu voll. Aber eigentlich müsste das erst die Ampel vor der Haltestelle sein. Bei grün geht’s weiter, noch eine Linkskurve und dann raus hier.
Ich machte mich auf meinen Start bereit... aber nichts passierte. Der Bus fuhr einfach weiter. Das was ich für den Ampelstopp hielt, war bereits die Haltestelle. Also fuhr ich noch eine Station. Der Bus war noch immer genau so voll. Hätte mir ja auch auffallen müssen, wenn an der angeblichen Ampel alle das Fahrzeug verlassen. Ich drehte mich um, um aus der Heckscheibe zu sehen und mich zu orientieren. Weiter als bis zu „meiner“ Haltestelle bin ich noch nie gefahren. Da sah ich es – das Haltestellenschild. Der Bus hielt überhaupt nicht. Ich hätte auf den „STOP“-Knopf drücken müssen. Das mach ich eigentlich nie, denn meist will immer irgendwer an der gleichen Station wie ich aussteigen. Diesmal scheinbar nicht.
Damit ich die Haltestelle nicht noch ein drittes Mal verpasse, drückte ich den „Halt“-Knopf vorschriftsmäßig, als mich ein älterer Herr ansprach: „Entschuldigen Sie bitte! Können Sie mir sagen, wo ich aussteigen muss, wenn ich zum Benjamin-Franklin-Krankenhaus möchte?“ Ich wollte ihm gerade sagen, dass es mir leid tut, ich nicht wüsste, wo dieses Krankenhaus ist, weil ich mich selbst in dieser Gegend nicht auskenne und außerdem jetzt aussteigen muss. Doch dann fing er an von seiner Frau zu erzählen, die er dort besuchen wollte. Sie hätte ihm den Weg so oft erklärt und ihm gesagt, welchen Bus er nehmen muss und wo er auszusteigen hat. Aber er hatte es wieder vergessen. Er vergisst in letzter Zeit so viele Dinge, erzählte er mir. Die Rosen, die er für sie gekauft hatte, liegen auch noch auf dem Küchentisch. Er dachte einfach nicht daran, als er die Haustür hinter sich zuzog während der Wohnungsschlüssel noch am Schlüsselbrett hing. Aber um den Schlüsseldienst würde er sich später kümmern, nachdem er seine Frau besucht hat. Ich hab es einfach nicht übers Herz gebracht ihn bei dieser irgendwie rührenden Geschichte zu unterbrechen, noch dazu wegen so ’ner Kleinigkeit wie aussteigen.
An der nächsten Haltestelle stiegen dann sehr viele Leute aus. Es war die Station am Benjamin-Franklin-Krankenhaus. Auch der alte Mann stieg aus und lächelte mir zu bevor ich über die Straße ging, um mit dem nächsten Bus zurückzufahren. Ich sah auf die Uhr, dann auf den Fahrplan und dann fragte ich mich: warum soll man auf einen Bus warten, der nur alle zehn Minuten kommt, noch dazu wenn man ohnehin nur drei Stationen zu fahren hätte?

© by Antje



Veröffentlicht am:
12:48:26 07.11.2007

amanfang 2 270

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