Gestern,Heute,Morgen (Leseprobe Roman)

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--- Marcian von Nosgoth ---

† 17.11.543 v. Chr. – 17.11.2045 n. Chr. †

Jeder sah, was du tatest,
niemand fragte sich warum.
Du brachtest sie alle um,
gerecht, denn sie waren dumm.
Niemand soll klagen, der dies liest,
danke für die Erkenntnis,
die du uns gibst.


Prolog

„Geneigter Leser, bevor Sie beginnen, meine Lebensgeschichte zu lesen, die sich über so viele Jahrhunderte aufgebaut hat, möchte ich einige Worte an Sie richten. Mein Leben verlief schwierig, ja gerade zu kompliziert. Vielleicht denken Sie jetzt, wessen Leben nicht? Nun ja, es liegt in der menschlichen Betrachtungsweise, alles auf sich selbst zu beziehen und Klagen zu überhören, aber ich habe zu klagen. Ihre Qual des Lebens, erstreckt sich vielleicht über einige Jahrzehnte, mein Leben erstreckt sich jetzt schon seit Jahrtausenden. Doch lassen Sie mich Ihnen schnell meine Geschichte erzählen, meine kostbare Zeit verrinnt. Ehrlich gesagt, habe ich bis heute noch nicht begriffen, dass ich sterben werde. So viele Äonen lang, dachte ich, ich sei unsterblich. Einige Äonen lang, war ich es auch, doch ich höre wie der Tod als schwankende Gestalt sich mir nähert, von mir selbst heraufbeschworen, ein Gedanke von mir, der ihn geschickt hat. Wissen Sie, für Sie mag es nicht so bedeutend sein, aber wer eine ungezählte Zeit über gelebt hat, der freut sich regelrecht auf den letzten Atemzug. Viele Dinge drehen sich um die Liebe, meine Geschichte ebenfalls. Weil es die Liebe ist, die einen Mann töten kann, nicht der blanke Stahl oder die unüberlegte Entscheidung. So wie die Liebe ein Wesen retten kann, so kann sie ein Wesen auch von Grund auf zerstören. Aber vielleicht sollten wir von ganz vorne beginnen, damit Sie mir auch folgen können. Hören Sie wie das schwere Eisen gegen die Tür pocht, schlägt und hämmert? Wie groß die Wut der Wesen hinter dieser Tür ist, die im Begriff sind meinen Thronsaal zu stürmen? Ich habe keine Zeit mehr, mein letzter Kampf naht nun endlich! Ich übergebe nun das Wort an meinen treuen Begleiter. Seit Ewigkeiten streifen wir durch die Lande, niemand Anderem vertraue ich es an, die wahre Geschichte zu erzählen. Wir sehen uns im letzten Kapitel“, Marcian wendete sich ein stückweit nach links und blickte den Henker, noch ein letztes Mal an. Der Henker maß ihn mit einem gutmütigen, fast wehklagenden Blick. Marcian stand auf und griff an seine linke Flanke. Der schwarze Stahl seiner Schwertklinge begann rötlich zu schimmern und sich im Licht der unzähligen Fackeln im kleinen, fein gehauenen Thronsaal zu brechen. Er stand auf und bewegte sich mit kurzen, aber koordinierten Schritten auf die schwere, eisenbeschlagene Eichentür des Thronsaals zu. Sein Blick wanderte noch ein letztes Mal zu seinem besten Freund, zu seinem getreuen Gefährten und Seelenverwandten hinüber. Der Henker nickte ihn nur an und Marcian schob mit der linken Hand, den schweren Eichenriegel, der annähernd das Gewicht eines Menschen haben musste, spielend beiseite, trat einige Schritte zurück und das Tor öffnete sich. Seine Muskeln begannen sich in einer jahrtausendelangen eingeübten Prozedur zu spannen, sein Herz begann ruhiger und im unregelmäßigen Takt der bevorstehenden Bewegungen zu schlagen. Marcians Geist blieb kühl auf die Angreifer gerichtet, die jeden Moment durch das Tor stürmen mussten. Doch seine Seele, der innerste Kern seiner Existenz, das Wesen in ihm, begann wie vor Freude zu hüpfen, roch es doch das Blut und die Seelen, die es sich zu Eigen machen wollte. Mit einem krachendem Erdbeben der einige Fackeln aus den Halterungen riss wurde das Tor aufgestoßen und die Angreifer stürmten hinein. Für den ersten Angreifer nutze Marcian nicht einmal seine fast mannslange, aus purer Schwärze und Agonie gefertigte Klinge. Für den Bruchteil einer Sekunde konzentrierte er sich lediglich auf den Tod des Menschen vor ihm und die Hölle brach herein. Der Soldat wurde von den Füssen gerissen und einige Meter weit in die Luft geschleudert. Doch er fiel nicht wieder zu Boden. Wie eine eisige, gottgleiche Hand wurde der Soldat in der Luft gehalten. Sein Atem ging stockend, Krämpfe überkamen den Mann und seine Augen quollen durch blankes Entsetzen fast aus seinen Höhlen. Begleitend durch ein Grinsen Marcians, der einige Meter unter ihm zu dem Soldaten heraufschaute, zerplatze er wie ein zu stark gefüllter Ballon. Seine Glieder, Muskeln, Sehnen und Knochen verteilten sich in dem Thronsaal in einer bizarren Anordnung wider dem Leben.
Ein weiteres gutes Dutzend Soldaten das den weitläufigen Saal stürmte starb, noch bevor sie den Boden berührten. Eine Welle purem, ehrlichen Hasses traf ausgehend von Marcian auf sie ein und zerteilte ihre Körper wie Millionen kleiner Rasiermesser, die die Luft durchschnitten.
Der Henker lachte laut auf und blickte zu Marcian. „Bist du dir sicher, dass ich dir nicht ein wenig zur Hand gehen soll?“, der Henker musste fast Schreien, um sich über das Stimmengewirr und die blanken Entsetzensschreie der Soldaten, die nun vor der Tür mit gehörigem Respekt warteten, abzuheben. „Nein Henker, erzähl die Geschichte. Es muss jemanden geben, der die Wahrheit in die Welt hinausträgt und mein Andenken bewahrt“, mit zwei schnellen Schritten wich Marcian vor dem Tor zurück und blickte den Henker mit fast flehenden Augen an.
Der Henker erkannte ein gutes Stück hinter Marcian einen Schatten aufblitzen, der langsam begann, Gestalt anzunehmen. Er wusste, dass er gekommen war und die Zeit ablief. Der Henker drehte sich um und schaute dem Leser direkt in die Augen und begann zu erzählen.
„Zuerst einmal lieber Leser, vergessen Sie alles, was Sie bisher über die Welt wussten. Denken Sie an den Satz, die Geschichte wird nur von den Siegern geschrieben. Wie viel Wahrheit hinter diesem Spruch steht, wird Ihnen im Laufe der Geschichte wie eine Faust ins Gesicht schlagen. Sie leben vielleicht in einer ruhigen Wohngegend, ihre Klagen betreffen die Arbeit- oder die nicht vorhandene Arbeit, ihren Partner- oder den nicht vorhandenen Partner. Ihre Familie, ihre Freunde und weitere für Sie wichtige Dinge, doch hören Sie auf zu klagen. Sie leben in einer Welt, die vor Unzeiten erschaffen worden ist und Sie leben nur noch, weil Marcian das so wollte, auch wenn ich Ihn mehrfach darauf hingewiesen habe, dass Menschen eigentlich gar nicht nötig sind. Ich hoffe ich verliere jetzt nicht allzu viel Sympathie bei Ihnen. Ich führte ein Leben wie Sie, bis Marcian kam und mich aus meinem angenehmen Traum erweckte. Es gibt Dinge in dieser Realität, die einen Spagat zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen machen. Möglich ist viel mehr, als Sie für wirklich halten. Unsere Welt sah einmal anders aus. Es lebten hier Geschöpfe, die uns gar nicht so unähnlich sind. Es ist dem Widersacher Marcians, dessen Name ich noch nicht erwähnen möchte zu verdanken- oder zu verundanken, dass die menschliche Rasse noch lebt. Würde es nach mir gehen, würden Sie diese Geschichte nicht zu hören bekommen. Aber dennoch, kann und werde ich nicht den Wunsch meines besten Freundes und meines Königs abschlagen, ich werde Ihnen die Geschichte erzählen und ich sollte von ganz vorne beginnen, mit Vorgestern.


Vorgestern

1

Das Böse verneigt sich vor der Macht der Unschuld

Zu einer unbestimmbaren Zeit vor Jahrtausenden

Der Wind legte sich wie ein widerspenstiges Kind von links nach rechts, von oben nach unten und Marcian hatte das Gefühl, von allen Seiten auf einmal durchzogen zu werden. Nichts an diesem jungen Sommermorgen erinnerte ihn an den Sommer, geschweige denn an den Frühling oder eine Zeit, an der es nur annähernd warm sein sollte. Seine fast kniehohen Stulpenstiefel versanken nun schon zum wiederholten Male in der schlammigen Erde des angrenzenden Waldes. In der Luft hing eine ungewöhnliche, unpassende Schwüle, die nicht recht zum peitschenden, fröstelnden Charakter des Windes passen wollte. Er blickte sich noch einmal um und stellte zufrieden fest, dass sein Dorf oder dass-, was man vielleicht ein Dorf nennen konnte, denn mehr als ein Dutzend nahe stehender Holzhütten und einer kleinen Kirche die nur zum Teil aus Steinen gehauen war, war es nun mal nicht, schon fast außer Sichtweite war. Der kurze Blick nach hinten, kostete ihn um ein Haar den linken Stiefel, als er mit erschrecken feststellte, dass sein linker Fuß fast bis zur Mitte des Oberschenkels im matschigen Waldboden steckte. Mit Mühe und einem unterdrückten Ächzen zog er den Stiefel wieder hinaus und blickte dem Wald entgegen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er die kleine Lichtung, die wahrscheinlich bei dem Wetter der letzten Tage hoffnungslos einer Schlammpfütze gleichen musste, erreichen würde und somit Mada wieder treffen könnte. Alleine schon bei dem Gedanken an sie, vergaß er alle Müh und Pein, die der beschwerliche Weg zur Lichtung über ihn gebracht hatte, immerhin würde es ihr nicht besser gehen, zumal sie eine Frau war. Außerdem war es nicht das erste Mal, dass er die guten drei Meilen von seinem Heimatdorf zur Lichtung, bei einbrechender Dunkelheit ging, zu ihrem Treffpunkt.
Mada, alleine beim Gedanken an die junge Bauerstochter aus Hohenweißstein, dem Nachbardorf wenige Meilen entfernt, durchfuhr ihn eine wohlige Wärme und ein Gefühl zwischen Magen und Hals, dass ihn nicht mehr klar denken ließ. Es war das siebente Treffen zwischen ihnen, das sie ohne die Aufsicht der Erwachsenen genießen konnten, sich einfach Nahe zu sein. Auch wenn er es nicht genau definieren konnte, dachte er sich, verzichten wollte er nicht mehr auf das Gefühl, sie in seinen Armen halten zu können. Vielleicht lag der Reiz auch in dem Verbotenen, das sie beide umgab. Niemand durfte von ihren Treffen erfahren. Mada, die vielleicht einmal sechzehn Sommer zählte, war nur ein Jahr jünger als er. In ihrem Alter hatten sie nicht an Zweisamkeit, sondern an tüchtige Arbeit zu denken. Nicht selten kam Mada schon zu einem Treffen mit Striemen am Rücken, die von den Peitschenschlägen ihres Vaters stammten. Ihr Vater wusste zwar nichts von den Treffen mit Marcian, war aber wohl klug genug, der Tochter eine abendliche Pilzsuche von mehreren Stunden nicht abzunehmen. Es war nicht einmal lange her, dachte er sich, da traf er sie zum ersten Mal. Es war ein warmer Sommertag, vor allem aber ein Tag, der den Zusatz Sommer verdiente. Und wahrscheinlich wäre es einer der vielen langweiligen und harten Tage in seinem Leben gewesen, hätten seine Eltern ihn nicht zum Markttag nach Hohenweißstein mitgenommen. Normalerweise blieb er immer zu Hause, wenn seine Eltern den Markt besuchten, doch es war der Geburtstag seines Vaters und so durfte er mit. Zwischen all den Ständen, Marktgeschreie, den Vieh den Dreck und den unzähligen Feilschen um ihn herum, erblickte er sie. Mada tat nichts, außer einem alten Mann, der ihr gerade einige Bündel Heu abkaufte, ein Lächeln zu zuwerfen. Doch dieser Moment änderte alles. Noch nie in seinem Leben hatte Marcian ein so bezauberndes und vor allem zu diesen schlechten Zeiten ehrliches Lächeln gesehen, auch wenn es nicht ihm galt. Schüchtern, wie er sich ehrlich gestand, nahm er damals, vor fast einem Jahr allen Mut zusammen und ging auf Mada zu. Als er ihren Stand endlich erreichte, gelang es ihm nicht irgendein Wort herauszubringen, geschweige denn ihr in die Augen zu blicken. Mit einem zitternden Fingerzeig deutete er nur auf zwei Ballen Heu und kramte seine letzten zwei Heller aus der Jutehose. Erst als er aus den Augenwinkeln bemerkte, dass sie ihm die zwei Ballen bereitgelegt hatte, blickte er ihr in die Augen, um nur einmal in seinem Leben, ein Lächeln zu sehen, dass ihn alle Kummer und Sorgen vergessen lassen würde. Doch dazu kam es nicht. Mada blickte ihn nur irritiert an und schaute auf einen Punkt hinter ihm. Noch bevor er sich umgedreht hatte, wusste er schon, wer hinter ihnen stand. Sein Vater, der einige Meter hinter ihm stand, ihm anscheinend lautlos gefolgt sein musste, schlug ihn mit der blanken Faust ins Gesicht und blaffte ihn an, weshalb er als Sohn eines Großbauern, der selber mehr Heu hatte als ganz Hohenweißstein meine, Heu kaufen zu müssen. In diesem Moment hasste er seinen Vater und wäre am liebsten im Boden versunken, wenn die Götter doch nur so gnädig zu ihm gewesen wären. Einige Zeit später, konnte er es seinem Vater sogar verzeihen, ja verstand sogar warum der alte, aber dennoch faire Mann so handelte und vielleicht, hätte Mada sich nicht an diesem Tag in ihn verliebt, wenn er nicht so, wenn auch unwahrscheinlich peinlich aufgefallen wäre. Vielleicht war sein Vater ein doch klügerer Mann, als Marcian immer gedacht hatte und tat ihm dies sogar zum Gefallen. Seit diesem Markttag vor knapp einem Jahr, trafen sie sich immer zum Vollmond auf einer kleinen Lichtung, in einem Forst unweit ihrer beiden Dörfer. Marcian hatte nie verstanden, warum Mann und Frau in einem Bund, der sich Ehe nannte zusammenlebte. Seine Eltern stritten sich mehr, als dass sie sich liebten. Einige Male hatte er seine Mutter blutig und verweint aufgefunden, nachdem sein Vater wieder eine ganze Nacht in der Dorfschenke verbracht hatte und meinte, er müsse alle Last die auf seinem schweren Arbeitsleben lag, an seiner Frau auslassen. Marcian könnte sich nie vorstellen Mada zu schlagen, niemals sie zu berühren, ohne das sie es wollte. Marcian hatte sein Sinn im Leben gefunden, er würde jeden Tag alles dafür tun, damit niemals dieser wunderbare Widerschein ihrer Seele, der Glanz in ihren Augen verloren ginge, einen Glanz, den seine Mutter schon lange verloren hatte, wenn sie seinen Vater anblickte. Heute, an ihrem Jahrestag, so wie Marcian hoffte, denn er hatte nie gelernt das Jahr und seine Zahlen und Einteilungen richtig zu lernen, würde er sie küssen und wenn danach die Welt unterginge. Noch einmal blickte er auf seine schmutzigen Stiefel und musste sich zurückhalten, nicht laut loszulachen. Worüber machte er sich Sorgen? Über schlechtes Wetter und einen sumpfigen Weg? Er rief sich selbst zur Ordnung und erkannte, wie wenig ihm Klagen doch zustand, nicht bei dem Glück, was er empfand, wenn er Mada sehen würde. Kein Weg war zu weit, nicht einmal ein tollwütiger Bär hätte ihn noch aufhalten können, heute Mada zu sehen und sie endlich zu küssen. Er legte die wenigen Meter zum Waldrand und die kleine Strecke zur Lichtung im Forst nun schneller, noch aufgeregter und zielstrebiger zurück und dann sah er sie. Für einen kurzen Moment, war es ihm nicht mehr möglich sich zu bewegen, ja er glaubte fast, nicht mehr zu atmen. Wäre er ein Künstler gewesen, wie sie ab und an einmal ins Dorf kamen, hätte er sie in einem Gemälde verewigt. Wie damals, tat sie nichts und doch so viel, sie war einfach da und wartete, auf ihn. Ihre Haare fielen wie gegossenes Gold von ihrem schmalen, vom Schmutz des Tages gereinigten Gesicht herab und ihr Körper wurde nur durch ein leichtes, hellweißes Kleid bedeckt, das ihm vorkam, wie aus teuerster Seide gestickt. Auch wenn er wusste, dass Stoffe wie Seide für ihn und sie niemals erschwinglich waren oder seien werden, zu ihr passte nichts anderes und er wollte sich auch nichts anderes vorstellen.
„Marcian“, Mada schaute ihn auf eine unbeschreibbare Art an, die ihn noch mehr die Kehle zuschnitt. Erst als sie den Kopf leicht schräg legte und ihr strahlendes Lächeln zunehmend fordernder wurde, brach sein Bann. Wie lange er einfach nur dagestanden hatte und sie ansah, konnte er nicht mehr sagen, aber auf einmal war er verlegen und fühlte sich wie an den ersten Tag ihrer Begegnung. „Mada, ich äh…“, er versuchte Worte hervorzubringen, die irgendeinen Sinn ergaben, aber sein Körper, zog sich unter den hämmernden Pochen seines Herzen zusammen und seine Stimmbänder brachten nicht mehr als ein Krächzen, eine Ahnung dessen was er sagen wollte hervor. Anscheinend bemerkte Mada seine Verunsicherung und kam auf ihn zu. Ihre Lippen wurden immer noch von einem bezaubernden, für Marcian lähmenden Lächeln umspielt. Erst als sie nur einen Schritt vor ihm stehen blieb und selbst verlegen zu Boden blickte, gab er sich einen Ruck. Er schritt auf sie zu und umarmte sie, dabei hoffend, sie nicht zu erdrücken, denn sein Herz hatte die Kontrolle über seinen Geist, nicht umgekehrt. Und sein Herz wollte sie erdrücken, einschließen, mitnehmen, festhalten und küssen. „Mada, ich hatte gehofft das du kommen würdest, ich war mir nicht sicher, es ist kalt und später als sonst, aber ich…“, und wieder war es, als wenn sich sein Verstand einfach ausknipste. „Du freust dich das ich gekommen bin?“, Mada löste sich aus seiner Umarmung und nahm sein Gesicht in beide Hände, um ihn direkt in die Augen zu blicken. „Ja, das wollte ich sagen. Ich freue mich dass du gekommen bist. Nein, um ehrlich zu sein, ist es viel mehr als Freude, ich kann das nicht beschreiben, aber alleine bei dem Gedanken daran, dass du nicht gekommen wärst, wäre ich wohl gestorben“, er nahm seinen Mut zusammen und versuchte, ihr bei den Worten ebenfalls in die Augen zu blicken. Er wünschte sich, er hätte es nicht getan.
Eine einzelne Träne schälte sich aus ihrem Auge und rann ihre ebene Wange hinab um in einer zeitlosen Sturz auf den schmutzigen Waldboden zu fallen. Er fühlte sich, als schnitt ihm jemand die Luft ab, strangulierte seine Kehle, löschte alles Leben in ihm aus. Sie weinte. „Mada, es tut mir leid, ich wollte nichts Falsches sagen, es tut mir leid. Ich wollte dir nicht wehtun, bitte, sag mir was ich tun soll?“
„Du hast nichts getan Marcian, was Falsch ist. Ich weine nicht weil es mir nicht gut geht, sondern weil es so schön ist, dass du mir so was sagst“, Mada erlangte langsam ihre Fassung zurück und ihre Wange, die eben noch einer einzelnen Träne als Rinnsaal diente, zog sich in einem Lächeln herauf. Er verstand die Welt nicht mehr, warum weinte sie, wenn er nichts Falsches gesagt hat. Wieso weint jemand, wenn etwas schön ist. Er hatte immer nur geweint, wenn es ihm schlecht ging. Ein einzelner Windstoß, ließ ihn wieder in die Realität zurückfinden und den Gedanken abschütteln. Würde er, weiter darüber nachdenken, würde er bestimmt wieder etwas Komisches sagen, deshalb beschränke er sich darauf, ihr mit einem erzwungenen Lächeln zu antworten, was gehörig schief ging. Anscheinend schnitt er mehr eine Grimasse als zu Lächeln, wie er in ihren Augen las und das Gefühl der Hitze, die sich von seinem Kopf über den ganzen Körper ausbreitete, bescherte ihn einen hochroten Kopf. Um die Situation irgendwie wieder zu retten presste er sie wieder an sich und genoss das Gefühl der Wärme, die ihr Körper ausstrahlte, doch da war noch mehr. Irgendetwas war falsch. Ihr Körper war warm, aber es war nicht nur die Wärme, die er dadurch spürte, sie an sich zu drücken, sie war zu warm. Irgendetwas in ihm schien zu erahnen, was hier nicht stimmte, aber sein Verstand verwehrte ihn jedwedem Gedanken daran. Seine Hand strich durch ihre blonden Locken und legte sich wie von selbst an ihr Kinn und hob es sanft hoch. „Mada, ist alles in Ordnung“, er konnte nicht sagen warum er fragte, aber er konnte nicht anders. Sie schaute ihn für einen kurzen Moment in die Augen, dann senkte sich ihr Blick wieder, aber er konnte spüren, wie irgendetwas in ihr zerbrach. „Liebster, ich möchte dass du weißt, dass ich mich jeden Tag nach dir sehne. Immerzu nur an dich denke und wenn meine Gedanken um dich kreisen, ich niemals anders kann, als zu lächeln. Es ist schon so, dass mich alle anderen ungläubig anschauen, wie ein Bauernmädchen wie ich, das ständig vor Dreck starrt und sich am Ende des Tages, vor Schwäche kaum noch auf den Beinen halten kann, immerzu nur lächeln kann. Selbst wenn ich den ganzen Tag mit meinem Vater auf den Feld verbracht habe oder den ganzen Stall umgewälzt habe, solange ich an dich denke, verschwindet mein Lächeln einfach nicht“, Mada sprach sehr klar und jedes ihrer Worte waren wie ein Schlag für Marcian, verfehlten ihre Absicht völlig, waren wie Hohn. Marcian verstand nicht viel von den magischen Dingen, die sich zwischen Mann und Frau abspielten, aber er glaubte zu wissen, dass dies ein besonderer Moment sei. Als wenn sie ihm ihre wahren Gefühle offenbarte, ihm irgendetwas Wichtiges gestand. Doch warum hörte es sich für ihn alles so wie ein Abschied an? „Marcian, ich bin krank. Der Dorfschulze weiß nicht was es ist, aber er sagt, dass ich zu Hause bleiben soll und nicht mehr arbeiten kann. Ich darf mich nicht anstrengen und soll strenge Bettruhe halten. Aber das kann ich nicht, mein Vater will mich arbeiten sehen und wäre ich im Bettlager geblieben, hätte ich dich heute nicht sehen können.“
Es begann zu regnen. Schwere dicke Tropfen die innerhalb weniger Augenblicke die ganze Lichtung in einer dichten Schleier aus purem Grau legten, doch der Regen war nicht kalt, er war warm, fast so, als wäre der Sommer auf einen Schlag zurückgekehrt. Marcians Gedanken überschlugen sich, er fühlte eine Schwere in seinem Herzen, die ihn fast wahnsinnig zu machen schien. Fiel der Regen, weil die Götter nicht wollten, dass er die Tränen von Mada sah? Regnete es, weil ein so wunderbares Geschöpf krank war. Können Götter weinen? Marcian vertrieb die Gedanken an den Sinn des Wetterumschwungs und versuchte sie zu trösten, etwas Beruhigendes über seine Lippen zu bringen, doch er stand einfach nur da. Seine Hände zitterten und er wollte sie einfach nur in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie bald wieder gesund sei, dass alles sich zum Guten wendet, er wollte ihr einfach nur sagen, dass er sie liebt. Doch kein Laut kam über seine Lippen. Seine Gefühle, die sich wie in einem schweren Unwetter in alle Richtungen schlugen, fanden keinen Weg in seinen Kopf, seine Kehle hinunter, um als Worte die stürmische Stille zu durchschneiden. Als sich der graue Regenschleier noch heftiger zu verdichten schien und er Mada nur noch mit Mühe erkennen konnte, sah er es. Im ersten Moment war es nur ein flüchtiger Schatten im Regennebel. Eine Bewegung, ein Ast der sich im Wind legte, ein Tier das vorbeihuschte, ein kurzes Aufhellen des Regens? Es war nichts von alledem und Marcian wusste es. Er wusste nicht was es war, aber er wusste, dass es nicht hier hin gehörte, dass es falsch war, dass es vielleicht nicht mal in diese Welt gehörte und es näherte sich Mada. Er reagierte ohne zu Denken. Sein Körper wandte sich in einer komplizierten Bewegung um Mada herum und platzierte sich blitzschnell zwischen dem Schatten und seiner Liebsten. Noch bevor er einen Gedanken fassen konnte, schrie er alle Wut, alle Enttäuschung und alle Traurigkeit dem Schatten entgegen. Er entfesselte seine Gefühle wie eine schwarze Welle tosender Energie und ließ sie auf den Schatten los, wie ein Kind, mit einem zu großen Schwert in der Hand, das ohne darüber nachzudenken, einfach zuschlug. Und das Böse verneigte sich vor der Macht der Unschuld. Noch bevor der Schatten begriff, was gerade passierte, wenn dieses Wesen überhaupt des Begreifens fähig war, löste es sich auf, als hätte es niemals diese Welt betreten. Noch bevor ein weiterer Lidschlag verging, wurde die Welt vor seinen Augen schwarz und gnädige Ohnmacht hüllte ihn ein.

