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Heute sitze ich in einem Zug; ich möchte ins Kino gehen.

Ein Blick aus dem Fenster verrät mir, dass es Abend sein muss, denn es ist dunkel. Mein Abteil hingegen ist hell erleuchtet, was mir einen Blick auf meine Mitreisenden erlaubt. Eingehüllt in schwarze Mäntel, ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen, sind sie nicht voneinander zu unterscheiden – sie halten ihre Blicke gesenkt und der eine oder andere ist in ein Buch vertieft. Geredet wird nicht, denn man kennt sich schließlich nicht. Das unangenehme Gefühl, auffallen zu können, übermannt mich, weshalb ich ebenfalls den Blick senke und auf meine Hände starre, die in meinem Schoß liegen. Ich habe schwarze Handschuhe an, denn es ist Winter.

Später, nachdem ich aus dem Zug ausgestiegen bin, löse ich meine Kinokarte ein, kaufe mir eine Tüte Popcorn im Foyer und begebe mich dann in den Filmsaal. Er ist schon angefüllt mit allerlei Gestalten, doch der Film hat noch nicht begonnen. So erhasche ich auf dem Weg zu meinem Platz einen Blick auf die anderen, die es sich schon in ihren Sesseln bequem gemacht haben: Sie starren gebannt auf die Leinwand und stopfen dabei wie mechanisch Süßigkeiten in sich hinein. Als ich in der letzten Reihe Platz nehme, geht das Licht aus, und im Hinsetzen stelle ich fest, dass ein großer Kopf mir den Blick auf die Leinwand versperrt. Ich ärgere mich kurz und nehme dann eine unbequeme Haltung ein, um den Film besser sehen zu können.

Glücklicherweise habe ich den Anfang des Films dennoch nicht verpasst – ich sah kürzlich im Fernsehprogramm eine ansprechende Vorschau, und auch die Kritik in der Tageszeitung überzeugte mich. So nehme ich eine Handvoll Popcorn und konzentriere mich auf das Leinwandgeschehen. Dort wird gerade ein Baby geboren.

Nach der geglückten Geburt folgt ein Schnitt, und in der nächsten Szene sitzt ein junges Mädchen in einer Schulbank. Es verfolgt aufmerksam jedes Wort ihres Lehrers.

Wieder ein Schnitt – aus dem jungen Mädchen ist in der folgenden Szene bereits eine junge Frau geworden, die in einer Schulaula gespannt auf ihr Abschlusszeugnis wartet. Wie es scheint, ist es gut ausgefallen, denn die junge Frau bekommt einen gut bezahlten Arbeitsplatz in einem schicken Bureau. Sie füllt jedes Jahr gewissenhaft ihre Steuererklärung aus und liest nach Feierabend ein interessantes Buch. Bald zieht sie in eine größere Wohnung um, denn sie hat geheiratet und erwartet nun ihr erstes Kind. Das Geld verdient jetzt ihr Ehemann, und wenn seine Arbeitskollegen zu Besuch sind, zaubert sie ein fabelhaftes Menü auf den Tisch, während die Kerle sich in ihrem Wohnzimmer betrinken.

Nachdem ihr Mann in Rente gegangen ist und die beiden Kinder aus dem Haus sind, fühlt die Frau eine unerklärliche innere Leere in sich; sie sitzt in sich selbst versunken an ihrem Küchentisch und starrt die Wand an. Bald wird ihr Mann sterben, denn er hatte ein schwaches Herz. Da die Frau nun nicht mehr allein für sich sorgen kann, beschließen ihre Kinder, sie in einem Heim unterzubringen. Dort schmiert die Frau bald des Nachts ihre eigenen Fäkalien an die Wände, weil sie an Demenz erkrankt ist. Ihre Kinder kommen sie nun kaum noch besuchen, denn die Frau würde sie ohnehin nicht erkennen. Einige Jahre später stirbt sie an einer Lungenentzündung, die von dem Pflegepersonal zu spät entdeckt wurde.

Die letzte Szene wird ausgeblendet, und der Abspann wird mit großen weißen Buchstaben eingeleitet: „Das war Ihr Leben!“

Ich bin verärgert, denn der Film hat mir nicht gefallen. Als das Licht angeht, stehe ich auf und lasse meine halbvolle Tüte Popcorn auf meinem Sitz liegen.

Im Gang tippt mir jemand von hinten auf die Schulter, und als ich mich umdrehe, schaue ich in das Gesicht des Mannes, der mir mit seinem feisten Schädel den Blick auf die Leinwand versperrt hatte.

„Guten Abend, Gutbürgerlich mein Name. Ich bin der Regisseur; wie hat Ihnen der Film gefallen?“, fragt er mich, und fügt, bevor ich etwas antworten kann, noch hinzu: „Konnten Sie aus der letzten Reihe überhaupt etwas sehen?“

 

 

amanfang 2 270

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