Sonntagsmahl von Relinda Heberl

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Wir waren eine große Familie. Immer zum Sonntagsmahl saßen wir am langen
Küchentisch. Meine Brüder, meine Schwestern, Mutter, du und ich. Dein Platz
war an der Stirnseite des Tisches. Mutter`s, dir gegenüber am anderen Ende.
Oft gab es nur Kartoffeln, Wurzelgemüse und wenig Fleisch.

Früher ging es immer laut und lustig zu beim essen. Da war dein Platz noch leer.
Die Geschwister plapperten wild durcheinander, lachten, zogen sich keck an den
Haaren und manchmal fragte eines, ob es noch ein Stück Fleisch haben kann.

 
Doch irgendwann hattest du beschlossen, nicht mehr im Wohnzimmer zu essen.
Hast deinen Platz an der Stirnseite des Küchentisches beansprucht und mit unserer
Erziehung begonnen. Keines deiner Kinder sollte sich jemals wieder wagen, nach
einem extra Stück Fleisch zu fragen und lachen während der Mahlzeit, hast du auch
nicht mehr geduldet.

Gleich rechts neben deinem Teller lag der Rohrstock. Erbarmungslos hast du auf
die kleinen Finger eingeschlagen, bis selbst das Unbedarfteste von uns nicht mehr
wagte, seinen Mund aufzumachen. Es wurde still am Tisch und selbst Mutter, die
Anfangs noch beschwichtigend nach Worten rang, verstummte vor deiner gnadenlosen
Härte. Du hast es nicht verstanden, uns mit Liebe und Güte zu erziehen.

Ich bin gegangen, irgendwann. Habe meine kleinen Geschwister einfach zurückgelassen.
Doch immer, wenn mich die Erinnerung überkam, war dieses traurige Bild in meinem Kopf.
Einen Tisch voller kleiner wilder Engel mit gestutzten Flügeln, sah da mein Herz.

Seither hasse ich Sonntagsmahlzeiten und Rohrstöcke.

Veröffentlicht am:
23:52:06 13.10.2008

amanfang 2 270

Login (2)

für registrierte Benutzer

.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

 
 


 Leben 
 jockel