Als er erwachte, war er sofort hellwach. Nichts erinnerte mehr an das, was geschehen war und auch die typische Trägheit, nach einer Ohnmacht stellte sich nicht ein. „Mada“, entglitt es Marcian schreiend und er blickte sich um. Er war immer noch auf der Lichtung. Der hängende Regenschleier war immer noch da, es war dunkel, aber dennoch konnte er die zierliche Gestalt von Mada erkennen, die wie ein Baby in einer grässlichen Stellung am Boden lag. Alles in ihm schrie auf und verstummte im nächsten Moment wieder. Mit zwei schnellen Schritten war er bei ihr, kniete sich neben ihr und nahm ihren Kopf in seine Hände. Sie war immer noch warm, ihr Lächeln war immer noch da, aber es war gefroren, eingemeißelt für die Ewigkeit, sie war tot. Keine klaren Gedanken fassend, starrte er sie einfach nur an und eine unglaublich alte, stechende Stimme kroch in sein Bewusstsein.
Es regnete nicht, weil sie krank war, nicht-, um ihre Tränen zu verdecken. Die Götter weinen, wenn Engel fallen.
Er hatte sich nichts mehr gewünscht, als einen Kuss von ihr, selbst wenn danach die Welt unterginge. Sanft nahm er ihren Kopf etwas höher und bettete ihn auf seinen Schoß. In einer unendlich langsamen, zärtlichen Bewegung griffen seine Lippen nach Ihren und er küsste sie.
Dann ging die Welt unter. Seine Welt ging unter und damit, prophezeit für alle kommenden Jahrhunderte, auch unsere Welt, selbst wenn sie jetzt noch nicht begriffen hat, was sie ihm angetan hat und damit sich selbst.

Die Gefühle des Schmerzes kehrten in seinen Körper zurück und als wenn sein Körper ihn vor der Realität schützen wollte, hüllte ihn wieder gnädige Schwärze ein und er schlief. Als er wieder erwachte, legte sich ein blutiger Schleier um ihn und er konnte nicht klar denken.


Vorgestern

2

Freundschaften sind wie guter Wein

Was er sah, konnte er nicht fassen, ja nicht einmal annähernd auch nur in soweit verarbeiten, als das es einen Sinn ergeben würde. Der Schatten, blitze nur für einen Moment auf und war wieder verschwunden. Marcian fiel lautlos zu Boden und Mada starb augenblicklich. Es war keine Stunde her, dass Daemon sich aus dem Haus seiner Eltern geschlichen hatte um Marcian zu verfolgen. Marcian und er, waren seit dem sie sich das erste Mal auf dem Feld, bei einem Kräftemessen gegenüberstanden, erst Feinde, dann Freunde geworden. Marcian hatte etwas an sich, was wohl jeden Menschen in seiner Umgebung faszinierte und bei Daemon war das nicht anders. Obwohl Marcian schon siebzehn Sommer alt war, erreichte Daemon seinen vierzehnten Winter erst dieses Jahr. Vielleicht war es auch gerade das, was Daemon immer so fasziniert hatte. Obwohl er und Marcian drei Jahre auseinander lagen, waren sie doch zu Freunden geworden. Er war der Einzige der Älteren, die sich mit ihm beschäftigten. Schon lange hatte Daemon herausgefunden, dass Marcian sich zu jedem Vollmond auf den Weg machte in einen nahe liegenden Wald, nur wusste er nie weshalb. Er wünschte sich, er wäre nicht so kindlich naiv gewesen und seine Neugier hätte ihn heute nicht hierhin getrieben. Warum musste er ihm aber auch immer folgen. Es waren nur wenige Momente gewesen, aber alles woran er glaubte, hatte sich verändert. Der Regen der vor wenigen Minuten sich wie ein grauer Schleier über die Lichtung, nicht über das Land gelegt hatte, war unnatürlich. Der Schatten der plötzlich erschien und Mada angriff, Marcian der sich dazwischen stellte und etwas tat, was Daemon nicht verstand. Von der Neugier gepackt, war er ihm den ganzen Weg vom Dorf zur Lichtung gefolgt und hatte sich auf seinen Lieblingsbaum-, einer alten verzweigten Eiche gesetzt um Marcian zu beobachten. Und er hatte mehr gesehen, als er wollte. Die Szene die sich vor wenigen Sekunden abgespielt hatte, war auf eine schwer zu beschreibende, aber noch viel schwerer zu ertragende Weise abgelaufen. Daemon hatte keinen blanken Stahl gesehen, kein Blut, keinen wirklichen Kampf, aber dennoch hatte er ein Ringen um das nackte Überleben mitbekommen, was Mada verlor, doch Marcian gegen diesen Schatten, dieses Wesen, gewann. Obwohl Daemon nichts anderes wollte, als seinen Freund zu helfen, zu ihm zu gehen und ihn zu stützen, aber er war dazu nicht fähig. Wie der sprichwörtliche angewurzelte Baum auf den er saß, fühlte er sich auch, bewegungslos. Die Lichtung lag immer noch in einem Licht und Schattenspiel, einer Umarmung des Regens, der alles unwirklich zu scheinen ließ, doch der Schleier, das unweltliche Licht, begann zu verschwimmen und sich immer mehr aufzulösen. Als hätte ein kranker Spieler, seine Figuren auf dem Schachbrett mit einer Hand abgedeckt, damit ein anderer Spieler nicht sah, welchen Zug er unternahm. Marcian erwachte wieder und blickte auf Mada hinab. Auch wenn das schwache Licht keine genaue Analyse zuließ, so war Daemon sich doch sicher, dass sich etwas in Marcians Augen geändert hatte. Ein gellender Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. Torge, Madas Vater stand wenige Meter neben der Lichtung und trat aus dem Unterholz. Anscheinend war Daemon nicht der Einzige, der Marcian oder Mada heute Nacht gefolgt war. In Torges Augen war nur für den Bruchteil eines Augenblicks Trauer und Entsetzen zu erkennen und dann schlug es um. Aus Trauer und Entsetzen, immer dann, wenn Menschen mit Situationen nicht klar kamen, wandelte es sich in ein weitaus heftigeres Gefühl, damit der Verstand, den Körper nicht einfach bewegungslos machte. Hass! In Torges Augen blitzte der pure Hass auf. Hass und Angst, waren eine gefährliche Mischung. Und noch bevor Daemon realisierte, wie Madas Vater die Szene vorkommen musste, stürzte der Bauer auf Marcian zu. Wie in Watte gepackt und unglaublich langsam, sah Daemon, wie Torge mit nur drei ausufernden Schritten bei Marcian war und ihn mit der rechten Faust hart an der Schläfe traf. Marcian taumelte und wäre fast über Mada gestolpert, hätte sich sein linker Fuß nicht in einem Maulwurfshügel verfangen, der ihn zum Sturz brachte. Der Bauer sprang auf Marcian zu drückte sein Knie in halbaufgerichteter Position gegen Marcian Brust und schlug ihm wieder ins Gesicht. Eine Ode aus Blutspritzer schoss links und rechts neben Marcians Kopf in die Luft und Daemon hörte wie Zähne abbrachen und einen Lidschlag später, ein durch Mark und Bein gehendes Knacken, krächzen, brechen. Daemon verstand nicht viel von der menschlichen Anatomie, aber er wusste dass irgendetwas in Marcians Gesicht gebrochen war und er erkannte, mit unerbittlicher Wahrhaftigkeit, dass Torge ihn tot prügeln würde. Daemons Gedanken überschlugen sich. Würde er Marcian zur Hilfe eilen, würde Torge ihn auch totschlagen, denn seine Augen waren momentan zu nichts anderem mehr fähig als zu hassen und dem Körper damit das Gefühl zu geben, diesen Hass an einem anderen Lebewesen auszulassen. Torge, wollte nur das sehen, was er sehn wollte und hielt Marcian für einen Mörder. Aber so durfte es nicht enden, niemand durfte ihm Marcian wegnehmen, den einzigen Freund, den er hatte. Außerdem hatte Daemon gesehen, dass Marcian Mada kein Haar gekrümmt hatte, ja nichts für ihren Tod konnte. Daemon musste sich entscheiden, schnell. Und er entschied sich. Sein Vater war ein weiser Mann, vor allem aber ein gerechter Mann. Sein Vater würde die Situation klären und nicht einfach nur die Dinge sehen, die Torge sehen wollte. Sein Vater…?!
Sein Vater würde Marcian retten. Daemon sprang die guten zwei Meter von der alten Eiche hinunter und wendete sich zum Dorf, er lief los, ohne sich noch einmal umzudrehen. Doch Marcians, lauter werdendes Stöhnen hinter ihm verlieh Daemon eine Schnelligkeit, als wäre der Teufel persönlich hinter ihm her. Trotz der ungeheuren Energie, die Daemon so wie es ihm vorkam, schneller als der Wind laufen ließ, hatte er die böse Vorahnung, dass er zu spät kommen würde.
Er konnte das Gefühl nicht wirklich in Worte fassen, er wusste dass er zu spät kommen würde. Es vergingen nur wenige Minuten bis Daemon die guten drei Meilen zum Dorf zurücklegte und nur noch einen kleinen Moment mehr, seinen Vater aus dem Bett zu holen, ihn anzuschreien das Marcian in Lebensgefahr war und sich wieder auf den Weg zurück zu machen. Daemon wartete nicht einmal die Antwort seines Vaters ab, er deutete nur in Richtung des Waldes, schrie unaufhörlich immer wieder das Wort Tod und lief zurück. Er hatte das Gefühl, als würde die Zeit still stehen, als würde die Realität neben ihm ablaufen oder mit ihm als Protagonisten, ohne dass er es selbst merkte.
Es hatte gänzlich aufgehört zu regnen und es schien auch einen Deut wärmer geworden zu sein, stellte irgendein kleiner Teil seines Bewusstseins fest, als er mit keuchendem Atem und unruhigen, schweren Herzschlägen, die einem kräftigen Schmied am Amboss Stolz abgerungen hätten, wieder auf der Lichtung ankam. Als er stehen blieb, wurde ihm für einen kurzen Moment fast schwarz vor Augen und Sterne explodierten in seinem Blick. Sein Geist schien sich nun doch endlich entschieden zu haben, ihn für die insgesamt sechs Meilen hin und zurück in weniger als einigen Minuten bestrafen zu müssen. Noch bevor er irgendetwas auf der Waldlichtung erkennen konnte, sackten seine Beine zusammen und mit einem Knacken des Gehölzes unter ihm, brach er zusammen. Aber etwas in ihm wehrte sich mit dem Trotz eines Kriegers gegen die nahende Bewusstlosigkeit. Obwohl Daemon nicht fähig war, auch nur einen klaren Gedanken fassen zu können und ohne sich zu bewegen, blieb er dennoch bei Bewusstsein. Vielleicht war es so, dass jemand wollte, dass er alles mitbekommt. Mit der letzten Energiereserve, die ihm noch möglich war, neigte er im Liegen seinen Kopf in Richtung der Lichtung. Im gleichen Moment wünschte er sich, es nicht getan zu haben. Der Anblick war entsetzlich. Etwas in ihm schrie auf und die explodierenden Sterne fanden mit der Wucht einer kaiserlichen Armee Einzug in seinen Kopf. Als sich seine Lieder zur Bewusstlosigkeit senkten und sein Verstand sich in das Schneckenhaus der der völligen Leere zurückzuziehen
drohte, wurde ihm noch ein Blick auf die Lichtung geschenkt. Marcian lag nicht mehr am Boden, er kniete und sein Blick ging wie ein kniender Diener verzweifelt gen Himmel. In seinem Blick lag etwas klagendes, eine Anklage gegen die Götter und das Spiel, das sie mit ihm trieben. Marcians Hände zitterten, seine Haut wirkte noch bleicher, als sie es ohnehin schon immer war und in seinen Augen war neben dem klagenden Blick, eine entsetzliche Leere. Eine Leere, die kein Kind der Welt, aber auch kein Heranwachsender jemals haben sollte, wenn es Götter gibt. Neben ihm lag ein faustgroßer mehr als eine Elle lange Ast, der von der alten Eiche zu stammen schien. In einem Fluss aus Blut, der schon begann den weichen Waldboden mit der untrügerischen blutroten Farbe zu bedecken, die kein Mensch lange ertragen konnte, lag Torge. Sein Gesicht war auf eine bizarre Weise verzerrt, es schien als sei seine gesamte linke Gesichtshälfte ein zu weites Stück nach rechts verschoben worden. Torges unbewegte, aber ebenfalls klagende Todesfratze schien Daemon direkt anzustarren. Ein zwei fingerbreites eingedrücktes Loch öffnete sich ausgehend seiner verzerrten Gesichtshälfte und gab einen Blick auf die menschlichen Anatomie, die Daemon nicht ertragen wollte. Eine gelblich matte, aus kleinen Brocken zu bestehende, blut getränkte Masse schien ihn aus purer Ironie aus dem Loch hinaus anzustarren. Das Gehirn war in Brocken durch den wuchtigen Schlag, der stattgefunden haben musste, mit einem überwältigenden Druck aus dem Schädel hervorgeplatzt sein. „Mörder, Mörder! Haltet ihn“, hörte Daemon irgendjemanden hinter sich brüllen, dann kam die lang ersehnte Ohnmacht und überrollte ihn.

Als Daemon erwachte, überkam ihn ein drückendes Gefühl drohender Übelkeit, das sich langsam durch seine Eingeweide in Richtung Hals drückte. Zuerst dachte er, er müsse sich erbrechen, doch dann stellte er fest, dass er es wohl schon mehrmals im Schlaf getan haben musste. Seine Kehle wurde von einem tauben Gefühl umgeben, ein bitterer Geschmack nach Galle lag in seinem Hals und nur mühsam konnte er den erneuten Brechreiz unterdrücken. Nur wenige Momente später, legte sich das Gefühl brechen zu müssen und die Erinnerung kam mit Gewalt zurück. Er hatte gesehen, wie Mada starb. Er musste mit Ansehen wie Marcian mit irgendetwas um ihren Tod gerungen hatte, wie Madas Vater auf Marcian einschlug. Er war nach Hause gerannt und hatte seinem Vater alarmiert, er solle Marcian zu Hilfe eilen. Doch als Daemon wieder an der Lichtung ankam, war Torge schon tot und Marcian war dessen Mörder. Und dann waren da wieder diese Stimmen:“ Mörder, Mörder! Haltet ihn“, die Daemon wie ein Überbleibsel seiner Erinnerung im Kopf dröhnen hörte. Er richtete seinen Oberkörper auf und blickte sich um. Er war zu Hause, in seinem Bett. Seine Kleidung lag einige Schritt weit entfernt auf dem Boden, als wenn er sich hastig ausgezogen hätte. War alles nur ein Traum? Der Tag blinzelte schon zwischen den Fensterladen hervor und eine warme Sonne streichelte seinen ungewöhnlich sonnengebadeten Körper. Seine langen schwarzen Haare fielen ihm tief ins Gesicht und gaben seinen angestrengten Augen etwas Schatten vor der Sonne, die am heutigen Tage der Meinung war, ihre ganze Macht der Erde präsentieren zu müssen. Es war Tag. Es war Tag? Daemons Blick wanderte noch einmal zu seiner Kleidung und er erschrak. Sie war aufgeweicht von Nässe, starrte vom Schmutz des Waldes und es roch in dem Zimmer ungewöhnlich nach Schweiß, nach Anstrengung der letzten Nacht. Es war kein Traum gewesen. Er sprang aus dem Bett, zog sich mehr intuitiv als überlegt seine schwarze Jutehose an und rannte aus dem Zimmer. Er fand seinen Vater im Wohn und Schlafraum seiner Eltern. Der spärlich eingerichtete Raum der aus kaum mehr bestand als einem Tonofen, der von der Mitte aus den ganzen Raum zu beherrschen schien und einer kleinen Kommode, sowie einem halb verfallenen Regal an der Westseite, ging eine erdrückende Stimmung und eine zerreißende Stille aus. Sein Vater saß auf dem einzigen, schlecht zusammen gezimmerten Hocker vor dem Tonofen und starrte in die beinahe verloschene Glut. Warum hatte er die Glut nicht längst gelöscht? Die Sonne, die durch die im Wohnraum geöffneten Fensterläden hereinfiel, verbreitete eine fast schon unerträgliche Hitze. Doch aus irgendeinem Grund schien sein Vater zu frösteln. War es die Kälte der Ereignisse, die Menschen frösteln ließ? „Vater?“, Daemon flüsterte die Worte mehr, als er sie sagte. Sein Vater sah in diesem Moment so verletzlich aus, als wenn jedes zu laut gesprochene Wort ihn töten könnte. „Setz dich Daemon“, sein Vater schien unendlich viel Mühe aufwenden zu müssen, um überhaupt ein Wort herausbringen zu können. Daemon setzte sich auf den Boden neben seinen Vater und schaute zu ihm auf. „Junge, ich weiß nicht was du gestern gesehen hast. Ich will es auch nicht wissen und du solltest es so schnell vergessen wie du nur kannst. Noch nie hat jemand von uns, einen Anderen etwas angetan. Doch gestern hat Marcian, dein Freund, gleich zwei Menschen das Leben weggenommen.“, sein Vater hatte nun seinen Blick streng auf ihn gerichtet und Fassungslosigkeit schien sich in Entschlossenheit zu wandeln. „Dieser feige Mörder hat sich ergeben. Als ich an der Lichtung ankam, leistete er keinen Widerstand. Ich habe Hilfe gerufen und wir haben ihn in die Kirche gebracht. Es tut mir leid Daemon, aber das Schicksal deines Freundes ist besiegelt. Es gab hier noch nie einen Mord und gestern gab es gleich Zwei davon“, sein Vater stockte kurz als er wahrnahm, wie sich in Daemons Augen Trauer und Wut widerspiegelten. „ Er war es nicht! Ich habe gesehen das Mada einfach zusammengebrochen ist. Sie war krank. Das hat sie gestern selbst noch gesagt. Er hat ihr nichts getan. Und Bauer Torge ist auf Marcian in blinder Wut losgegangen, er hat sich nur gewehrt“, Daemon flehte, dass sein Vater ihm glauben würde. Er schrie die Wörter mehr, als das er sie sprach. Seine Augen füllten sich mit Tränen und ein stechender Schmerz, der in jeden Atemzug zur Qual machte, begann sich in seiner Brust auszubreiten. Doch sein Vater schien nur durch ihn hindurchzublicken. So, als wenn er mit Widerstand gerechnet hatte, aber schon vorher entschieden hatte, ihm nicht einmal zuzuhören, so wie es Eltern so oft mit ihren Kindern taten. „Hör auf, ich will davon nichts mehr hören. Ich weiß was ich gesehen habe. Er hat Torge den Schädel eingeschlagen und ich kann nur den Göttern danken, dass dieses blutrünstige Monster nicht auch auf mich losgegangen ist. Wir haben das nicht zu entscheiden. Die Entscheidung wurde bereits gefällt.“, Kar Krinak, sein Vater erhob sich von dem Hocker und ging zu einem der kleinen Fensterläden und öffnete ihn vollends. Daemon schrie innerlich und kämpfte mit den Tränen. So vieles, wollte er seinem Vater entgegen schreien. Wollte Licht ins Dunkel bringen. Der Wahrheit ihren Dienst erweisen, aber er brachte keinen Laut mehr von sich. Kar Krinak deutete mit der rechten Hand aus dem Fenster auf einen Punkt irgendwo weit hinten bei den Feldern. „ Dort hinten, auf Torges Weizenfeld hängt er nun. Satinav, der Dorfälteste, hat entschieden, dass Marcian auf Torges Feld wie eine Vogelscheuche aufgehängt werden soll und jeder Dorfbewohner darf ihn so wehtun und verletzen, wie es ihm beliebt. Nur töten darf ihn niemand, aber das werden die Raben sicherlich schon tun, wenn er erstmal genug geblutet hat oder der Hunger und Durst.“, sein Vater schien bei diesen grausamen Worten, deren Wahrheit noch viel grausamer war, alles was vor ein paar Stunden passierte, in den Schatten zu stellen. Wie konnte er nur so etwas sagen, wie konnte sein Vater die Wahrheit so mit Füssen treten? Wieso sehen Menschen immer nur das, was sie sehen wollen?
Die nächsten zwei Tage verbrachte Daemon eingeschlossen im kleinsten Zimmer seines Hauses. Sein Vater hatte ihn mehrfach eingeschärft, nicht einmal an ein Ausreißen zu Denken und ihn mehr als einmal, die Tracht Prügel seines Lebens angedroht. In den zwei Tagen hatte er keinen Schlaf gefunden. Seit zwei Tagen hing Marcian nun schon, an ein einfaches Kreuz geschlagen wie eine morbide, lebende Vogelscheuche auf Torges Feld. Daemons Gedanken kreisten immer nur um seinen Freund und was er hätte tun können. Und heute, würde seine Gelegenheit kommen, ihm zu helfen.
Daemon hörte wie der schwere Riegel von außen noch einmal geprüft wurde, dann verließ sein Vater das Haus. Sein Vater wollte sich heute mit der Dorfgemeinschaft im Schankhaus treffen um noch einmal über den tragischen Vorfall vor zwei Tagen zu sprechen. Ja, dachte Daemon, sprechen und verurteilen würden sie Marcian weiterhin und ganz sicher nicht losbinden, nur überlegen, wie sie ihm ein grauenvolles Ende bereiten konnten. Würde er heute Abend die Gelegenheit nicht nutzen, würde sein Freund sterben, dass wusste er mit einer Sicherheit, die ihn selbst erschrak.
Selbst vor das kleine Fenster, welches von zwei dicken Läden normalerweise nur von innen verschlossen war, hatte sein Vater Bedacht gelegt. Gestern zur Mittagsstunde hatte Daemon gehört, wie sein Vater von außen die Fensterläden seines Zimmers zugenagelt hatte. Anscheinend war Kar Krinak seine angedrohte Prügel nicht genug Sicherheit, Daemon Wunsch zu unterdrücken, seinem Freund zur Hilfe zu eilen. Daemon, der für seine vierzehn Jahre zu mindest von der Größe her wohl fast ausgewachsen war und so einem Erwachsenen bei gleicher Höhe in die Augen schauen konnte, näherte sich den vernagelten Fensterläden. Das Haus seines Vaters und die Schenke, lagen vielleicht gut zwei Dutzend Schritte auseinander und er wusste, dass er, wenn er Lärm machte, schnell sein musste. Ihm blieb keine Zeit, nach einer Möglichkeit zu suchen, die Nägel irgendwie vom Inneren des Raumes zu entfernen, genauso wenig wie er Zeit hatte, lange gegen die Fensterläden zu schlagen und somit die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ob es laut würde oder nicht, es musste schnell gehen. Wenn er erst einmal aus dem Zimmer und im Freien wäre, würde ihn sowieso niemand mehr einholen, denn wenn er ein Talent hatte, so war es seine Schnelligkeit. Er konzentrierte sich auf den bevorstehenden Schmerz und hoffte, dass er sich nicht das Bein brechen würde, denn er musste schnell sein. Er schloss die Augen und machte einige Schritte zurück. Seine Augen öffneten sich, seine Muskeln spannten sich und sein Wille, wurde zu einem Ziel. Er lief los. Nach drei Schritten stieß er sich mit dem linken Bein ab und krachte mit dem rechten Knie punktgenau gegen die Mitte der Fensterläden, genau an den Punkt, der sie normalerweise zusammenhielt. Eine Schmerzwelle durchraste seine Kniescheibe und er hörte wie etwas zerbarst, brach und in kleinen Teilen sich verteilte. Es war nicht sein Knie. Es war kein Stück der Fensterläden, sondern das gesamte zusammengenagelte Fenster brach und splittere und flog in hohen Bogen nach außen. Daemon prallte zurück, fing sich aber sofort wieder mit dem linken Bein ab, beugte es in einer ruckartigen Bewegung durch, um den Sturz die Energie zu nehmen und stand. „Beeil dich“, schrie in seine innere Stimme an. Er kletterte aus dem Fenster und lief los. Hinter sich hörte er die aufgeregte Stimme seines Vaters und einige wütende Schreie der anderen Dorfbewohner. Schemen bewegten sich um ihn herum, ein Schleier aus wirrender Luft umspielte sein Gesicht und trieb ihn die Tränen in die Augen. Seine Augen tränten, als sein Körper schneller die Luft durchschnitt, als es sein sollte, schneller als es für einen Menschen angebracht war. Daemon wusste nicht mehr wie viel Zeit verstrich, denn er verlor jegliches Zeitgefühl während er die Meilen zum Feld zurücklegte. Aus einiger Entfernung und immer noch rennend sah er ihn. Marcian war gut einen Meter über den Boden an einen hölzernen Aufsteller mit Seilen befestigt. Marcian war bis auf einen Lendenschurz nackt und sein Körper war überseht mit etlichen kleinen Schnitten und Stichwunden. Sein Körper, glich mehr einem Gerippe, als dem Körper eines Menschen. Er musste in den letzten Tagen sicherlich zwei Dutzend Pfund abgenommen haben und sein Körper wirkte im ersten Moment so schwach, dass Daemon ihn für einen Bruchteil eines Moments für tot hielt. Vor dem Holzgestell, an dem Marcian hing, standen zwei grobe Holzklötze auf denen einigen Dinge lagen. Auf dem einen Klotz, lagen mehrere schartige, teilweise vom Rost befallene Messer. Auf dem Anderen, der einige Meter weit entfernt stand, lagen einige Steine in der Größe eines Hühnereis. Irgendetwas in Daemon sträubte sich gegen den Gedanken, sich klar zu machen, weshalb diese Klötze dort standen, aber spätestens der Blick in Marcians Gesicht verriet, wozu sie da waren. Sein Gesicht war eine einzige Grimasse puren Schmerzes. Aufgrund dessen, dass sein Gesicht so schmal und dünn war, wie zu dünnes Pergament das man über einen Knochen zieht und anderseits den starken Schwellungen, die ihm die Steine beigebracht hatten, wirkte er bizarr. Als sich Marcian Kopf ein stückweit erhob und Daemon direkt ansah, dachte Daemon, er würde dem Tod selbst in die Augen blicken. Ohne sich umzudrehen, konnte er dennoch aus den Augenwinkeln den Widerschein unzähliger Fackeln hinter sich sehen und er wusste, dass die Zeit gegen ihn arbeitete.
Blitzschnell packte er eines der schartigen Messer und begann, die Seile um Marcians Fuß- und Armgelenke zu zerschneiden. „Ich wusste das du kommst Daemon. Du warst schon immer scharf auf eine gehörige Tracht Prügel“, Marcian sprach klarer, als Daemon nach all der Pein erwartet hatte. „Mach dir darüber keine Gedanken, du hast ganz andere Sorgen.“, irgendetwas in seinem Kopf wollte die ganze Situation nicht erfassen, deshalb flüchtete er sich in Galgenhumor. Marcian sprach nicht mehr weiter und deshalb war es Daemon, der wieder das Wort ergriff, gerade da, als er die letzte Fessel löste. „Warum Marcian, was ist passiert und wieso hast du das getan. Ich weiß das du an Madas Tod keine Schuld hast und ich weiß, das du dich gegen Torge nur gewehrt hast, aber was ist da auf der Lichtung passiert?“
Marcian antwortete nicht gleich, sondern begann sich seine wunden Stellen an den Handgelenken zu massieren, dabei blutete er am ganzen Körper. „Ich weiß nicht was passiert ist, es war dieser Schatten. Ich weiß aber nicht was es war. Es ist auch bedeutungslos, Mada ist tot und ich habe keinen Grund mehr zu leben. Du hättest mich einfach hier hängen lassen sollen“, Marcian schaute ihm bei den Worten nicht in die Augen. Und eine leise Stimme in Daemon schrie wieder auf und sagte ihm, dass es richtig gewesen wäre, ihn hier hängen zu lassen und das er gerade etwas getan hat, dessen Bedeutung ihm erst viel später klar werden sollte.
„Lauf Marcian, sie werden gleich hier sein und dann töten sie dich, ich will nicht dass du stirbst, du hast niemanden etwas getan. Bitte geh, geh einfach fort von hier, aber lebe.“
Irgendetwas in Marcians Blick veränderte sich, als er in Daemons Augen blickte und einen Menschen sah, der ihn nicht hasste, nicht tot sehen wollte. „Wir sehen uns wieder Daemon, irgendwann, das verspreche ich dir.“ Etwas in Daemon wollte das glauben und ein noch kleinerer Teil, wusste dass es so war. Marcian drehte sich um und lief so schnell er konnte in den nahe liegenden Wald. Wahrscheinlich, dachte Daemon, auch noch viel weiter. Einfach fort aus seiner Heimat, die ihn zum Mörder erklärt hatte. Mit einem harten Ruck wurde Daemon herumgerissen und starrte in die Augen seines Vaters. Kar Krinak packte ihn und schliff ihn hart an den Haaren nach Hause. Aus den Augenwinkeln konnte er noch erkennen, wie einige Dorfbewohner zu den Messern auf einen der Holzblöcke griffen und Richtung Wald rannten.

Zu Hause warf sein Vater ihn auf den Boden und holte einen kleinen Holzknüppel aus dem Regal, der mehr flach als breit war. Er erlebte die Tracht Prügel seines Lebens. Aber das war bedeutungslos. Sein Blick wanderte hinüber zu dem Tonofen, vor dem ein Tisch mit zwei Stühlen aufgebaut war. Auf dem Tisch stand ein Schachbrett aber nur eine Figur stand auf dem Spielfeld. Der schwarze König! Wieso der schwarze König? Ein Brennen auf seinem Hintern riss ihn von dem Gedanken los und Schmerz erfüllte seine Welt. Sein Vater war ein Mann, der auch zu seinem Wort stand und es tat höllisch weh.


Vorgestern

3

Die Spieler setzen sich


Das stroboskopische Aufleuchten der Blitze über Marcian, tauchte die Szenerie in einen Mantel des Zorns, den es auch verdiente. Das Wetter hatte sich umgeschlagen während der letzten Tage und immer heftigere Sommergewitter suchten diesen Teil des Landes heim, was vortrefflich zu seinen Gedanken passte. Es war nun fast drei Tage her, dass er das kleine Dorf verlassen hatte, nachdem Daemon ihn befreit hatte. In diesen Tagen schlief und rannte er, mal mehr von dem Einem, mal mehr von dem Anderen. Seit gestern Abend bot ihm eine aus Unterholz bestehende, tief in einem Waldstück gelegene Höhle einen Unterschlupf. Obwohl der Begriff Höhle, eher beschönigend als der Wahrheit entsprach. Das Gewirr aus Ästen, die über einem schon längst verstorbenen Baumstumpf eines einstmals-, wohl riesigen Baumes thronte, bot allerdings genügend Schutz vor Wind und Wetter. Marcian war auf der Flucht. Seit dem Tag auf der Lichtung, an der dieses Ding Mada angriff, änderte sich in seinem Leben alles. Er war auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, den Menschen des Dorfes, vor allem aber, vor sich selbst. Er hatte kein Ziel, keinen Weg, nicht einmal den Willen, sich selbst noch länger als unbedingt nötig am Leben zu lassen, aber er hatte es versprochen. Wenn es noch einen Menschen auf der Welt gab, der ihm etwas bedeutete, dann war es Daemon, er musste weiter und irgendwann würde er zurückkehren. Mehr als ein Dutzend Mal hatte er in den letzten Tagen die Götter angerufen und bat sie, eindringlich und aus tiefster Verzweiflung, ihm ein Zeichen zu geben, doch sie antworteten ihm nicht. Fast so, als wenn sie ihn verstoßen hätten, nichts mehr mit ihm oder dem Ding, dass er verletzte, zu schaffen haben wollten. Den ersten Tag lief er nur apathisch und mit einer ungewohnten Schnelligkeit in nördlicher Richtung davon. Das Brennen seiner Muskeln und Sehnen, bemerkte er nicht einmal, zu groß war die Angst, wieder an das Holzgestell gebunden zu werden und er wusste, dass beim zweiten Mal, die Dorfbewohner nicht so gnädig mit ihm umspringen würden. Irgendwann am Abend fand er dann einen Riss im Waldboden, der groß genug war, ihm als Nachtstätte zu dienen. Seine Gedanken überschlugen sich in dieser Zeit ohne Unterlass. Oft dachte er an das Holzgestell und die Blicke der Dorfbewohner, seiner Brüder und Schwester, Nachbarn und Freunde. Es schien ihnen fast ein Genuss zu sein, ihn anzuspucken, mit kleinen bereitgelegten Messern die Haut aufzuritzen, kleine Steine gegen seinen unbedeckten Körper mit immenser Wucht zu werfen. Niemand half ihm, in keinem Gesicht erkannte er auch nur eine Spur von Mitleid. In den qualvollen Stunden hatte sich Marcian nicht nur einmal seinen Vater und seine Mutter an die Seite gewünscht, die ihm halfen, Mut zusprachen oder einfach nur da sein konnten. Niemand, der ihm etwas bedeutet hatte kam. Und wenn er doch einmal dachte, ein bekanntes, vertrautes Gesicht zu sehen, so wurde er bitter enttäuscht, denn jeder ehemalige Freund der kam, kam um ihn zu quälen. Er konnte nicht zurückkehren, vielleicht niemals, vielleicht auch nur momentan nicht. Vor ihm lag nichts außer einer fremden, unbekannten Welt. Eine Welt, die er entdecken wollte als er noch ein Kind war, doch dann aus freien Stücken und nicht, aus Vertreibung. Das ungute, fast an Übelkeit grenzende Gefühl, dass er seit Tagen verspürte, wurde zu bitterem Schmerz, immer wenn er darüber nachdachte. Seine Zukunft war nicht nur ungewiss, sie war auch zutiefst verwirrend. Umso mehr Marcian darüber nachdachte, umso schlimmer würde die Übelkeit, die mittlerweile seinen ganzen Körper durchzog. Die Galle kroch seine Kehle nun schneller herauf, als er sie wieder runterschlucken konnte. Das Atmen fiel ihm immer schwerer und der bittere Geschmack der Galle ließ ihn mehrfach würgen. Er wusste nicht mehr, wie oft er sich in den letzten Tagen übergeben hatte, doch dieses Mal war anders. Ganz gleich wie sehr er versuchte sich einzureden, kein Blut in seinem Erbrochenen zu sehen, es war da. Marcian verstand nicht viel von der Menschenflickerei oder der Medizin, wie es einige Gelehrte nannten, aber er musste krank sein. Das Blut in seinem Erbrochenen bestätigte nur das Gefühl, war der Fakt, der ihm vor Augen führte, was er seit Tagen vermutete, er war krank. Er hatte seinem Körper in den letzten Tagen mehr zugemutet, als es gut für ihn war, ja vielleicht mehr, als ein Körper aushalten konnte. Mit einiger Anstrengung verscheuchte er den Gedanken und kroch aus seinem improvisierten Unterschlupf. Es würde ihm nichts nutzen weiter sich an diesem Ort aufzuhalten und das Leben zu verfluchen. Sein Körper musste wieder gestärkt werden. Auch wenn er nichts mehr brauchte als Schlaf und Ruhe, so konnte er sich dennoch nicht hier niederlassen und den Lauf der Krankheit abwarten, er hatte keine Nahrung und der letzte Bach lag schon mehrere Meilen hinter ihm. Er war sich nicht sicher, ob er den Bach noch erreichen konnte, wenn es ihm noch schlechter gehen würde. Für einen kurzen Moment dachte er darüber nach, zum Bach zurückzukehren und dort seine Krankheit auszukurieren, verwarf den Gedanken aber gleich wieder, der Bach lag zu dicht an seinem Dorf und die Bewohner würden die Verfolgung nicht so leichtfertig aufgeben. Er würde lieber verdursten oder vor Schwäche zusammenbrechen, anstatt sich noch einmal festbinden und quälen zu lassen. Er musste eine Stadt erreichen, eine Zivilisation, in der er untertauchen könnte. Er wusste, dass in nördlicher Richtung der Grafschaftssitz von Lecallan von Greifbach lag, dem Grafen der hiesigen Lande. Greifbach, ein ehemaliges kleines Dörfchen welches dem Landsitz des Grafen angebaut worden ist, sollte, so die Erzählungen die Marcian als Kind aufschnappen konnte, zu einer großen Stadt herangewachsen sein. Marcian musste in die Stadt, sich Nahrung verschaffen und sich etwas auskurieren, bevor er seine Flucht fortsetzen konnte. Sicherlich würden sich die Nachrichten von einem entflohenen Mörder aus seinem Dorf nicht allzu lange von Greifbach fernhalten, also musste er schneller drin und wieder draußen sein, als sich die Geschichten um einen entflohenen Mörder verbreiten konnten. So gefährlich der Aufenthalt in Greifbach auch sein sollte, so wusste er doch, dass er in den umliegenden Wäldern nicht überleben würde, nicht in seinem Zustand.
Wenn er in gleichmäßigen Schritt bleiben würde, könnte er schon am nächsten Morgen Greifbach erreichen. Mit einem leisen Gebet auf den Lippen schritt Marcian gen Norden.
Noch vor dem Abend brach er zusammen.
Eine neue Welt eröffnete sich vor ihm, zerriss die bekannte, gewohnte Umgebung in eine tiefe Dunkelheit. Vom ersten Moment an wusste Marcian, dass er träumte. Die Welt um ihn herum war ein tiefer, grauer Schleier der versuchte, die Wirklichkeit zu verbergen. Obwohl er wusste, dass er träumte und nie hätte erahnen können, wirkliche Körperlichkeit in dieser Welt zu empfinden, empfand Marcian eine Woge aus unterschiedlichen Gefühlen, Farben, Eindrücken und schleichender Intensität. Schwarze dunkle Umrisse, Schemen die ihn verspotteten, die ihn anstarrten und angrinsten. Gesichter seiner Freunde, seiner Eltern, Daemon und Mada. Flirrende Bilder die um ihn herum tanzten, so dünn in der Schwärze der Welt existierten, dass sie der verbrannten Luft über einem Feuer ähnelten. Feuer! Immer stärker wurde das Gefühl von Hitze, einem Feuer das die Welt um ihn herum umspannte. Marcian roch den unverkennbaren Gestank von verbranntem Fleisch, Schweiß benetzte seine Stirn und begann in unzähligen Rinnen seinen Körper entlang zu fließen. Das Gefühl von aufsteigender Hitze ließ seinen Körper erzittern und er spürte zugleich eine eisige Kälte die ihn durchschüttelte. Hatte er einen Fiebertraum? Versuchte das Fieber seinen Körper von innen heraus zu verbrennen, ihn zu reinigen und wieder zu erwecken? Der bleierne Schleier von tiefer Müdigkeit und Mattigkeit ließ nach nur wenigen Augenblicken schon keine zitternden Bewegungen zu. Sein eben noch zitternder und schüttelnder Leib versagte selbst diesen Grundfunktionen den Gehorsam und er lag still. War dies die ewige Verdammnis? Kein Licht und keine Geräusche, keine Bewegung und keine Eindrücke mehr? Ein Körper der gezwungen war still und reglos in einer schwarzen Welt zu liegen, ohne Umrisse und Geräusche? Allein mit sich und nichts, was ihn davon abhalten konnte, ausschließlich über sich selbst nachzudenken. Die schmerzhafte Vergangenheit wieder und wieder zu erleben, keinen Schritt mehr nach vorne tun zu können? Der ewige Stillstand seiner Selbst, gebettet in den Gedanken die sich nur nach dem „war“ und niemals wieder nach dem „ ist oder „werde“ beziehen kann?
Zeit hatte keine Bedeutung, ebenso wenig wie Raum und Materie. Marcian spürte immer noch das brennende Fieber in seinen Adern, doch der erwartete Schmerz kam nicht. Umso länger er still in der gänzlichen Schwärze dalag, umso intensiver erkannte er das Gefühl von Befreiung und Reinigung und überwand den Schmerz, der niemals einer war. Sein Körper reinigte sich und der damit verbundene Schmerz hatte keine Bedeutung mehr für ihn, nachdem er die Bedeutung dessen erkannte, was gerade mit seinem Leib geschah. Ein erdrückendes Gefühl von Hilflosigkeit legte sich um seine Gedanken und so wehrte sich Marcian nicht mehr sondern versuchte nur noch leise auf die Empfindungen seines Körpers zu reagieren und die immer wieder aufkeimende Panik niederzukämpfen, er könne für alle Ewigkeit in dieser Position, in diesem Traum gefangen sein. Marcian bot seine letzte Willenskraft auf, um auch diesen neuen Gedanken zu vertreiben. Nach einer endlosen Zeit, die Marcian unmöglich berechnen konnte, verschwand das Gefühl des inneren Feuers. Der reinigende Schmerz ließ ganz plötzlich nach und war innerhalb von Augenblicken verschwunden. Wenige Momente nachdem das Feuer verschwunden war, begann Marcians Körper wieder zu zittern. Er spürte wie alles an ihm begann zu kribbeln und eine wohltuende Wärme breitete sich von Kopf bis Fuß aus. Unendlich langsam begann sein Körper wieder seinem Geist zu gehorchen und das Gefühl von neuem Leben durchströmte seinen Leib und bestärkte seinen Verstand. Von einem auf den anderen Moment kehrten seine Sinne zurück aus der eisigen Umklammerung des Feuers und sein Verstand begann schärfer zu arbeiten, als er es jemals für möglich gehalten hätte. Er hörte ein Konglomerat verschiedener Geräusche, roch tausende verschiedene Nuancen verschiedenster Düfte und selbst sein Blick begann allmählich die allumfassende Dunkelheit zu durchbrechen. Er fühlte sich, als würde er wieder erwachen oder-, zum ersten Mal in seinem Leben wirklich die Augen zu öffnen.

Und er erwachte…
Im ersten Moment dachte er noch, er befände sich noch in der Traumwelt, denn die Konturen und Umrisse der Welt, die Schemen des Realen kamen nur langsam zurück. Marcian war noch immer im Wald, genau an der Stelle, an der er vor einer unbestimmten Zeit zusammengebrochen war und in die Traumwelt eintauchte. Es war dunkel, lediglich das bleiche Licht des Mondes fiel stufenweise in kleinen schlohweißen Strahlen zwischen den Baumwipfeln hindurch. Nachdem sein Verstand die Brücke schlug, wieder im hier und jetzt zu sein, waren seine Sinne mit intensiver Brutalität wieder da. Noch bevor er sich bewegte schloss er wieder die Augen und versuchte sich nur auf seine Sinne zu konzentrieren. Es roch nach nasse zu verflogen oder sich zu bewegen. Obwohl er noch nie in einer so angespannten Situation war, fühlte sich Marcian keinesfalls ängstlich. Nicht die geringste Furcht verfestigte sich in seinem Bewusstsein, er fühlte nichts, außer eine angenehme Spannung seines Körpers und volle Konzentration. Er brach auf einer kleinen Lichtung zusammen, wenige Schritte rechts neben ihm war eine große Eiche, die er noch in den letzten Momenten vor seiner Bewusstlosigkeit sah und ihn zutiefst verwunderte, immerhin befand er sich in einem Nadelwald. Das Laub (?) war nicht nass gewesen und der Boden war fest und so trocken als wenn es hier seit Wochen nicht geregnet hätte. Während ein Teil seiner Sinne sich ausschließlich auf die nähernde Person konzentrierten und sein Körper still dalag, versuchte ein anderer Teil seines Verstandes sich so gut wie möglich an die Umgebung zu erinnern, ohne das er die Augen öffnen musste. Langsam setzte sich das Bild der Lichtung klar vor seinem inneren Auge ab. Es muss geregnet haben während er bewusstlos war, zudem mussten mehrere Stunden vergangen sein, denn vor seinem Zusammenbruch war es taghell.
„Gorian, schau mal hier, hier liegt jemand!“, hörte Marcian eine überraschte Stimme wenige Schritte von ihm entfernt. „Ist er tot oder lebt er noch? Warte ich komm rüber.“, schrie eine weiter entfernte Stimme in der definitiv eine böse Neugier mitschwang. „Sehe ich aus wie ein Heiler? Woher soll ich das wissen, komm rüber und schau ihn dir selber an. Ich glaube aber, er hat nichts von Wert dabei.“, die Stimme war jetzt direkt über ihn. Der nasse Schweißgeruch lag wie ein Tuch in der Luft und Marcian hatte das Gefühl, die Person fast sehen zu können. Er war männlich, zwischen dreißig und vierzig Sommern alt und krank. Der Geruch den der Unbekannte verströmte war eindeutig leicht modrig, faulend. Wahrscheinlich litt er an einer Krankheit, die ihn langsam zu Tode strecken würde, dachte Marcian. Er erschrak, hatte sich aber gut genug in der Gewalt, sich nicht zu bewegen. Was dachte er da, woher wusste er das? Sein Gedanke entwickelte sich weiter und er erschrak ein zweites Mal und konnte nur noch mit Mühe ruhig liegen bleiben als sein Verstand ihm signalisierte, dass er mit dieser Einschätzung Recht hatte. Es war keine Schätzung, keine Idee, er wusste dass der Mann an einer todbringenden Krankheit litt. Der Kranke kniete sich neben ihn und begann mit rauen Bewegungen seine Taschen zu durchwühlen. Marcian hielt den Atem an. Nun hörte er auch die Schritte des Anderen sehr nahe. Sein inneres Bild begann sich in weichen Konturen zu vervollständigen. Der Kranke kniete neben ihm und durchsuchte seine Kleidung. Der Andere, der wohl Gorian gerufen wurde, näherte sich ihm von der anderen Seite und kniete sich zu seinen Füßen. Marcian spürte wie Gorian sich an seinen Schuhen zu schaffen mache. „Die Schuhe könnten wir gebrauchen. Nicht ganz meine Größe aber in Greifbach könnten wir sicherlich ein paar Heller dafür bekommen.“ „Nimm sie einfach mit, wir werden sehen, der Kerl hat nicht einmal ein paar Münzen dabei. Warum finden wir immer die Armen.“, Marcian hörte ein beleidigtes Lachen über sich. „Thore, schau doch mal nach ob er noch lebt“, Gorians Stimme klang amüsiert.
Marcian spannte sich für einen kurzen Moment und versuchte dann so ruhig wie möglich dazuliegen. Thore beugte den Kopf herunter und Marcian spürte, wie der Kranke seinen Kopf auf sein Herz legte. Der Geruch war nun so intensiv, dass Marcian wieder die klebrige Galle im Rachen schmeckte und er sich beherrschen musste nicht zu würgen. Endlose Sekunden vergingen in denen Marcian den Kopf von Thore auf seiner Brust spürte und er hätte schwören können, dass sein Herzschlag noch am anderen Ende der Welt gehört werden musste. Doch dann geschah das Wunder. Thore richtete sich wieder auf und entfernte sich einige Schritte. „Wir sollten uns nicht länger als nötig mit ihm beschäftigen, mir ist unwohl bei dem Gedanken, noch länger hier zu bleiben. Vielleicht hat ihn eine Krankheit dahingerafft und ich will mich nicht wegen ein paar Schuhen anstecken. Er ist tot, da ist kein Herzschlag mehr.“, Thore klang verändert, fast verängstigt. So sehr sich Marcian versuchte zu beherrschen, bei dem Gedanken daran , dass sein Herz stehen geblieben war und er vielleicht wirklich tot war, vielleicht in der Hölle oder einer ihn angrinsenden Vorhölle, erschrak er so heftig, dass er die Augen aufriss. Dann passierte alles auf einmal und unglaublich schnell. Marcians und Gorians Blicke trafen sich. Während Marcian noch immer unter Schock versuchte sich langsam zu erheben, brauchte Gorian nur eine Schrecksekunde, um wieder bei Sinnen zu sein und nach einem gut handlangen Dolch an seiner Seite zu greifen. Marcian registrierte erst jetzt, wo er ihn zum ersten Mal sah, wie kräftig sein Gegner war. Gorian maß an die zwei Meter und überragte ihn damit fast um Haupteslänge. Seine Kleidung bestand aus grober Wolle, schweren Stiefeln und einer schlecht geschneiderten Weste aus Leder, die mit mehreren schweren Eisennieten besetzt war. Marcian stellte entsetzt fest, das Gorian deutlich größer, ungleich kräftiger gebaut und bewaffnet war, zudem hörte er schon wieder die Schritte seines Freundes näher kommen. Marcian musste sich nicht mal konzentrieren, um den Blick in Gorians Augen zu lesen, Gorian würde ihn töten. Vielleicht nur, weil es ihm Spaß machte, vielleicht, weil er bei dem Raub erwischt worden ist, vielleicht aus Angst. Marcians Gedanken überschlugen sich. Er hatte sich noch nicht einmal ganz wieder aufgerichtet und gefror zur sprichwörtlichen Salzsäule, als Gorian mit kleinen, aber taktisch klugen Schritte und dem gezücktem Dolch näher kam. „Schau mal Thore, dein Toter lebt anscheinend noch und ich wette, er möchte seine Stiefel zurückhaben.“, der Räuber funkelte ihn böse an. Marcian wagte es nicht, sich ganz zu erheben, geschweige denn, sich umzudrehen und nach Thore Ausschau zu halten. Er wusste, dass der andere Räuber nur wenige Meter hinter ihm stehen konnte und er befürchtete, dass wenn er sich jetzt umdrehte, dass seine letzte Bewegung sein könnte. Aus den Augenwinkeln sah Marcian eine schwarze Krähe, die sich auf einem Baumwipfel rechts von ihm niederließ um allen Anschein nach, dem unfairen Schauspiel zuzusehen. Von einem auf den anderen Moment verwandelte sich die Szenerie in ein heilloses Durcheinander aus flirrenden Schatten. Marcian hielt den Atem an. Irgendetwas, was in dem bleichen Mondlicht nur als menschlicher Schatten wahrzunehmen war stürzte aus dem Dickicht und bewegte sich mit erschreckender Schnelligkeit auf Gorian zu. Marcian erkannte eine Bewegung, als wenn sich der Schatten einmal um sich selbst drehte und hörte das knackende, durch Mark und Bein gehende Geräusch eines brechenden Genicks. Gorian wurde mehrere Schritte weit nach hinten geschleudert und prallte mit dem Schädel so entsetzlich hart gegen eine alte Tanne, dass selbst dieser Aufprall ihn töten musste, wäre er nicht schon im Flug tot gewesen. Einen Atemzug lang starrte Marcian den sonderbar verdrehten Körper von Gorian an und ließ den Schatten aus seinem Blickfeld verschwinden. Ein Luftzug dicht neben ihm ließ das Blut in seinen Adern gefrieren und er spürte fast die körperliche Berührung des Wesens, das an ihm vorbei stürmte. Instinktiv griff Marcian zu. Eigentlich wollte er das vorbeihuschende Wesen wegstoßen, aber aus einem unbekannten Grund griff er zu und erwischte tatsächlich etwas. Noch bevor er sich darüber klar werden konnte, was er in der Hand hielt tönte ein Schreckensschrei des anderen Räubers hinter ihm durch die Nacht. Marcian fand nun endgültig die Kraft, sich herumzudrehen und aufzustehen. Eine ungewohnte Kälte, gleich einer eisigen Faust die sein Herz umklammerte, durchzog seinen Leib und verlieh im die Entschlossenheit, die flirrenden Bilder um ihn herum zu einer realen Szenerie werden zu lassen. Der zweite Rüber lag sonderbar gestreckt und mit schreckensverzerrten Blick am Boden. Aber er lebte. Marcian überwand auch noch seine letzte Furcht und beugte sich über ihn. Auf Thore s Lippen hatte sich ein dicker Fluss von Blut gebildet der in kleinen Schüben aus seinem Mund hervorquoll. Seinen Augen waren geweitet blickten Marcian direkt an. Wenn die Augen der Spiegel der Seele sein sollten, so hatte seine Seele etwas gesehen, was sie niemals hätte sehen sollen. Die Furcht die aus Thores Augen wie gleißende Blitze Marcian trafen, war jenseits dieser Dimension. Thore musste etwas gesehen haben, was nicht für menschliche Augen bestimmt war. Sein Blick verharrte noch für einen Augenblick auf Marcian, dann verschwand alles Leben daraus und ein grau melierter Schleier schien sich über seine Pupillen zu legen. Er war tot und dieses etwas hatte ihn lange genug leben lassen, um noch einmal die Furcht und die bittere Erkenntnis in seinen Verstand zu prügeln. Das war keine Tötung, sondern eine genau berechnete Form der Folter mit tödlichem Abschluss, dachte Marcian. Erschrocken drehte er sich um und bewegte sich ganz langsam um seine eigene Achse, aber der Schatten war verschwunden. Er wusste später nicht mehr, wie lange er so dagestanden hatte und sich immer wieder in alle Richtungen umblickte und versuchte damit seine Angst niederzukämpfen. Seinen Sinnen zu vertrauen die ihm eindeutig zeigten, dass es verschwunden war. Dennoch brauchte er eine Ewigkeit, bis die Furcht vollständig erlosch und vielleicht wäre er noch einige Stunden oder Tage so stehen geblieben, hätte ihn nicht das Krächzen der Krähe aus seiner Konzentration gerissen. Wieder schienen Stunden zu vergehen, in denen er die Krähe einfach nur ansah. Irgendwann erhob sie sich und flog in nordwestlicher Richtung los, allerdings setzte sie sich alle paar Meter auf eine Baumkrone oder einen höher hängenden Ast und blickte ihn mit funkelnden Augen an. Eine tiefe Stimme seines Geistes riet ihm, der Krähe zu folgen, immerhin hatte er sich, spätestens nach seiner Ohnmacht, gehörig verlaufen.
Am Abend des nächsten Tages konnte er die Ausläufer von Greifbach erkennen.

Daemon war außer Atem, sein Herz hämmerte und sein Kopf schmerzte. Ihm fehlten einige seiner schwarzen Haare.
Vorgestern

4

Wenn der Henker kommt, dann rollen sie


Auch wenn der Abend gerade erst anbrach, so kam die Dunkelheit doch weitaus schneller als Marcian vermutete. Es war fast unheimlich Mitahnzusehen wie schnell die Sonne hinter einigen Sommerwolken verschwand und einer so perfekten Dunkelheit innerhalb weniger Minuten Platz machte, das es beklemmend wirkte. Wenn der Gedanke nicht zu surreal gewesen wäre, dachte Marcian, dann könnte man fast das Gefühl haben, dass die Sonne sich von Greifbach abwenden wollte. Er schüttelte den Gedanken ab und rief sich selbst zur Ordnung. Natürlich hatte er in den letzten Tagen mehr Dinge erlebt, die nicht nur verstörend und zutiefst verändert für ihn sein würden, als alle Menschen die er bisher kennen gelernt hatte, aber die Sonne würde nicht vor einer Stadt innehalten. Die Sonne wurde der Gottheit Apollo zugeordnet, zu mindestens in diesem Teil des Landes und eine Gottheit, würde nicht vor einer Stadt zurückschrecken. Genauso wenig wie einen bösen Dämon zu schicken, der ihn seiner Liebe beraubt und ihn zum Mörder macht? , flüsterte eine Stimme in seinem Kopf. Marcian ertappte sich selbst dabei, seinen Gedanken wieder den Ausbruch aus ihren inneren Gefängnis zu erlauben, die er doch so gut und mit mehreren schweren Riegeln verschlossen hatte, wie er dachte. Schwere Eisenschlösser die aus nichts Anderem, als einer Schutzreaktion seines Verstandes geschaffen worden waren, damit er nicht endgültig aufgeben würde, zu atmen. Er wusste, das wenn er seinen Gedanken erlauben würde, aus ihrem Gefängnis an die Oberfläche zu kommen, dass er wahnsinnig werden würde. Sich wieder ganz dem hier und jetzt zuwendend blickte Marcian angestrengt durch den dämmernden Nebel aus Dunkelheit, der sich wie ein Teppich über der Land ausbreitete. Greifbach, war deutlich größer, als er es sich jemals vorgestellt hatte. So ungefähr, stellte er sich das sagenhafte Rom vor, dessen Geschichten sich überall erzählt wurden. Eine Metropole der Menschheit, wie es die fahrenden Händler nannten. Beim Anblick von Greifbach, drängte sich der Vergleich einfach auf. Nicht das es annähernd so groß war, dass wusste Marcian auch, ohne Rom jemals gesehen zu haben, aber es schien schon aus mehreren hundert Metern Entfernung, wie der Quell allen Lebens. Ein Quell des Lebens der täglich Anstieg und abebbte, ebenso wie es an jedem Punkt war, wo Menschen zusammentrafen. Tod und Leben, zusammengeworfen in eine Schale des Schicksals, die Menschen nur aufgrund ihrer nicht zu ertragenden Einsamkeit zusammenschloss, dachte er verächtlich. Vielleicht waren Gemeinschaften immer nur so lange nützlich für Jeden, so lange die Gemeinschaft noch überschaubar war. Er streife auch diesen Gedanken von sich und beschleunigte seine Schritte um vor der beinahe schon perfekten Nacht die Stadt zu erreichen. Marcian hatte damals von seinem Vater gehört, dass es deutlich schwieriger sein würde in eine Stadt zu kommen, wenn es dunkel war. Anscheinend waren Menschen des Nachts immer eine Spur vorsichtiger als am Tag. Greifbach türmte sich wie ein riesiges, von etlichen Nischen und Kanten überschattetes Wesen vor ihm auf, dass in bleichem Licht des nun klar erkennbaren Mondes ein bizarres Lichtspiel aus Bewunderung und schleichender Angst in ihm auslöste. Was wäre, wenn sich die Geschichte des entflohenen Mörders schon bis hier hin zugetragen hatte? Dann wären es seine letzten Schritte in diesem gepeinigten Leben gewesen, die Marcian gerade auf das doppelflügige aus festem Eichenholz gehauene Stadttor beschritt. Der einzige wunde Punkt dieser Stadt, dass schwere Eichentor wurde von gleich zwei Männern in dunkler Kleidung zu seinen Seiten flankiert. Eine mindestens doppelt Mannshohe Barriere aus leicht zugespitzten Baumstämmen umschloss die Stadt, die es jedem Angreifer schwer machen würde, sie ungewollt zu betreten. Oder zu verlassen flüsterte eine dunkle Stimme seines Bewusstseins. Das Eichentor stand nur leicht offen, gerade so, dass es mit einer schnellen Handbewegung oder einem kurzen Ausruf der Wachen innerhalb von nur wenigen Augenblicken geschlossen werden könnte. Hinter der Pallisade aus Baumstämmen musste sich ein provisorischer Wehrgang befinden, denn in kurzen Abständen erkannte er noch weitere Gardisten, die ihn aus einiger Entferung von oben herab beobachteten. Mindestens ein Dutzend Wachen musste zu jeder Zeit das Stadttor und jeden Besucher beobachten und analysieren können, dachte er schauderhaft. Der einzige Unterschied zwischen den Männern auf dem Wehrgang und den beiden Männern am Tor bestand in der Art der Kleidung und Ausrüstung. Während die beiden Männer am Tor in dunkle Lederrüstungen gekleidet waren und eine Lederhaube auf dem Kopf trugen, wirkten die Männer auf dem Wehrgang eher schutzlos, lediglich in dunkle Leinenkleidung gehüllt. Doch jeder, der dies für eine fahrlässige Unachtsamkeit des Hauptmanns dieser Garde hielt, sollte wohl eine böse Überraschung erleben. Die Männer vor dem Tor trugen an ihrer linken Seite einen Gladius, eines dieser typischen römischen Kurzschwerter die Marcian auch schon von den jährlichen Besuchen des Steuereintreibers in seinem Heimatdorf kannte. Die Wachen auf der Pallisade trugen hingegen eine äußerst schwer wirkende Armbrust über ihrer Schulter und einen Bolzenköcher an der Hüfte. Sie würden sich niemals aktiv in einen Kampf einmischen, sie waren zur Jagd da, zur Menschenjagd. Wen die beiden Männer vor dem Tor nicht erledigten, den würden sie einfach aus der sicheren Entfernung niederstrecken. Einen kleine Bewegung mit dem Zeigefinger und ein Menschenleben würde ausgelöscht werden, was für einen perversen Erfindungsreichtum Menschen an den Tag legten, wenn es ums Töten ging, ließ ihn hörbar die Luft einziehen. All diese Gedanken schienen in einem kurzen Moment in ihm aufzuflackern und fast sofort wieder zu verschwinden. Lediglich einen Wimpernschlag lang analysierte Marcian seine Umgebung und seine potenziellen Gegner und gerade in dem Moment, als seine Gedanken wieder in die Realität zurückfanden, legte sich ein beruhigendes Band tiefen Wissen um seine Chancen in einem möglichen Kampf um seinen Geist, dass seine Furcht verfolg. Selbst wenn er darüber nachdenken wollte, weshalb er die Situation so genau analysierte, konnte er es nicht. Es war fast so, als wenn ein Teil seines Bewusstseins immer wieder sein Denken übernahm und seine Chancen abschätzten und er nichts dagegen tun konnte. Ein Umstand, der ihm eigentlich Angst machen sollte, momentan ihn aber mehr beruhigte, als verwirrte. „Halt“, begehrte die Stimme einer der Wachen vor ihm auf. Marcian hatte nicht einmal bemerkt, dass er nur noch gut zwei Schritte von dem Tor und dessen Bewacher entfernt stand. Für die Gardisten hätte es so aussehen müssen, als wollte er grußlos und komplett desinteressiert einfach an ihnen vorbeispazieren. Marcian blickte zu seinem gegenüber hoch und der Blick in dessen Augen verriet, dass Marcian mit seiner Einschätzung durchaus Recht hatte, Misstrauen troff ihm schon beinahe entgegen. Er rief sich selbst in Gedanken zur Ordnung, wenn er sterben wollte, dann war er im Moment geradezu perfekt darin, diesen Umstand durch sein dummes Handelns auszulösen.
Erst jetzt kam Marcian vollständig zum Stehen, was deutlich noch mehr Unmut und Misstrauen in den Blick seines Gegenübers zauberte. Instinktiv blieb Marcians Blick an dem Gladius hängen, dass sich leise scheppernd an der groben Lederrüstung auf und ab bewegte, als der Gardist noch einen Schritt näher trat. „Bewunderst du mein Schwert Junge oder gewährst du Einlass zur Stadt“, raunte der Gardist in einem Dialekt, den Marcian nur mit Mühe verstand. Ein breites, aber dennoch irgendwie lauerndes Grinsen umspielte sein grobschlächtiges, von einem gepflegten Vollbart umspieltes Gesicht. Die andere Wache blieb noch einen Schritt zurück und beobachtete ihn ganz offen, maß ihn fast schon mit abschätzenden Blicken. Erst jetzt, dafür aber mit umso größerer Intensität erinnerte er sich daran, was er für ein Bild abgeben musste. Abgesehen von der eh schon spärlichen Bekleidung, die ihm noch bei seiner Flucht aus seinem Heimatdorf anhaftete, musste er sich in den letzten Tagen noch von seinen Stiefeln verabschieden und sein zerschlissener Lendenschurz offenbarte mehr, als es noch verhüllte. Zudem hatte er sicherlich mehr als nur ein paar Pfund in den letzten Tagen abgenommen, dazu seine Verwundungen am ganzen Körper und das ausgehöhlte Gesicht. Er konnte froh sein, dass sie noch mit ihm sprachen und nicht dachten, einen leibhaftigen Toten vor sich zu haben. Vielleicht hatten sie das ja auch?
Marcian unterdrückte schon fast panisch dem Reflex, seiner inneren Stimme noch einmal zu zuhören. Hastig senkte er den Blick zu Boden. „ Entschuldigt mein Benehmen, ich wollte nur in die Stadt, Herr“, er versuchte seine Stimme so brühig und ängstlich klingen zu lassen, wie es eben nur ging. Sonderbarerweise verspürte Marcian selbst in dieser vielleicht nicht akuten, aber möglicherweise schnell umschlagenden Situation, keine Angst, sondern nur ein angenehmes Kribbeln in seinen Handflächen und eine beruhigende Wärme in seinem Körper. „ Soso, du möchtest als nach Greifbach, hm, ja vielleicht werde ich dich auch reinlassen, wenn du mir einen guten Grund nennst“, Marcian wusste, dass die Wache vor ihm wieder in ein hämisches Grinsen verfallen war, ohne ihn anzusehen. Was sollte er antworten? Er dachte noch einen kurzen Moment über das Bild nach, was er wohl mehr als deutlich abgeben musste und entschloss sich, den Einzigen vielleicht glaubhaften und nicht wirklich weit von der Wahrheit entfernten Grund zu nennen. „Ich komme aus einem nahen Dorf und sollte für meinen Vater einige Dinge hier kaufen, aber ich wurde auf dem Weg hierher überfallen und ausgeraubt. Den Göttern sei Dank dass ich es überhaupt bis hierhin geschafft habe“, Marcian versuchte wieder mit etwas festerer Stimme zu sprechen oder seine Worte wenigstens etwas glaubwürdig klingen zu lassen. „Aha“, raunte der Wachposten ihm entgegen, machte aber keine Anstalten, sich auch nur einen Schritt zu rühren und den Weg freizugeben. Das Gefühl innerer Beruhigung nahm noch ein ganzes Stück zu und Marcians Handflächen begannen immer deutlicher und auf eine fast unangenehme Art zu kribbeln. Er spürte deutlich, wie der Gardist ihn jetzt genauestens musterte und sich die Wunden und den ausgemergelten Körper ansah. Marcian hielt den Kopf immer noch gesenkt und die kommende Panik, das Unwissen wie er antworten sollte, kam nicht.
Sollte die Wache zu seinem Schwert greifen, werde ich ihn töten! Marcian fuhr merklich zusammen und versuchte seine innere Stimme, das dunkle Flüstern irgendwie zu ignorieren. Anscheinend war seine Reaktion nicht ganz unauffällig geblieben. „Lass den Jungen doch durch, wenn er uns hier zusammenfällt und stirbt, müssen wir dem Grafen alles erklären“, mischte sich die zweite Wache ein. Marcian konnte regelrecht spüren, wie der Gardist vor ihm herumfuhr und seinen Kumpan mit Blicken förmlich aufspießte. Irgendwo über ihm krächzte es kurz und durchdringend, aber er musste nicht einmal den Kopf heben um zu wissen, dass die Krähe ganz in der Nähe war und ihn wieder einmal beobachtete und sich wahrscheinlich köstlich amüsierte. Dennoch und wenn auch nur für einen winzigen Augenblick, so beruhigte ihn doch die Anwesenheit der Krähe und er blickte dem Gardisten direkt in die Augen. „Ja?“, der Gardist war kurz davor, vollkommen die Fassung zu verlieren und auf ihn loszugehen. „Ich habe dich gefragt, aus welchem Grund du Einlass gewährst und ehrlich gesagt, glaube ich dir nicht Jungchen!“, noch während der Gardist die Worte sprach, machte er einen einzigen Schritt auf Marcian zu und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht. Marcians Kopf flog nach rechts und eine Welle von heißem Schmerz durchzog seine Wange und ließ ihn schwindelig werden. Er drehte seinen Kopf wieder zu dem Gardisten und blickte ihn wieder auffordernd ins Gesicht.
Es begann zu regnen.
Die Wärme in seinem Körper wurde übermächtig und trotz des Regens, der deutlich gesunkenen Temperatur und der spärlichen Kleidung, die er trug, fror er nicht, ihm war beinnahe zu heiß. Seine Handflächen fühlten sich an, als würde er sie über ein Feuer halten, Anfangs noch aus sicherer Entfernung, doch nun immer deutlicher der extremen Hitze näher kommend. Ohne sein Zutun oder auch nur die bewusste Reaktion spannten sich seine Nackenmuskeln und Marcian beugte sich ganz leicht ein kleines Stück nach vorn. Sein Gegenüber war nur noch Zentimeter von ihm entfernt und er konnte seine Anwesenheit deutlich fühlen, selbst wenn er mit geschlossenen Augen dagestanden hätte. Aber das tat er nicht, seine Augen waren weit offen und ihre Blicke begegneten sich für einige endlose Sekunden. Das animalisch aggressive in dem Mann begehrte auf und wollte Marcian angreifen, vielleicht sogar totschlagen, aber der intelligente, steuernde Teil seines Bewusstseins zögerte. Marcian konnte sehen, wie es hinter seiner Stirn arbeitete. Verstand gegen Trieb, Leben gegen Tod. „Jetzt lass den Jungen durch, wir müssen hier noch die ganze Nacht stehen und ich bin schon nasser, als ein Fisch“, gab der zweite Wachposten zu bedenken. Dann änderte sich schlagartig etwas im Gesicht des Gardisten und er trat einen Schritt zurück. Marcian war schlau genug, sich nicht dafür zu bedanken, was sicherlich nicht anders als einer Beleidigung, fast einer Höhnung gleichgekommen wäre. Er trat mit deutlichem Abstand an den beiden Wachen vorbei und passierte das Stadttor ohne sich noch einmal umzudrehen, allerdings spürte er, dass er sich einen Feind in der Stadt gemacht hatte und er wusste nicht einmal warum. Zügig schritt er die vom Tor beginnende Hauptstraße ein paar Meter entlang und bog dann fast panisch in eine Seitengasse ab, wohl wissend, sein Glück für den heutigen Tag ausreichend strapaziert zu haben. Erst jetzt fiel ihm auf, dass der Regen bereits nachgelassen hatte und es sich nur noch um Sekunden handeln könne, bis der Blick auf die Sterne wieder vollkommen frei liegen würde. Als Nächstes fiel ihm auf, dass er seine Schätzung über Greifbach noch einmal deutlich korrigieren musste. Sie war nicht riesengroß, sie war einfach überwältigend. Von der Hauptstrasse aus konnte er nicht einmal das andere Ende der Stadt, geschweige denn die Palisade sehen, die sich wie ein Ring um die gesamte Stadt geschlossen hatte. Er befürchtete schon beinahe, sich in dem Gestrüpp aus unüberblickbaren Seitengassen komplett zu verlieren, er würde die Hauptstrasse zur Orientierung nutzen und versuchen, sie nie aus den Augen zu verlieren. Die letzte Erkenntnis des heutigen Tages war es zu spüren, wie bleiern seine Knochen waren und wie unglaublich müde sein Körper Tribut verlangte. Ohne sich noch weitere Gedanken über seine Situation zu machen, legte er sich unter ein überhängendes Dach eines der Fachwerkhäuser und schlief augenblicklich ein, jedoch nicht ohne sich noch einmal in Gedanken zu rufen, dass er noch nie Fachwerkhäuser gesehen hatte. Aber ein interessierter Blick, das Gefühl der Überwältigung und das bloße Staunen über die Architektur dieser Stadt (sie bestand nicht aus Holz- und Strohhütten!) würde er sicherlich noch am nächsten morgen haben, heute fehlte ihm einfach die Kraft dafür.
Er schlief nicht alleine, sein geflügelter Begleiter beschloss mit einem letzten Krächzen (oder Gähnen) sich ebenfalls zur Ruhe zu legen.

Als er erwachte, tobte das pure Leben um ihn herum.
Krampfhaft versuchte er die Sonne und deren gleißende Strahlen wegzublinzeln um überhaupt sehen zu können. In den ersten Momenten, tränten seine Augen sogar und er versuchte sich zuerst vergeblich die Tränen aus den Augen zu wischen und den sprichwörtlichen Schlaf. Es dauerte deutlich länger als er es gewohnt war, bis sich seine Sehkraft auch nur einigermaßen auf das helle Tageslicht einstellte. Erst jetzt registrierte er, dass es nicht das helle Licht war, das ihn geweckt hatte, sondern die Kulisse aus hunderten verschiedenen Stimmen, Bewegungen und Gerüchen die die Luft geradezu verpesteten. Wie konnte ein klarer Mensch bei diesem Wirrwarr aus Eindrücken überhaupt atmen. Zu dem sonderbaren Gefühl von letzter Nacht, dass die schiere Größe dieser Stadt ihn erschlagen würde, mischte sich jetzt das ganz und gar unlogische Gefühl, dass sie aus allen Nähten platzte. Obwohl es mehr als nahe liegend war, hatte Marcian gestern Abend nur die pure architektonische Größe von Greifbach bewundert, sich aber nicht einmal vorgestellt, wie viele Menschen es beherbergen musste. Definitiv zu viele Menschen, wie es ihm schlagartig bewusst wurde.
Schafe, alles Schafe auf einer eingekreisten Wiese von der sie nicht mehr entkommen würden. Welch ein glücklicher Zufall, dass Schafe sich selbst einsperrten und die Wölfe hineinließen. Ein kleiner Teil seines Verstandes lachte innerlich auf, doch der weitaus größere Teil war über seinen kleinen Zwillingsbruder und dessen Gedankengänge einfach nur erschreckt. Marcian hatte schon einmal gehört, dass Menschen anfingen Stimmen zu hören oder mit sich selbst zu reden, wenn sie körperlich vor dem Zusammenbruch standen. Sonderbarerweise hatte er keinen Durst und keinen Hunger, dabei konnte er sich nicht mehr Recht daran erinnern, wann der das letzte Mal etwas gegessen hatte. Rein aus dem Impuls heraus, mit einer Mahlzeit die innere Stimme bekämpfen zu können und nicht aus einem Hungergefühl stand er auf und wandte sich der Hauptstrasse zu. Er musste sich mehr als einmal geschickt in die verschiedenen Nischen der Häuserecken zwängen und das eine oder andere Mal hastig beiseite treten, um nicht von der Menschenflut einfach umgerempelt zu werden. Es dauerte einige Momente und kostete ihn mehrere neue schmerzhafte Prellungen an der Schulter, bis er begriff, dass selbst dieses heillose Chaos einem gewissen Prinzip folgte. So versuchte er mit dem Menschenstrom in Richtung Zentrum von Greifbach vorzudringen, als weiterhin mehr schlecht als recht in den Gegenstrom zu geraten. Im Zentrum einer Stadt befand sich immer der Markt, soviel wusste er und wo der Markt war, da war zwangsläufig auch eine Mahlzeit her zu bekommen. Die Ausläufer des Zentrums, auf dessen Hauptarm er sich näherte schien schon zu platzen, bis er den eigentlichen Markt erkannte. Eine wahre Flut von bunten Farben, anpreisenden verzehrten Rufen, Gesprächen und Waren stürmten auf seine Sinne ein. Das Zentrum beschrieb einen Dreiviertelkreis aus dessen verblieben Viertel er sich näherte. Die Hauptstrasse führte zwar zum Zentrum und damit in ein unüberblickbares Gewirr aus Ständen und Menschentrauben, aber nicht wieder hinaus. Wer immer den Markt besuchte musste auf den gleichen Weg wieder hinaus, wie er hereingekommen war. Entweder hatten die Erbauer von Greifbach bei ihrer Planung deutlich zuviel Met getrunken oder wirklich einen Sinn darin gesehen, die Hauptstrasse wissentlich zu verstopfen. Den Sinn dieser Planung erkannte Marcian schon wenige Schritte weiter. Am Ende der Hauptstrasse, die sich dann endgültig im Dreiviertelkreis verlor waren zu beiden Seiten zwei schlecht zusammengezimmerte Holzverschläge zu erkennen unter denen jeweils vier Gardisten standen, die jeden Marktbesucher argwöhnisch beobachteten und den Einen oder Anderen aufhielten und ausfragten. Der Graf der Stadt, schien sehr viel Wert auf Sicherheit zu legen oder hatte vor irgendetwas Angst, dass konnte man deutlich an den Zeichen erkennen. Wie durch ein Wunder wurde er nicht kontrolliert, geschweige denn auch nur zur Kenntnis genommen, als er die improvisierte Gardistenbarrikade durchschritt und den Markt und damit die näher kommende Mahlzeit erreichte. Es duftete köstlich nach verschiedenen Suppen und Eintöpfen, die gleich einer Armee in endlosen Kupferkesseln an den verschiedenen Ständen in Reih und Glied standen und zum Angriff auf seinen Magen bliesen. Nachdem sich der erste verführerische Duft von gebratenem Fleisch in seine Nase gekrochen hatte, explodierte sein Magen vor Hunger. Doch anstatt dieses Gefühl als schmerzlich zu empfinden, genoss er es, wenn er Hunger hatte, dann konnte er nicht komplett unnormal sein, so wie sein Verstand versucht hatte, es ihn in den letzten Tagen immer wieder einzureden. Schmerzlich war lediglich die Erkenntnis, dass er keine einzigen Heller dabei hatte, um sich auch nur ein Salatblatt zu kaufen. Immer drängender rebellierte sein Magen und verlangte nach einem kleinen Bissen, vielleicht um selbst zu überprüfen, ob es noch funktionierte. Sein Heißhunger wuchs immer schneller zu einem schmerzhaften Gefühl an, so dass es ihn an einen Krampf erinnerte, wie er ihn ab und an auf den Feldern bei der Arbeit hatte. Würde er den Leckereien nicht bald eine heftige Verteidigung oder zu mindestens einen zaghaften Angriff entgegen werfen, würden sie ihn einfach überrennen. Die Chancen, auf diesem überfüllten Platz unbemerkt ein Stück Fleisch zu klauen oder eine Schale Suppe, stand gar nicht einmal so schlecht. Dennoch würde er die Suppe spätestens bei der Flucht verkippen und das Fleisch hing immer noch an den jeweiligen tierischen Besitzern. Marcian verwarf mit großem Unmut die Aussicht auf ein Stück Fleisch oder eine warme Suppe, seine Chancen standen einfach zu schlecht. Er musste etwas Kleineres finden, was sich schnell hinter den Rücken verbergen ließ und was gänzlich unauffällig wäre, wenn er sich von dem Stand entfernt. Nach einigen abschätzenden Blicken über die verschiedensten angepriesen Waren entschied er sich für zwei köstlich aussehende Äpfel.
Wo war sein geflügelter Begleiter hin? Hätte diese verdammte Krähe nicht einmal nützlich sein können und ihm einfach einen Apfel bringen können?
Marcian war überzeugt, sich den richtigen Stand ausgesucht zu haben, der Marktschreier sah nicht mal in seine Richtung, als Marcian zugriff, sein Fluchtplan war perfekt und er hatte sich schon eine Seitengasse für die unglaublich köstliche Mahlzeit ausgesucht, bis schlussendlich Theorie und Praxis zusammentrafen. Es konnte nichts schief gehen, wäre er nicht die ganze Zeit, seitdem er auf den Marktplatz getreten war, von dem Gardisten beobachtet worden, der ihm am Abend zuvor schon sein deutliches Misstrauen in Form von stechenden Blicken erkenntlich machte. Den Schlag in seinen Nacken bemerkte er nicht einmal, als er mit zwei Äpfeln sich schon der ersehnten Seitengasse näherte. Das Letzte was sein Verstand registrierte war, dass er wenige Meter von der Nebenstraße entfernt plötzlich taumelte, sein linkes Knie unter einem enormen Gewicht nachgab und er seitlich gegen ein Holzgestell stürzte. Dann empfing ihn warme Dunkelheit.
Es war die sonderbarste Dunkelheit, die Daemon jemals gesehen hatte. Es wirkte so, als wenn Greifbach einen überdimensionalen Schatten über das Land legte und mit seiner schieren Größe die letzten Sonnenstrahlen vertrieb. Er konnte Marcian deutlich erkennen, er schien sich mit den beiden Wachen vor dem Tor zu unterhalten. Auch wenn er Marcian die letzten Tage seit seiner Flucht ständig heimlich beobachtet hatte und ihn versuchte so gut wie möglich unerkannt auf den Fersen zu bleiben, schockierte ihn wieder das Bild, dass Marcians ausgemergelter Körper abgab. Selbst aus den gut hundert Schritt Entfernung, in der Daemon sich hinter einer kleinen Anhöhe verbarg, war Marcian dennoch gut zu erkennen. Marcian war bereits so dürr, als hätte er seit Wochen nichts gegessen, sein gesamter Körper wirkte eingefallen, nicht mehr bemüht wirklich am Leben zu bleiben. Seine Brust war gezeichnet von etlichen Messerstichen und Schwellungen die die teilweise faustgroßen Steine die bei seiner Marterung benutzt worden waren hinterlassen hatten. Seine Haut war deutlich bleicher geworden, dass struppige und einst gelockte schwarze Haar hing wie tausende kleine Raupen bis zu seinem Nacken herunter. Hätte Daemon es nicht besser gewusst, hätten es auch Millionen kleiner Maden sein können, die sich von seiner Kopfhaut aus über den ganzen Körper ausbreiteten und ein Festmahl witterten. Ein lebender Toter auf dem Weg zu seiner letzten Ruhestätte. Daemon verscheuchte den Gedanken wie eine lästige Spinne die seinen Körper herauf kroch und konzentrierte sich wieder auf die beiden Wachen. Daemon spannte sich wie unter einem imaginären Schlag zusammen, als der Wachposten Marcian direkt ins Gesicht schlug. Ein klebriger, brennender Schmerz durchzog Daemons linke Gesichtshälfte und schwoll so schnell wieder ab, wie er entstand. Er konnte sich noch im letzten Moment zusammenreißen, um nicht erschrocken aufzuschreien. Ein Teil seines Gesichts fühlte sich taub und geschwollen an, dabei gab es keinen auch nur ansatzweise logischen Grund dafür, warum es so war. Konnte Freundschaft wirklich so weit gehen, die Schmerzen des Anderen zu fühlen?
Daemon beschloss auch diesen Gedanken nicht zu Ende zu denken, aber ihn nicht zu verwerfen, sondern ihn nur in ein kleines Fach einzuschließen, die sein Verstand bereithielt, um ihn zu einem späteren Zeitpunkt zu Ende zu führen.
Ein zartes Gefühl von Kälte streichelte seinen Körper und er konzentrierte sich wieder auf Marcian. Anscheinend hatte der kleine Moment, in dem sich Daemon auf sich selbst konzentrierte dem Schicksal vollkommen ausgereicht, es ihm nicht gerade einfacher zu machen. Marcian war verschwunden und die beiden Wachposten schienen heftig miteinander zu streiten. Verdammt. Er musste in die Stadt gegangen sein und dem sich so klar abzeichnenden Konflikt mit den Gardisten irgendwie entgangen sein. Wenn er seine Spur nicht verlieren wollte, musste er sich beeilen. In der Stimmung, in der die beiden Wachen gerade waren, war es sicherlich keine besonders gute Idee zu versuchen, ebenfalls um Einlass zu bitten. Daemon war zwar annähernd ausgewachsen und auf den ersten Blick nicht von einem Erwachsenen zu unterscheiden, aber sein Gesicht zeigte noch deutlich kindliche Züge im Gegensatz zu seinem besten Freund. Die Wachen würden ihn des Nachts niemals hereinlassen, zu mindestens aber sehr unangenehme Fragen stellen, außerdem konnte er sich eine Backpfeife wie Marcian sie erleiden musste, wirklich ersparen. Aber er musste in die Stadt und selbst wenn nur wenige Sekunden vergangen waren, wäre es jetzt schon unglaublich schwer, Marcian wieder zu finden. Ohne, dass es Daemon wirklich bewusst wurde und er die Zeit hatte darüber nachzudenken, begannen seine Beine von einer immensen Wärme durchzogen zu werden und sein Blick glitt ganz automatisch der Palisade entgegen. Das war verrückt! Die Palisade war mindestens doppelt Mannshoch und auf den Wehrgängen patrouillierten bewaffnete Wachen die zu allem Überfluss noch Fackeln trugen um unnötige tote Winkel zu vertreiben.
Es war nicht so verrückt, wie mit anderen Kindern Früchte vom Feld zu klauen und sich, wenn sie erwischt würden, eine Tracht Prügel einzuhandeln, dies hier, war eindeutig lebensmüde. Doch wenn es so gefährlich und vollkommen dumm war, warum lief er dann bereits? Alles um ihn herum verschwamm einen kurzen Augenblick zu einer undefinierbaren grauen Masse, danach stach nur noch schwarz und weiß alles vor ihm auf. Die Palisade war weiß schimmernd umrandet, genauso wie die Wachen (selbst die Wachen, die er bis dato nicht einmal gesehen hatte) auf den Wehrgängen und der Schein deren Fackeln. Alles Andere um ihn herum wurde schwarz. Er erkannte das Gras nicht mehr, keine Bäume, nicht die Verzierungen des Eichentores oder andere für den geschärften Verstand unbedeutsame Dinge. Die riesigen angespitzten Baumstämme, die Greifbach als provisorischer Schutzwall um sich gezogen hatte, kamen nun schnell näher. Einige Schritte vor der Palisade flammte kurz vor ihm eine schlohweiß schimmernde Kontur eines alten Baumstumpfes auf, die er mit einer ruckartigen Ausweichbewegung zur Seite umlief. Erst durchschnitt nur sein Gesicht die Luft, danach seine Arme, sein Torso und einen Lidschlag danach sein gesamter Körper. Ein eisiger Schauer zuckte an seinen Gliedern entlang bis er sich als kleiner böser Funke in seinem Herzen ein neues Heim suchte, als er die Palisade unter sich erblickte und ihm für einen Sekundenbruchteil klar wurde, dass er über sie sprang. Der Aufprall auf den Boden der fest gestampften Nebenstrasse hinter der Mauer, hätte ihm alle Knochen brechen müssen. Stattdessen federte Daemon mit einen instinktiven Bewegung seiner Knie den Aufprall ab und warf sich zur Seite, um Momente später wieder mit dem Rücken an einer Hauswand stehend auf die Beine zu kommen. Die Konturen verschwammen, weiß und schwarz wurden wieder zu dem nächtlichen Grau der beginnenden Nacht und sein Körper spie ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Was blieb, war der sonderbare trübrote Schein seiner Handflächen, als er sie vor die Augen hielt und betrachtete, sie schienen, von irgendetwas angestrahlt zu werden. Doch die Illusion verschwand so schnell wie sie aufgetaucht war und der rote Schimmer verschwand. Etwas in ihm weigerte sich beharrlich, sich Gedanken über das zu machen, was er gerade getan hatte und er dankte dem Etwas dafür stumm. Mit kurzen, aber raschen Schritten machte sich Daemon daran, seine Umgebung zu untersuchen und wieder auf Marcians Spur zu kommen. Doch hier, schien ihn sein bisheriges Glück endgültig zu verlassen, als er in den umliegenden Nebenstraßen und auf der Hauptstrasse keine Spur von ihm fand. Natürlich war er nicht alleine und sah etliche andere Menschen, Handwerker die nach der Arbeit in ihr Heim zurückkehrten, einige Gardisten die durch die Strassen patrouillierten und aus den Augenwinkeln den Einen oder Anderen armen Kauz, der an einer Häuserecke gelehnt schlief und sich wie vor dem Wetter schützend unter den Dächern ein trockenes Plätzchen suchte, dabei hatte es nicht einmal geregnet. Aber Marcian erkannte er nicht. Nach einer guten Stunde beschloss er die Suche zu beenden, da ihm sein Körper mittlerweile deutlich signalisierte, wie überfordert er in den letzten Tagen wurde. An einer Hauswand gelehnt, unweit des Stadttores schlief Daemon ein, mit der Hoffnung, am helllichten Tage mehr Glück bei seiner Suche zu haben.
Am nächsten Tag fiel es Daemon schwer, sich überhaupt aufzuraffen und sein ungemütliches, steinhartes Humusbett zu verlassen. Ohne Überraschung stellte er fest, dass es bereits fast Mittag sein musste. Ihm war schon am letzten Abend klar, dass sein Körper mehr als nur wenige Stunden Schlaf benötigte und dass er erst spät erwachen würde. Vielleicht war es auch nur der sonderbare Traum, der ihn erst so spät wieder in die Wirklichkeit entlassen hatte. Daemon hatte von einer Lichtung und von Plünderern geträumt, von entstellten Toten und gellenden Schreien. Vom Tod, der in seinem Traum nur so um sich schlug und brutal, aber sehr präzise vorging. Er klammerte sich an den Gedanken, dass er nie lange seine Träume im Gedächtnis behielt und er ihn sicherlich bald wieder vergessen würde, ein Umstand, der ihn beruhigte. Er beschloss, sich nun die Stadt etwas genauer anzusehen und nach Anhaltspunkten zu suchen, wo sich Marcian aufhalten könnte. Der Beste Weg dazu, war erst einmal die großen Plätze aufzusuchen um sich eine Vorstellung von der Größe der Stadt zu machen. Als er den Markt erreichte, versuchte er sich alle Tavernen und Gasthäuser zu merken, die auf dem Weg bis dorthin gelegen hatten. Zu mindestens in seinem Dorf war es so, dass dort wo es etwas zu Essen und Trinken gab, das Leben am meisten pulsierte und vielleicht auch eine vom Met gelockerte Zunge ihm weiterhelfen konnte. Überraschend stellte er fest, dass ihm die ganzen Menschen, Käufer und Verkäufer um ihn herum, überhaupt nicht störten. Ganz im Gegenteil war es, dass er sich deutlich wohler innerhalb vieler Menschen fühlte, als wenn er alleine war. Die Menge gab ihm ein Gefühl von Sicherheit, Unauffälligkeit und vielleicht auch ein Stückweit Zugehörigkeit. Ihm fiel sofort auf, wie viele Menschen hier lachten oder sich ausgiebig unterhielten, tratschten und kokettierten. Aus seinem alten Leben erinnerte er sich nur an die grimmigen Gesichter und die allzeit belastende Stimmung, in die sein Dorf sich gefügt hatte. Wahrscheinlich war dies nicht einmal ein sonderbarer Zustand, vielleicht ging es allen Dörfer, die oftmals nichts anderes darstellten, als die Lieferanten größerer Städte zu sein so, ausgebeutete Bauern die aus keinem anderen Grund existierten, als den reichen Stadtbewohnern, ihr Leben noch angenehmer zu machen. Der Tag war erfüllt von einer angenehmen, schwülen Hitze die anscheinend eine deutliche Auswirkung auf das Zusammensein der Stadtbewohner hatte. Vielleicht lag auch nur ein heiterer, fast feierlicher Schleier in der Luft, weil es soweit sich Daemon zurückerinnern konnte, der erste wirkliche Sommertag war. Selbst die Katzen und Hunde streunten ausgelassen auf dem Marktplatz herum und schienen regelrecht vor Energie zu sprühen, die so oft in Körpern neu entdeckt wurde, wenn einfach nur das Wetter umschlug. Selbst die diversen Händler schien es nicht zu stören, wenn ein Hund mal ein kleines Stück Fleisch oder ein halbes Brot stibitze und damit wieder in der Menge verschwand. Bei Menschen schien dies nicht so einfach zu sein. Aus den Augenwinkeln heraus erkannte Daemon eine hastige Bewegung und drehte sich interessiert um. Einige Gardisten liefen einem Heranwachsenden hinterher, der anscheinend dumm genug war, etwas zu stehlen. Daemon stand zu weit weg, um genaueres erkennen zu können, sah aber deutlich wie einer der Wachen mit der blanken Seite seines Schwertes ausholte und dem Jungen in den Nacken schlug. Der Junge torkelte noch einige Schritte weiter bis er schließlich über einen achtlos stehengelassenen Getreidesack fiel und auf den Boden klatschte. Schnell waren zwei Gardisten an dem bewusstlosen Jungen, zerrten ihn auf die Beine und schleiften seinen betäubten Körper in nördlicher Richtung davon. „Lass mich raten, jetzt wirst du es dir zweimal überlegen, ob du den gleichen Fehler begehst, wie der Junge dort hinten“, sprach ihn eine junge weibliche Stimme direkt hinter ihm an. Daemon drehte sich um und blickte in das Gesicht eines vielleicht zwölf oder dreizehn Sommer alten Mädchens. Es verschlug ihm glatt den Atem. Sie war ein wenig kleiner als er, hatten riesige fast mandelförmige Augen und ein bezauberndes Gesicht. Ihre strahlend weißen Zähne wurden von einem angedeuteten Grinsen umspielt. Sie war ein junges Mädchen, fast noch ein Kind wie er, aber dennoch waren schon weibliche Züge an ihr und vor allem, an ihrer Gestik und Mimik zu erkennen. Sie stand für einen kurzen Moment einfach nur da und lächelte ihn an, dann bewegte sie sich ein kleines Stück auf ihn zu, wobei ihr langes weintraubengrünes Seidenkleid sich in tiefe Falten legte. Das Kleid wirkte ihr auf eine sonderbare Weise zu groß, aber trotzdem zu ihr passend. Wahrscheinlich hatte sie sich ein Kleid ihrer Mutter ausgeliehen und war heimlich nach draußen geschlichen, dachte er. Sie legte ihm die Hand auf die Schulter, wobei sie sich auf die Zehenspitzen stellen musste und funkelte ihn mit einem fragenden Grinsen an. „Sprichst du unsere Sprache“, fragte sie. Daemon war zu perplex von ihrer Offenheit und vor allem dem kurzen angenehmen Schauer, der ihre Berührung ausgelöst hatte um überhaupt antworten zu können. Das Mädchen zog die Stirn in Falten und zog die Linke Augenbraue fragend hoch. In ihrem Blick konnte Daemon einen echten Ausdruck von Sorge erblicken, der ihm allerdings völlig absurd erschien. Sie deutete mit der freien Hand über seine Schulter hinweg nach Norden und schaute ihn auffordernd an. „Du haben Hunger, wollen essen?“, wobei sie Hand wieder von seiner Schulter nahm und komische Bewegungen mit der halb geöffneten Hand von ihrem Bauch zum Mund machte und ihn weiterhin fragend anschaute. „Lass den Quatsch, ich versteh dich gut. Ich war einfach nur überrascht“, seine Antwort kam schärfer, als er wollte. Sie trat einen Schritt zurück, zuckte mit ihren Schultern und griente ihn weiter an. „Oh, der Herr begibt sich von seinem Thron um mit einem einfachen Mädchen wie mir zu reden, welch eine Güte“.
„Hör auf damit, ich hab mich doch schon entschuldigt“, erst nachdem er das gesagt hatte fiel ihm auf, dass er sich gar nicht entschuldigt hatte. Unbeholfen trat er von einem Fuß auf den Anderen und blickte ihr ins Gesicht. „Du sahst aus, als wenn du kurz davor wärst, die gleiche Dummheit zu begehen, wie dein Freund da vorne, der jetzt wohl eine Hand dafür verlieren wird“.
„Der Junge da vorne ist nicht mein Freund, ich kenne den gar nicht, ich hab es nur zufällig gesehen. Und ich bin ehrlich gesagt ziemlich verwirrt, wie ihr mit euren Dieben umgeht“, er hörte auf mit seinen Füßen einen unbeholfenen Tanz aufzuführen, nachdem sie amüsiert an ihm heruntergeblickt hatte. „ Wie wir…, du kommst nicht von hier?“, das Mädchen blickte ihn fragend an. „Nein, ich komme aus einem der Nachbardörfer und bin auf der Suche nach einem Freund“, warum erzählte er ihr das alles, das wollte er doch gar nicht. Sie schaute ihn amüsiert an, so als hätte sie bemerkt, dass seine Zunge schneller war, als seine Gedanken. „Eigentlich könnte es mir ja egal sein, immerhin kenne ich dich nicht, also bilde dir nichts ein, aber vielleicht bin ich einfach nur ein guter Mensch. So wie du aussiehst, wird deine Suche nicht besonders erfolgreich sein.“
Daemon schaute sie verdutzt an. „Hast du dich mal angesehen? Wenn du nicht bald mal einen kräftigen Bissen zwischen deine Rippen bekommst, dann bist du verhungert, bevor du deinen Freund findest“, sie maß ihn mit einem tadelnden, aber äußerst besorgten Blick. „Danke dir, aber eine Mutter habe ich schon“, seine Worte taten ihm schon Leid, bevor er sie ganz ausgesprochen hatte. Sie ließ sie aber nicht davon beeindrucken oder ignorierte sie ganz einfach.
„Ist das so? Na dann scheint deine Mutter aber nicht gut genug für dich zu sorgen. Schau mir in die Augen und sag mir, dass du keinen Hunger hast.“ Daemon konnte es nicht. Nachdem sie ihn auf eine so gemeine Art und Weise wieder ans Essen erinnert hatte, spürte er den stechenden Schmerz des Hungergefühls tief in seinem Magen. Zu allem Überfluss, entschied sein Magen auch noch, dies nun öffentlich Kund zu tun und ließ ein gut hörbares Grummeln und Knurren von sich. Das Mädchen lachte siegesgewiss auf und strahlte ihn an, als wenn sie die große Schwester der Sonne gewesen wäre. Sie schob sich mit beiden Händen ihre glatten schwarzen Haare hinter die Ohren und ihr schadenfrohes Grinsen wurde noch breiter. „Dein Magen scheint beschlossen haben mir Recht zu geben.“ Daemon überkam ein unangenehmes peinliches Gefühl und er wusste, dass er wahrscheinlich krebsrot angelaufen war. „In Ordnung, ich muss es wohl zugeben, ich habe Hunger“, gestand er sich und ihr hochrot ein. „Na bitte, wusste ich es doch. Dem werde ich Abhilfe leisten können. Weißt du, mein Vater ist nämlich ein vorzüglicher Koch und wie der Zufall so will, ist gleich Mittagszeit. Komm!“, sie hatte ihre Worte nicht einmal zu Ende gesprochen da spürte er schon, wie sich ihre Hand um Seine schloss und er einfach mitgerissen wurde. Sie zog ihn einfach in südlicher Richtung mit, knickte durch ein paar Nebengassen wieder nach Osten und schien ihr Tempo noch zu steigern. Er musste aufpassen, mit ihr Schritt zu halten, nicht einmal, weil sie sich so schnell bewegte, sondern weil er permanent mitgerissen wurde und den unzähligen Stadtbewohnern ausweichen musste. Schließlich blieben sie nach einem Spießrutenlauf von etlichen Minuten vor einem großen, ganz in schwarz gehaltenen zweistöckigen Haus stehen. Das Haus, das eher einem kleinen Palast glich, wurde am Eingang von vier weißen Marmorsäulen zu beiden Seiten flankiert und auf der ebenfalls in Schwarz gehaltenen Tür, waren Verzierungen und Ornamente von Tieren zu erkennen. Eigentlich nicht von mehreren Tieren, sondern nur von einer Vielzahl schwärzer Vögel, die in schweißtreibender Arbeit eingearbeitet worden waren. Sie zeigten Raben oder Krähen, aber Daemon war sich nicht ganz sicher. Verwundert stellte er gleich zwei Dinge unumstößlich fest. Anscheinend war sie nicht das „einfache Mädchen“ als das sie sich selbst beschrieben hatte und, sie hatten auf ihrem Spießrutenlauf bis hierher niemanden angerempelt, was einem Wunder gleichkam. Wieder einmal kam er nicht dazu, diesen Gedanken zu Ende zu denken, denn die Tür vor ihm wurde von innen heraus geöffnet. Noch bevor die Gestalt im Türrahmen zu erkennen war, bewegte sich das Mädchen neben ihm nervös einen Schritt zurück. Die Gestalt die zum Vorschein kam, ließ Daemon die Kinnlade herunterklappen. Der Mann, war sicherlich schon im fortgeschrittenen Alter, vielleicht so wie sein Vater, aber von beeindruckender Statur. Er maß fast zwei Schritt und war in einer Kutte aus purer Schwärze gehüllt, die hier und da goldene Stickereien von eben jenen Vögeln aufwies, wie er sie schon auf der Tür erkannte. Es war offensichtlich, dass der Mann auch trotz seiner Kutte, die ihn fast zur Gänze verhüllte, überaus kräftig sein musste und keine Beschwerden wie einen krummen Rücken oder ein lahmes Glied aufwies, wie es in dem Alter eigentlich normal war, zu mindestens bei Menschen, die hart arbeiteten. Sein Körper stand kerzengerade und auf eine irritierende Weise gestreckt vor ihm, eine Haltung, die ziemlich anstrengend sein musste. Das Gesicht des Fremden war von Furchen und alten Narben überseht und ließ ihn damit, wenn auch nur für einen kurzen Moment älter wirken, als er wohl tatsächlich war. Die Augen des Fremden musterten ihn kühl, stechend und musternd. Daemon ertappte sich bei dem Gedanken, dass der Mann bis auf seine Seele blicken könnte. Die hoch aufgerichtete Gestalt vor ihm, war niemand den man einfach so anlügen könnte, dessen war sich Daemon schlagartig bewusst. „Du hast jemanden zum Essen mitgebracht?“, die Stimme des Mannes klang anders, als Daemon es sich vorgestellt hatte, freundlich. Das Mädchen neben ihn nickte. Das Mädchen? Bei allen Göttern, er kannte ja nicht einmal ihren Namen. „Ja Vater, ich habe ihn auf dem Markt gefunden, er sah sehr hungrig aus“, ihre Stimme klang fest und irgendwie gewohnt, eben das zu sagen. Daemon wollte gar nicht darüber nachdenken, ob sie so was öfter täte. Stumm ärgerte er sich über ihre Ausdrucksweise. Gefunden? Einen Hund findet man oder liest man auf, aber doch keinen Menschen. Resignierend dachte er daran, dass er vielleicht selber kein besseres Bild abgegeben hatte als die streunenden Hunde, die den Markt besuchten, um ein heruntergefallenes Stück Fleisch aufzulesen. Auch wenn Daemon störte, als was sie ihn vielleicht betrachten könnte, vergab er ihr innerlich nach einigen Momenten schon wieder. Der Mann beugte sich ein wenig tiefer und sah Daemon direkt in die Augen. „Hast du auch einen Namen Junge?“ „Mein Name ist Daemon“, brachte er stammelnd hervor. „Daemon also, in Ordnung. Keinen Nachnamen?“
„Nein, also, ich weiß nicht ob ich einen Nachnamen habe“, gestand Daemon ohne zu lügen. „Nun gut, das ist ja nicht schlimm. Dafür haben wir Zwei. Aber kommt doch erstmal rein, das Essen steht schon beinnahe auf dem Tisch“, der Mann holte mit einer übertrieben Geste aus und deutete zur offen stehenden Tür und drehte sich bereits um, als er stehen blieb und sich noch mal in Daemons Richtung umwandte.
„Entschuldige bitte, so unhöflich bin ich sonst nicht. Mein Name ist Armand Geddon von Bospor und das ist meine Tochter Sartessa. Du kannst mich einfach Meister Geddon nennen, aber darüber können wir uns auch drinnen unterhalten“, von Bospor drehte sich nun endgültig um und verschwand im Haus. Sartessa zupfte ihn am Ärmel und lief schnurstracks ins Haus. Daemon blieb noch einige Momente vor dem Haus stehen und hing verwirrt seinen Gedanken nach. Es war nie wichtig gewesen einen Nachnamen zu tragen, sonst hätte sein Vater ihm ja einen Nachnamen gegeben oder davon erzählt. Alle in seinem Dorf sprachen sich nur beim Vornamen an. Vielleicht gehörten Nachnamen in großen Städten einfach dazu, vielleicht um die Menschen besser zu unterscheiden. Er war nun in einer Stadt, also sollte er sich vielleicht auch einen zweiten Namen anlegen.
„Daemon…, Daemon Bospor“, murmelte er vor sich hin. Er wusste nicht wieso, aber die Idee gefiel ihm. Er eilte durch die Tür und ein köstlicher Duft erfüllte den Raum.
Es roch nach Unrat, Schweiß und Blut. Noch bevor Marcian die Augen öffnete, nahm er den stechenden Geruch von etwas durchweg Altem war. Seine Handgelenke und Fußknöchel schmerzten und waren mit eisernen Ringen an der groben Kellerwand befestigt. Sein Hals fühlte sich taub und auf eine sonderliche Weise gestreckt und zugleich gequetscht an. Als Marcian seinen Kopf bewegen wollte, spürte er wie sein Hals ebenfalls von einem eisernen Ring an die Wand gepresst wurde. Er hatte seine Augen immer noch nicht richtig geöffnet und spürte nun auch den tauben Schmerz, der sich durch seine Lieder zog und rings herum brennend abebbte. Es gelang ihm einfach nicht, die Augen zu öffnen. Die Wachen hatten es anscheinend nicht bei einem Schlag in den Nacken belassen, stellte er erschrocken, aber nicht verwundert fest. Marcian hörte, wie eine schwere Eisentür oder Gitter eine Armeslänge vor ihm aufgestoßen wurde und wie jemand, den kleinen Raum betrat, in dem er sich befinden musste. Die Person vor ihm blieb stehen und er konnte den Atem seines Gegenübers auf seinem Gesicht spüren. Es roch alt. „Ah, sehr gut. Du bist wach, das macht die ganze Sache irgendwie interessanter. Ich hasse es, wenn meine Delinquenten nicht spüren, wie gut ich zu ihnen bin.“, eine männliche Stimme sprach zu ihm, die so tief und falsch klang, als wenn Marcian etwas oder jemandem zuhörte, der schon lange hätte tot sein müssen oder niemals in diese Welt gehörte. „Wer sind Sie, was wollen sie von mir?“, brachte er stammelnd hervor und diese Worte kosteten ihn mehr Kraft, als er im Grunde genommen noch hatte. „Wie du dich vielleicht noch erinnerst, hast du gestohlen und darauf steht hier die Todesstrafe. Und um deine andere Frage zu beantworten, ich bin der Henker dieser Stadt und damit, dein Henker.“ Marcian öffnete die Augen.
Vorgestern

5

Es wird Zeit zu sterben

Er wünschte, er hätte es nicht getan. Der Mann vor ihm überragte ihn um mindestens zwei Kopflängen und war wohl die größte Person, die er je gesehen hatte. Der Henker musste fast zweieinhalb Schritt messen, was ihm ohnehin schon eine imposante Erscheinung verlieh. Das Gesicht des Mannes war aschfahl und von einer unnatürlich trockenen, fast staubigen hellen Haut überzogen. In Marcian entstand der Gedanke, dass der Mann vor ihm noch nie das Tageslicht gesehen haben musste. Seine gesamte Person wurde durch einen ledernen schwarzen Mantel verhüllt, an dessen Frontseite daumengroße helle Eisennieten ihn geschlossen hielten. Ähnlich einer Gottesanbeterin krümmte sich sein gesamter Vorderleib leicht nach vorne und taxierte Marcian. Seine Augen, waren das Schlimmste was Marcian je erblickt hatte, es waren fast kugelrunde, gänzlich schwarze Augen in denen nur an den äußersten Rändern ein weißer Schatten zu erkennen war. Sie wirkten leer, befreit von Leben und vom Menschsein. Augen, wie nur wenige große Meerestiere sie hatten, Haie. Sein Lächeln glich einer Totenmaske, zwei einzelne blutleere Striche die von irgendeinem Gott zu irgendeinem Zeitpunkt in sein Gesicht gezeichnet wurden und eine Ahnung eines Mundes darstellen sollten. Die einzelne Fackel die auf dem Gewölbegang hinter ihm brannte, tauchte seine schwarze Kleidung, die schweren Stiefel und die feinen schwarzen Handschuhe beinnahe vollkommen aus dieser Welt hinaus in eine Andere. Lediglich das marmorne helle Gesicht stach aus der tiefen Finsternis in Marcians Blickfeld. Der Henker von Greifbach sog hörbar die Luft ein, als wolle er die Angst seines Gegenübers in sich aufnehmen, sie genießen. Damit konnte Marcian ihn momentan redlich bedienen. Solange er zurückdenken konnte, hatte er niemals solche Furcht verspürt. Es war mehr als die bloße Panik vor seinem bevorstehenden Tod, mehr als das blanke Entsetzen über diese Kreatur, die sich wohl dennoch noch Mensch schimpfte, seine Furcht resultierte aus dem innersten seiner Seele, dem kleinen hellen Fünkchen, den jeder Mensch in sich einschloss. Marcian konnte nicht sagen warum, aber er wusste das dieser Mann dazu fähig war, ihm mehr als nur das Leben zu nehmen. Der Henker bewegte sich ein kleines Stück nach links und griff mit beiden Händen nach etwas. Marcian hörte das schwere Rasseln einer Eisenkette und spürte fast augenblicklich, wie sich seine Fesseln und der eiserne Ring um seinen Hals noch enger zogen. Er keuchte und konnte nur noch mit Mühe atmen, seine Augen begannen sich mit Tränen zu füllen und sein gesamter Körper bäumte sich soweit auf, wie es die eisernen Fesseln noch zuließen. „Ich hole dich ab, wenn das Urteil vollstreckt wird. Bis dahin, bitte ich dich ruhig zu bleiben. Ich schätze die Stille meiner Stätte.“ Der Henker drehte sich um und ging auf die Kerkertür zu, seine Hand umschloss immer noch die Eisenkette, mit der er die Härte der Fesselung kontrollieren konnte. Seine rechte Hand sicherte die Kette an einem massiven Gussring der an der Innenseite der Tür befestigt war. Marcian erschrak, als er erkannte dass die Tür nach außen aufging. Nachdem der Henker noch einmal prüfend an der Eisenfessel und der Türbefestigung gerüttelt hatte, drehte er sich noch einmal zu Marcian um. „Wie ich bereits sagte, genieße ich die Stille, die hier herrscht. Solltest du schreien oder wimmern oder dich ansonsten aufmerksam machen wollen, werde ich natürlich nach dir sehen, so wie es der Graf mir befohlen hat. Da du jetzt siehst, dass jedes Mal wenn du schreist und ich nach dir sehen werde, ich die Tür dazu aufmachen muss, wird dir sicherlich auch bewusst sein, wie schmerzhaft das wird. Also kann ich wohl davon ausgehen, dass jetzt Stille herrscht“, der Henker maß Marcian noch einmal mit einem langen, abschätzenden Blick. Als er die Tür aufriss um wieder auf den Gewölbegang zu treten, wurde Marcian so hart an die Kellerwand gepresst, dass er das Bewusstsein verlor. Im Stillen dankte er dem Henker dafür.

Es dauerte einen Moment, bis Daemon die gesamte Fülle aus unterschiedlichen Düften unterscheiden und einordnen konnte. Ein langer Tisch aus dunklem Holz beherrschte den Raum, in den Daemon nach einigen Sekunden des Zögerns trat. Der Tisch war nur noch in seiner Grundform zu erkennen, da die wuchtige Platte von etlichen kleinen Schalen so zugestellt war, als würde eine ganze Gesellschaft hier Speisen. Auf Anhieb sah Daemon verschiedene Suppen, Obst und Gemüse und eine sonderbare körnige Masse aus weißen nadelgroßen Stäbchen, die er noch nie zuvor gesehen hatte. Es war kein Fleisch aufgetragen worden, was Daemon verwunderte. Hohe Herren pflegten zumeist täglich Fleisch zu essen im Gegensatz zu den Bauern, die lediglich auf großen Festen mal ein Tier schlachteten. Herr von Bospor und Sartessa saßen bereits auf zwei schlanken Ebenholzstühlen an der Tafel und blickten ihn auffordernd an. Als Daemon sich setzte fielen ihn weitere Ornamente und Verzierungen auf, die hier sogar an den Innenwänden der Räume angebracht worden waren und immer wieder das Selbe Muster zeigten. Es waren ausschließlich große schwarze Vögel zu erkennen und sehr selten gebogene Stäbe, wie sie Prediger trugen. Erst jetzt fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, das Gefühl das er von Anfang an hatte, als er die Villa gesehen hatte, schien sich zu bestätigen. Die Villa glich nicht einem Haus, eher einem Tempel, wenn auch einem bewohnten Tempel. „Nimm soviel du magst, du siehst hungrig aus, wir haben genug davon.“, Sartessa blickte ihn spöttisch, aber nicht hämisch von der Seite an. Von Bospor nickte wie zur Zustimmung in seine Richtung und begann zu essen. Bevor sein Magen ihn noch mal in Verlegenheit bringen konnte, begann auch er schließlich lange und ausgiebig die verschiedenen Speisen in sich hineinzuschlingen. Niemand sprach während des Essens und Sartessa sowie von Bospor endeten mit dem Essen lange bevor Daemon es tat. Sie begnügten sich mit einem aufrichtigen Lächeln ihn dabei zuzusehen, wie er gleich einem hungrigen Wolf alles in sich hineinstopfte, was irgendwie nach etwas zu Essen aussah. Erst als Daemon die Blicke der Beiden als beschämend empfand, obwohl sie das ganz Gewiss nicht waren, senkte der das Besteck und blickte hoch. Es hätte nur noch ein Rülpser gefehlt, um das Essen komplett zu machen, dachte er sich. Als wenn Sartessa seine Gedanken gelesen hatte stieß sie leicht auf und hielt sich danach die Hand vor dem Mund. Ihr Vater blickte sie kurz streng an, lachte dann aber laut auf und Daemon konnte nicht anders, als mitzulachen. Das Lachen verscheute auch den letzten misstrauischen Gedanken und er fühlte sich, wenn es nicht in seinem Kopf so abstrakt geklungen hätte, einfach zu Hause. „Sartessa sagte mir, dass du auf der Suche nach einem Freund bist, den du hier verloren hast, ist das richtig?“, von Bospor hielt in seinem Lachen inne und blickte ihn an. Daemon stutze, er konnte sich nicht daran erinnern, dass Sartessa und ihr Vater darüber geredet hatten, aber vielleicht stand er doch länger vor der Villa, als er zuerst dachte. „Ja, ich bin auf der Suche nach einem guten Freund, sein Name ist Marcian. Er ist von zu Hause ausgerissen und wollte nach Greifbach, wenn ich ihn bald finde, wird sein Vater vielleicht nicht so sauer auf ihn sein“, Daemon hatte das Gefühl, als wenn seine Lüge ihm mitten im Gesicht stand. „Und da bist du ebenfalls ausgerissen um deinen Freund zu suchen? Ich glaube nicht dass dein Vater dich losgeschickt hat, um deinem Freund wieder zurück zu holen, oder?“, etwas änderte sich in dem Blick von Armand Geddon. „Doch, er hat mich losgeschickt um Marcian zu finden. Es ist wirklich so gewesen. Mein Vater konnte nicht selber gehen, weil die Felder bestellt werden mussten, deshalb hat er mich geschickt“, Daemon fühlte sich ertappt und ihm war klar, dass Sartessas Vater ihm kein Wort glauben würde. Sonderbarerweise ging von Bospor aber nicht weiter auf die klare Lüge ein, sondern setzte nur ein warmes Lächeln auf. „Gut, ich werde sehen was ich tun kann. Wir sind nur auf der Durchreise und ich selbst kenne mich in dieser Stadt nicht sehr gut aus, aber ich werde vielleicht die eine oder andere Frage stellen können, mit Glück kann ich dir ja etwas bei deiner Suche helfen“, damit stand von Bospor auf und ging zu einer Obstschale die auf einer Anrichte neben dem Tisch stand. Daemon reagierte schneller, als sein Verstand registrieren konnte, was geschah. Aus nichts weiterem als purem Reflex riss er eine rechte Hand hoch und fing den Apfel, der nur einen Lidschlag später sein Gesicht getroffen hätte. Von Bospor warf den Apfel so schnell, dass Daemon es nicht mal wahrgenommen hatte, obwohl er in seine Richtung blickte. Von Bospor und Sartessa nickten sich kurz und fast unmerklich zu, nachdem er den Wurf abgefangen hatte und blickten ihn an. „Entschuldige, ich wollte den Apfel nicht so hart werfen, ich dachte du hättest vielleicht Lust auf einen kleinen Nachtisch gehabt. Man sagt doch, dass jedes Essen erst mit dem Nachtisch endet“, von Bospor schaute ihn freundlich an und verschwand in einer der Nebentüren des Hauses. „Nimm es meinem Vater nicht übel, er wollte dich nicht verletzen. Er ist manchmal etwas, na ja, etwas unbeholfen in seinen Bewegungen“, Sartessa zauberte ein entschuldigendes Lächeln auf ihre Lippen. „Solange er fort ist und sich für dich umhört, könnten wir doch etwas unternehmen. Was hältst du davon, wenn wir ein Spiel spielen?“
„Ich glaube ich habe euch schon lange genug aufgehalten, vielleicht sollte ich langsam gehen“, Daemon versuchte die Frage rhetorisch klingen zu lassen, er wollte nicht gehen. „Du hältst uns nicht auf, mach dir da mal keine Gedanken. Wir haben sowieso nicht viel zu tun und reisen bald wieder ab. Du kannst auch nichts tun, wenn sich dein Freund noch hier in der Stadt aufhält, wird mein Vater ihn finden, du verläufst dich nur. Also, spielen wir ein Spiel?“
Eigentlich war Daemon nicht nach Spielen zu Mute, aber Sartessa hatte Recht, er konnte nichts tun, um Marcian zu finden So sehr ihm der Gedanke auch widerstrebte, ein Spiel zu spielen während sein bester Freund halb tot durch die Straßen laufen musste, so willigte er doch ein. „Gut, weißt du noch wo der Marktplatz ist? Ich meine, wirst du ihn von hier aus finden?“, fragte Sartessa und Daemon nickte. „Wir spielen um die Ehre, wer zuerst da ist, hat gewonnen“, während sie die Worte sprach stand sie vom Tisch auf, machte zwei behände Schritte an ihm vorbei und lief los.
Daemon fluchte innerlich, drehte sich zur Tür und konnte Sartessa schon nicht mehr erkennen. Gut, sie kannte sich in der Stadt besser aus und sie hatte einen kleinen Vorsprung, aber Daemon würde sich doch nicht von einem Mädchen besiegen lassen, Mädchen waren doch immer langsamer als die Jungs. Er lief los und die Massen wurden zu Schemen, die Stände und der Müll der Straße zu umrandeten Linien die ihn davor warnten, nicht zu stolpern und die Welt verschwamm in einer wilden Kutschfahrt, durch die er mit tränenden Augen preschte. Er würde nicht verlieren, das dufte er nicht. Wenn Daemon jemals so etwas wie einen Begriff von Ehre hatte, dann zu mindestens den, sich nicht von Mädchen besiegen zu lassen. Er dachte nicht darüber nach, einen bestimmten Weg einzuschlagen oder auf Auffälligkeiten zu achten, die er auf dem Hinweg wahrgenommen hatte, er folgte lediglich seinen Instinkt und er tat gut daran. Er konnte die Zeit unmöglich schätzen, aber es konnten nicht mehr als wenige Minuten, wenn überhaupt, vergangen sein, bis er noch einige Schritt vor sich die Hauptstasse entdeckte, die wiederum nach nur gut hundert Metern im Dreiviertelkreis endete. Der Marktplatz war zum Greifen nahe und er sah keine Spur von Sartessa. Entweder wartete sie bereits auf dem Marktplatz auf ihn und musste somit deutlich schnellere Wege durch die Seitengassen gefunden haben oder sie hing noch irgendwo hinter ihm fest. Er versuchte noch einmal sein Tempo zu erhöhen und für einen kurzen Moment gelang es ihm auch. Für die wenigen letzten Sekunden bis zum Marktplatz schien die Zeit um ihn herum langsamer zu laufen, Daemon hatte das Gefühl, alle Bewegungen um ihn herum deutlich langsamer wahrzunehmen, allerdings schien mit diesem Gefühl auch alles um ihn herum von einer sonderbaren Stille beherrscht zu werden. Umso genauer er seinen Blick auf die Menschen neben ihn richtete, umso langsamer wurden ihren gesamten Bewegungen und umso stiller wurde es. Selbst die Geräusche eines einfach gesprochenen Wortes schienen sich über Sekunden zu dehnen und bekamen einen sonderbaren, tieferen Klang. All dies, nahm er nur auf einer unterbewussten Ebene war, wie ein System was eigenständig arbeitete, seinem Verstand aber nie dem vollen Zugriff und damit das „Verstehen“ erlaubte. Dann war es plötzlich vorbei. Die Schemen wurden zu den harten Konturen der Realität, die Geräusche Entflohen der Ummantelung des Wichtigen und wurden zu einer schnöden Registrierung eines menschlichen Verstandes. Nur kam der Bruch vom Faszinierenden zum Normalen mit einem harten Ruck und nicht ebbend kontinuierlich. Sein Körper prallte von irgendetwas großen Schwarzen zurück und er landete auf dem festen Boden der Straße. Er brauchte einige Sekunden um sich bewusst zu werden, was geschehen war. Er war gegen ein übergroßes schwarzes Hindernis gelaufen und der nachfolgende harte Sturz hatte ihn zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Er presste seine Lider zusammen und versuchte die aufkeimenden Tränen zu unterdrücken, die durch den Sturz auf die Straße nun sein Körper ausschütten wollte. Daemon erkannte das dass Hindernis menschlich war. Ein gewaltiger dunkler Schatten beugte sein totenbleiches Gesicht über ihn und widerlich dünne Lippen verzogen sich zu einem aufgesetzten Lächeln. „Du solltest besser aufpassen, wenn du durch die Straßen rennst“, sagte der Mann über ihn. Daemon zog ruckartig beide Arme vor seinen Körper und spannte sich. Die Stimme des Mannes durchzog die Luft wie eine gespannte Sehne und er wusste nicht, ob er bereits einen Pfeil eingelegt hatte. Sein Verstand wollte ihm gar nicht begreiflich machen, in was für einer lächerlichen Haltung er vor einem Mann lag, den er lediglich angerempelt hatte. Er konnte nicht klar denken, er hatte einfach Angst. Etwas Bedrohliches und zutiefst Feindliches ging von dieser Person aus. Wenigstens registrierte er mit halb zusammengekniffenen Augen, dass zu mindestens ein Mensch vor ihm stand, kein alptraumhafter dunkler Schatten. Dennoch schien genau diese Erkenntnis, seine Angst noch mehr zu schüren. Eine dunkle, schattenhafte Gestalt am helllichten Tag inmitten eines Marktplatzes konnte nicht wirklich sein, ein Mensch der dieses Gefühl verbreitete schon. Ein erschrockenes Keuchen ließ Daemon aufblicken. Wenige Schritte hinter dem Mann stand Sartessa, die völlig außer Atem dastand und abwechselnd ihn und den Mann ansah. „Denkst du nicht, dass du mir eine Entschuldigung schuldest?“, fragte der menschliche Schatten. Obwohl Daemon antworten wollte, schien die Zeit stehen zu bleiben und kein Wort verließ seine Kehle. Die Blicke des Mannes wurden fordernder und Daemon hatte das Gefühl, dass seine Zeit ablief und etwas Schreckliches passieren würde, wenn er sich nicht entschuldigen würde. Er wusste das eine einfache Entschuldigung die Situation entspannen könnte und das der Mann im Grunde genommen nichts weiter forderte, es ging dem Schatten nur ums Prinzip, dennoch konnte er es nicht. Es war nicht nur der blanke Schrecken, der Daemon nicht sprechen ließ, es war ein kleiner Teil seines Verstandes, die es ihm nicht erlaubte, sich bei diesem Wesen zu entschuldigen. Er fühlte, dass dieses Ding nicht in diese Welt gehörte. Der Mann schien Sartessas Keuchen gehört zu haben und drehte sich um. Sie stand immer noch erschrocken da und fuhr merklich zusammen, als der Mann sich nun ihr zuwendete. „Ah Sartessa, was für eine freudige Überraschung. Du freust dich sicherlich auch mich zu sehen, kleine Bospor“, die Stimme des Mannes war immer noch gut zu vernehmen, obwohl die Menschenmassen um ihn herum unzählbar waren und Daemon ihn nur noch von hinten sah. Sartessa sagte immer noch nichts, sie schien sich nicht einmal zu bewegen und starrte den Mann einfach nur an. Daemon sah wie die Gestalt einen Schritt auf Sartessa zuging und die Menschenmenge hinter ihr spie mit einer ruckartigen Bewegung zwei Personen aus. Die beiden Personen waren einfach aus dem wandernden Strom der Menge hinter Sartessa aufgetaucht und flankierten sie nun zu beiden Seiten. Sie trugen lange dunkle Kutten, die mit goldbestickten Verzierungen von Krähen und Rundstäben bestickt waren. Ihre Gesichter hielten sie zu Boden gerichtet, so dass die Kapuzen ihre Gesichter vollständig verbargen und ihre Hände waren wie zum Gebet vor dem Magen gefaltet. Sie taten nichts und standen einfach nur da, wie Staturen die den Eingang eines Tempels bewachten. Die Gestalt blickte von dem Mädchen auf und starrte die beiden Kuttenträger einen Moment an. „Nun kleine Sartessa, du solltest besser Acht auf deinen jungen Freund geben, man kann sich hier schnell verlaufen und du weißt ja, was man sich hier so erzählt. Die Stadt kann mitunter sehr gefährlich für Jemanden sein, der sich hier nicht auskennt. Bestelle deinem Vater einen Gruß von mir“, sagte der Mann mit gepresster Stimme, die seinen Zorn verbarg und verschwand in dem Menschenstrom. Daemon blinzelte und fuhr sich mit dem Handrücken über seine Augen um sich davon zu überzeugen, dass er diese irreale Situation nicht träumte. Als sich sein Blick wieder festigte stand Sartessa mit der ausgestreckten Rechten über ihm und die Kuttenträger waren verschwunden. Wenn sie jemals da gewesen waren, dachte er sich. „Nun komm schon hoch oder möchtest du ein kleines Nickerchen auf der Straße halten“, lächelte Sartessa ihn an. Er stand auf, putze sich den Dreck der Straße von der Kleidung und blickte sie demonstrativ an. „Danke dir, ich bin wohl etwas zu schnell gerannt und habe diesen Mann angerempelt“, Daemon deutete mit der Hand in die Richtung, in die der Mann verschwunden war. „Das habe ich bemerkt, du solltest in Zukunft aber wirklich etwas vorsichtiger sein. Mag ja sein, dass bei dir zu Hause die Menschen auf alles freundlich reagieren, aber in größeren Städten sollte man immer vorsichtig sein, es gibt hier viel Gesindel.“
„Gesindel? Der Mann sah nicht gerade wie ein Bettler oder ein Dieb aus. Wer ist er, du scheinst ihn ja zu kennen oder er zu mindestens dich“, er drehte sich dabei um seine eigene Achse um sicher zu sein, dass der Fremde auch wirklich verschwunden war. „Du hast Recht, vielleicht passt das Wort nicht ganz zu ihm. Ich kenne ihn nicht wirklich, aber mein Vater kennt ihn sehr gut. Ehrlich gesagt, sind wir wegen ihm in der Stadt. Aber wir sollten nicht hier darüber reden. Komm mit!“ Sartessa packte seine Hand und zog ihn wieder einfach mit. Er konnte nicht anders als mit ihr Schritt zu halten und ihr ein zweites Mal ahnungslos zu folgen.
Wenige Minuten später fand er sich in einem heruntergekommen Gasthaus, zwei Bechern Milch und einem Laib Brot wieder, in das Sartessa ihn geführt hatte. Anscheinend war es nur wenigen Menschen vergönnt, zur Mittagszeit bereits eine Pause einzulegen oder sie befanden sich einfach nur in einem schlechten Wirtshaus, denn sie waren die einzigen Gäste. Nur der Wirt polierte teilnahmslos einige Becher, die selbst mit viel Optimismus wohl nie wieder glänzen würden. Sartessa blickte sich verstohlen um und taxierte den fast menschenleeren Raum so genau, als wenn eine Herde Menschen anwesend wären. Schließlich blickte sie ihn in die Augen, nippte am Becher und tippelte nervös mit ihren Fingern der freien Hand auf der Tischplatte. Daemon begann auf dem Stuhl hin und her zu rutschen. Wenn sie versuchte ihn damit nervös zu machen, so hatte sie es einwandfrei geschafft. „Also, wer ist das nun und wieso seid ihr wegen Ihm in der Stadt“, platze es aus Daemon heraus. Sartessa schien mit genau dieser Reaktion gerechnet zu haben. Sie nippte noch einmal und sehr langsam an ihrem Becher und sah in geheimnisvoll an. „Ich erzähle es dir, wenn du versprichst, es für dich zu behalten. Mein Vater wird ziemlich sauer auf mich werden, wenn ich es einfach so ausplaudere“, sagte sie und blickte ihn fragend an. Daemon nickte übertrieben in ihre Richtung und begann nun seinerseits, mit den Fingern auf der Tischplatte zu tippeln. „Gut, vergiss nicht dass du es versprochen hast. Der Mann den du vorhin angerempelt hast, ist der Henker dieser Stadt. Er richtet die Verbrecher zu jeder Mondwende auf dem Marktplatz, vor den Augen der Bürger und es sind immer sehr viele Menschen anwesend. Oftmals sind es sogar mehrere Hinrichtungen an einem Tag, es gibt hier wie gesagt sehr viel Gesindel.“ Sartessa nippte wieder an ihrem Becher mit Milch und schaute zu dem Wirten, der immer noch fleißig damit beschäftigt war, seine sinnleere Putzaufgabe zu erfüllen. „Das ist doch nichts Ungewöhnliches? Ich dachte immer dass es in jeder größeren Stadt einen Henker gibt und Verbrecher hingerichtet werden“, warf Daemon ein, nachdem Sartessa einen weiteren großen Schluck nahm und es nicht so aussah, als wenn sie von selbst weiter erzählen würde. „Ja das stimmt, aber hier ist es etwas Besonderes. Die toten Verbrecher werden nicht gottgefällig bestattet, was ebenfalls nichts Ungewöhnliches ist, da sich die Götter von ihnen abgewendet haben. Aber in den anderen Städten verschwinden die Leichen nicht einfach.“
„Was meinst du damit, die Leichen verschwinden einfach?“, Daemon hörte fast erschreckt mit dem Tippeln auf und zog seine Hand zum Körper zurück. „Normalerweise werden die Leichen der toten Verbrecher verbrannt, doch diese Stadt hatte schon seit über einem Jahr keine Totenverbrennung mehr. Alle Toten, ganz gleich ob Verbrecher oder rechtschaffene Bürger werden in eine Totenliste eingetragen und zum Ende eines jeden Jahres an den Vorsteher des nahen Tempels des Totengottes Pluto gesandt. So ist es Sitte, damit die Templer Plutos auch für die sündigen Seelen um Vergebung bitten können. Eine solche Liste wurde auch versandt, nur fehlen die Namen der gerichteten Verbrecher auf der Schrift. Wir sind jetzt seit siebzehn Tagen in der Stadt und mein Vater hat Nachforschungen angestellt. Niemand in der Stadt hat ein solches Totenfeuer innerhalb der letzten Monate gesehen. Wenn also die Namen nicht auf der Liste stehen und keine Totenfeuer gebrannt haben, wo sind die Leichen der Verbrecher und wer waren sie überhaupt?“, Sartessa hatte ihre Stimme gesenkt und deutete dem Wirten an, ihr noch einen Becher Milch zu bringen. „Ihr seid also auf der Suche nach Toten? Ist das nicht ganz gleich ob sie verbrannt wurden oder irgendwo begraben, sie sind doch tot.“ Daemon blickte sie verständnislos an. „Du scheinst das nicht ganz zu verstehen, jede Seele hat ein Anrecht darauf, dass um sie gebetet wird, ganz gleich was sie getan hat. Außerdem werden in Greifbach nicht die göttlichen Gesetze eingehalten, es ist die Pflicht eines jeden Grafen, Fürsten oder Königs, eine solche Liste anzufertigen und dem Tempel Plutos zu überbringen. Genau das geschah hier nicht.“
Der Wirt kam an ihren Tisch und brachte ihr einen neuen Becher Milch, natürlich nicht ohne einen missfälligen Blick auf Daemons Becher zu werfen, den er bisher nicht einmal angerührt hatte. „Und dein Vater untersucht diese Geschichte?“, fragte er. „Ja, mein Vater ist der Vorsteher des Pluto Tempels zu Patavium. Er ist Hochgeweihter des Pluto und ist damit beraut worden, dieser Geschichte, wie du sie nennst, nachzugehen. Nur gestaltet sich dies schwieriger, als er bisher erwartet hatte. Eigentlich wollte er direkt nach seiner Ankunft mit Graf Lecallan von Greifbach reden und die Totenliste nachfordern, allerdings ist der Graf für eine diplomatische Reise nach Rom aufgebrochen und wird erst in Monaten hier wieder erwartet. Sonderbarerweise ist er erst zwei Tage bevor wir hier ankamen, nach Rom aufgebrochen“, Sartessa nahm einen weiteren Schluck und er bemerkte, das sie es aus keinem anderen Grund Tat, als Zeit zu gewinnen oder vielleicht seine Reaktion zu beobachten. Daemon runzelte die Stirn und nahm nun auch einen Schluck von der Milch. Sie schmeckte ranzig und alt, spätestens jetzt wusste er mit Gewissheit, dass sie nicht trank, weil es ihr schmeckte. Er zog angeekelt eine Grimasse und fragte:“ Also denkt ihr, der Graf steckt da irgendwie hinter und hat deshalb seine Reise nach Rom angetreten?“
„Wir wissen es nicht, aber es ist schon komisch, vor allem weil er unterrichtet worden ist, dass mein Vater zur Untersuchung anreisen wird. Mein Vater hat schon mit dem Henker geredet, aber es kam nichts dabei raus. Der Henker hat gesagt das es ihm vom Grafen verboten worden ist, in irgendeiner Form darüber zu reden und dass der Graf persönlich dazu Stellung nehmen wird, wenn er wieder in der Stadt ist. Es ist so, dass mein Vater als Hochgeweihter zwar das Recht hat, jeden Bürger zu verhören, aber nicht gegen den Willen des Grafen. Deshalb kommen wir nicht weiter und sind nur noch in der Stadt, weil mein Vater seine Bediensteten angewiesen hat, den Henker zu beobachten. Das ist momentan unsere einzige Möglichkeit, an irgendwelche Informationen zu kommen. Wenn die Geweihten meines Vaters keine Informationen bekommen, müssen wir weiterreisen, wir können hier nicht auf den Grafen warten, wir reisen ihm dann nach“, Sartessa endete mit einem leichten Seufzen und blickte sich resignierend um. Die Nervosität war verschwunden und machte der Neugier Platz. „Und bisher haben sie nichts herausfinden können? Sagte dein Vater deshalb, dass ihr bald weiterzieht? Wieso sprichst du eigentlich mal von deinem Vater und mal von euch? Hilfst du ihm dabei?“, fragte Daemon.
„Wundert sich das? Natürlich bin ich noch jung und viele Menschen betrachten mich noch als Kind, aber da wo wir herkommen, gelte ich schon als Frau. Mein Vater betraut mich mit kleineren Aufgaben und ich helfe ihm gerne. Ich bin seine Tempelschülerin und solche Dinge gehören zu meiner Lehre. Hilfst du nicht deinem Vater bei der Feldarbeit? Ich wette du tust es, wieso sollte es bei mir also anders sein“, Sartessa sprach nun sehr gereizt. „Na Ja, der Unterschied könnte vielleicht sein, dass das was du tust gefährlich ist und meine Feldarbeit nicht“, gab er ebenso scharf zurück. „Das siehst du falsch. Für jeden der nicht mit Sichel und Sense umgehen kann, ist die Feldarbeit doch auch gefährlich oder? Nun und ich kann eben mit meinen Werkzeugen umgehen, es besteht also kein wirklicher Unterschied. Aber lass uns nicht darüber streiten“, sie sprach jetzt wieder ruhiger und hob beschwichtigend die Hände vor den Körper. „In Ordnung, tut mir leid. Aber warum wartet ihr nicht einfach die nächste Mondwende ab und seht einer Hinrichtung zu, dann könnt ihr doch die Leichen verfolgen!“
„Hatte ich das nicht erzählt? Hinrichtungen finden immer nur mit der Genehmigung des Grafen statt und wenn der Graf die Delinquenten vorher gesehen hat. An diese Regelung scheint sich Greifbach zu mindestens zu halten. Alle gefangenen Verbrecher in der Stadt werden erst gerichtet, wenn der Graf wieder da ist. Damit fällt auch diese Möglichkeit weg“, Sartessa wirkte nun eindeutig betroffen. „Das klingt doch alles so, als wenn es so eingefädelt worden ist. Euch wird ja jede Möglichkeit genommen, der Sache nachzugehen und…“, auf einmal wurde Daemon alles klar. Sartessa hatte ihn nicht zufällig auf dem Marktplatz gefunden, seine Logik begann wie wild zu arbeiten und das Puzzle setzte sich zusammen. Sartessa hatte Ausschau nach einem unbekannten Gesicht geworfen, einem Jungen der nicht aus der Stadt kam. Von Bospor hielt schon ein reichliches Festmahl bereit, das ein halb verhungerter Junge nicht abschlagen konnte. Der Apfel den ihr Vater auf ihn geworfen hatte und die ständigen Spießrutenläufe durch die Stadt, sollten ihn testen. Innerlich kochte er vor Wut auf und hielt sich auch nicht mehr zurück. „Ihr habt ein Kind gesucht, dass unauffällig ist und das niemand kennt, dass alleine sowieso nicht zurecht kommt und schnell und geschickt ist, habe ich Recht? Es war kein Zufall dass wir uns getroffen haben, nichts war Zufall. Ihr wollt mich dazu benutzen, diesen Henker zu beschatten. Nichts ist unauffälliger als ein Kind“, Daemons Stimme überschlug sich vor Erregung und er krallte sich mit beiden Händen an der Tischplatte fest. Er hatte das Gefühl, vor Zorn sprichwörtlich Rot anzulaufen. „Beruhige dich, du hast ja Recht und ich hätte dir von Anfang an dir Wahrheit sagen sollen. Aber alleine dass du unseren Plan durchschaut hast, zeigt uns schon, dass du der Richtige bist. Du hast nämlich noch eine Fähigkeit vergessen, die wir gesucht haben, jemanden der fähig ist zu denken und das bist du. Bitte rege dich nicht auf, es tut mir leid“, sie setzte wieder ihr zauberhaftes Lächeln auf und grinste ihn verschmitzt an. „Das ist nicht fair, das hättest du mir gleich sagen sollen. Ich dachte wirklich dass du…“, Daemon brach mitten im Satz vor Scham ab. „Das ich dich mag? Das tue ich auch, aber das Eine hat nichts mit dem Anderen zu tun. Ich musste so handeln, ob ich wollte oder nicht. Es war eine Aufgabe für meine Lehre als Adeptin, es tut mir wirklich leid und ich muss jetzt noch etwas sehr Unangenehmes tun, wofür ich mich schon im vornherein entschuldige“, damit stand sie auf und lief zur Tür. Sie schlug die Tür auf und drehte sich noch einmal zu ihm um. „Entweder du folgst mir und arbeitest für uns oder du bleibst hier sitzen und siehst zu, wie du die Rechung bezahlst. Ich hoffe du hast genug Heller für drei Becher Milch in der Hosentasche“, sie nickte ihm spöttisch zu und verschwand aus dem Gasthaus. Daemon musste sich nicht einmal zur Theke drehen um zu sehen, wie der Wirt mit wütenden Schritten näher kam. Irgendwie wirkte der Wirt viel kräftiger und unsympathischer als noch vor ein paar Minuten. Daemon fluchte, stand auf und trat den Stuhl in Richtung des Wirtes um wenigstens ein paar Sekunden Vorsprung zu haben. Ein mehr zorniger als schmerzhafter Aufschrei des Wirtes verriet ihm, dass er getroffen hatte. Er lief aus dem Gasthaus und sah Sartessa gerade noch um eine Ecke biegen. Fluchend versuchte er an ihr dranzubleiben und lief ihr nach. „Kuhfladen, verdammter Kuhfladen“, fluchte er vor sich hin, als die Umgebung wieder begann als Schemen zu verschwimmen und er sein Tempo steigerte.

Die Dunkelheit war so vollkommen, dass Marcian im ersten Moment nicht wusste, ob er noch schlief oder schon wach war. Einzig der kalte Stein an seinem nackten Rücken wies ihn darauf hin, wieder erwacht zu sein. Der Raum war gerade einmal groß genug eine Person an der Wand zu halten, selbst wenn er nicht gefesselt gewesen wäre, hätte er sich nicht ausgestreckt auf den Boden legen können ohne beide Wände gleichzeitig zu berühren. Der Kerker war kein Gefängnis sondern ein perfide gestalteter Raum zur Folter. Niemand, vor allem Marcian nicht in seinem momentanen Zustand konnten mehrere Tage hier überleben. Wahrscheinlich wurde dieser Raum nur für Diejenigen genutzt, die sowieso in Kürze hingerichtet werden sollten, dachte er sich. Etwas Warmes lief an seinen Handgelenken herunter und es bedurfte keines zufällig hereinfallen Lichtstrahls um sich sicher zu sein, dass seine Handgelenke mittlerweile so aufgescheuert seien mussten, dass sie Schnittwunden bildeten. Er musste während seiner Bewusstlosigkeit zusammengesackt sein und somit sich noch mehr und tiefer in die Eisenringe hereingehängt haben. Es kostete ihn noch mehr Mühe als er bereits erwartet hatte lediglich seinen Kopf zu heben und zur Gefängnistür zu blicken. Sie war zwar nur als harte Kontur zu erkennen, aber der Eisenring der jedes Mal unbarmherzig seine Fesseln enger ziehen würde, wenn er Besuch bekam, hob sich deutlich aus dem Dunkel ab. Um nicht mit den Schmerzen konfrontiert zu werden, die sein Körper durchlitt und die nur noch eine brüchige Barrikade seines Verstandes daran hinderte, ihn bis zum Tode schreien zu lassen, versuchte Marcian seine Gedanken an jenen schönen Sommertag zu lenken, an dem er Mada das erste Mal traf. Es gelang ihm nicht. Sobald er versuchte sich an irgendeinen schönen Moment mit seiner Liebe zu erinnern, prallten immer wieder die Bilder des schmerzvollen, tödlichen Abschieds ihrer Liebe in seinen Schädel. Marcian versuchte den Gedanken abzuschütteln, aber er schaffte es nicht. Er sah sich wieder auf der Lichtung, sah den grauen Schleier der sich über das Land gelegt hatte und konnte die Umarmung von Mada wieder spüren. Ihm schossen Tränen in die Augen als er vor seinem inneren Auge wieder mit ansehen musste wie er seine tote Liebe in den Armen hielt. Sie war unschuldig gewesen, genauso wie er und eine Laune der Götter hatte ihr Beider Leben vernichtet. Selbst wenn es nicht die Götter waren, die diesen Schatten geschickt hatten, so waren es doch die Götter die dieses Wesen niemals in diese Welt hätten kommen lassen dürfen. Sie haben einfach weggeschaut, sich keinen Deut um das Leben so einfacher Leute wie Marcian und Mada es waren geschert. Marcian war immer ein müßiger Mann gewesen der den Göttern gehuldigt hatte, nie hatte er geklagt, nie hatte er sich mehr gewünscht, als einem einfachen Bauern wie ihm es zustand. Wären er und Mada bei der Feldarbeit verunglückt, hätten sie aufgrund eines harten Winters nichts mehr zu essen gehabt oder wären sie einfach nur krank geworden, so wäre alles anders. Marcian hatte nie Sanftmut von den Göttern erwartet, wusste er doch, dass manche Götter tobsüchtig und böse waren, aber was passiert war, durfte nicht passieren. Wenn es nur eine Sache gab, womit man Götter definieren könnte, dann damit, dass die Götter die Menschen erschaffen hatten. Somit durften sie ihnen Glück und Unglück, Tod und Leben bringen, sogar mit ihnen spielen, wenn es ihnen beliebte. Dennoch durften sie eine Sache nicht, Etwas in diese Welt lassen, was nicht hierhin gehörte und nur dieses Etwas war es, was Madas und Marcians Leben von Grund auf erschütterte. Seitdem er aus dem Dorf geflohen war, war es ihm gleich gewesen, ob er lebte oder starb, aber etwas in ihm änderte sich. Er spürte einen Zorn in sich, vor dessen Intensität er selbst erschrak. Sollten die Götter doch dafür leiden, was sie Mada und ihm angetan hatten. Marcian versuchte dieses Mal nicht seine innere Stimme zu unterdrücken, ganz im Gegenteil hörte er ihr zu. Wenn die Götter nicht für die Menschen da waren, weshalb sollten sie überhaupt noch da sein? Welchen Grund hatten sie noch zu existieren, welche Berechtigung? Marcian schüttelte den Kopf und spannte sich, wobei er den schneidenden Schmerz der Fessel völlig ignorierte. Ich werde die Götter vernichten! Ich werde die Götter vernichten! „Ich werde die Götter vernichten“, flüsterte er bewusst in die Dunkelheit hinein.
Schritte näherten sich und er hörte entfernt verschiedene Stimmen. Marcian konzentrierte sich und konnte mit einiger Mühe hören, dass es sich wohl um zwei Männer handelte, die heftig aufeinander einredeten. Eine Stimme davon kannte er, es war die Stimme des Henkers. Die andere Stimme hatte er noch nie zuvor gehört, aber auf eine ebenso bedrohliche Art klang sie dem Henker ebenbürtig. Marcian spannte sich noch weiter und hörte regelrecht wie das Blut in seinen Ohren pulsierte und nach einigen Augenblicken verstummte, die Stimmen wurden deutlicher. „… das ist mir gleich. Ob der Graf nun anwesend ist oder nicht, ich habe als Geweihter Plutos das Anrecht, die Folterhalle und die Delinquenten zu inspizieren“, die unbekannte Stimme schien sich nur noch mit Mühe zurückzuhalten. „Ganz wie ihr wünscht, aber ich habe das Recht den Zeitpunkt der Untersuchung zu wählen. Vergesst nicht, dass in der Provinz Greifbach das römische Recht nur eingeschränkt gilt“, gab der Henker zurück. Marcian konnte die Stimmen nun deutlich hören, fast so, als wenn sie sich direkt hinter der Tür unterhielten. „Es geht nicht um das römische Recht, überall gilt das göttliche Recht und im Auftrage der Götter bin ich hier.“
„Verzeiht, aber ich glaube nicht an eure Götter und ich muss es auch nicht. Euch ist wohl entfallen, dass Rom bei der Eroberung von Greifbach uns religiöse Autonomie zugesichert hat, eure göttlichen Rechte sind hier nur halb soviel Wert wie im römischen Imperium“, der Henker schien den Unbekannten provozieren zu wollen, in seiner Stimme war ein deutlich verhöhnender Unterton zu erkennen. „Nun, es ist eure Entscheidung, euch gegen die Götter aufzulehnen und das römische Imperium, auch als Provinzstadt seid ihr an unser Gesetz gebunden, auch wenn ihr etwas mehr Spielraum genießt. Ich werde in zwei Stunden mit meinen Brüdern zurückkehren und dann erwarte ich, dass ihr den Kerker zur Untersuchung freigebt. Wie viele Verbrecher beherbergt ihr eigentlich momentan in diesem Verlies?“, der Unbekannte schien sich nun gefasst zu haben und schlug eine andere Taktik ein. „Keine Delinquenten. Momentan scheint die Stadt sehr ruhig zu sein. Ich kann euch später gerne die Kerker und die Folterkammer zeigen, aber mit zum Tode verurteilten Verbrechern kann ich leider nicht dienen“, antwortete der Henker. Dann bewegten sich Schritte und eine Tür wurde härter ins Schloss geworfen, als es notwendig war. Anscheinend hatte sich der Besucher doch nicht so gut in der Gewalt gehabt, wie er mit Worten vorspielen wollte. Marcian vernahm ein Seufzen und hörte dann wie sich auch der Henker entfernte. Einige Minuten lang passierte nichts und er drohte schon wieder Opfer seiner Gedanken zu werden oder wieder das Bewusstsein zu verlieren, als er einen Schrei hörte. Der Schrei kam aus dem unterirdischen Verlies, dessen Größe Marcian nicht einmal schätzen konnte, aber es hörte sich so an, als wenn er weit entfernt war. Er hörte sich krächzend, gurgelnd und irgendwie so an, als wäre er in der Mitte abgeschnitten worden. Danach hörte er eine Tür ins Schloss fliegen und wieder Schritte. Dann das Öffnen einer Tür, einen Schrei und wieder das Zuknallen einer Tür. Eines Kerkers um genauer zu sein, dachte er. Ein eisiger Schauer überlief ihn und er versuchte sich steif aufzurichten. Er konnte den Tod riechen, er konnte riechen, fast spüren wie alles um ihn herum starb. Wie Leben ausgelöscht wurden wie ein Sturm, der über mickrigen Kerzen tobte. Jedes Mal bevor eine Tür wieder in die Angeln flog konnte Marcian noch das Klatschen von etwas Schweren auf den kalten Steinboden hören. Wenn der Henker kommt, dann rollen sie. Er sah sich panisch um, konnte aber außer den Konturen seiner Zellentür nichts weiter erkennen. Was hatte der Henker gesagt, es gebe keine Insassen in diesem Gefängnis? Das bewusste Denken knipste sich einfach aus und er versuchte mit aller Kraft seine Fesseln zu sprengen. Es blieb bei dem kläglichen Versuch und er spürte, wie die Eisenringe sich tiefer ins Fleisch fraßen. Die Schritte des Henkers ebbten vor seiner Tür ab und die Fesseln rissen Marcian erbarmungslos zurück, als der Scharfrichter die Tür öffnete. Wie durch ein Wunder blieb er bei Bewusstsein, obwohl er nicht genau wusste, ob er nicht lieber in Ohnmacht gefallen wäre. Der Henker trat in die kleine Zelle und setze einen unterarmlangen, gezahnten Dolch an seine Kehle der mehr an eine Säge, als an ein Schneidewerkzeug erinnerte. Die bleiche Fratze und die tiefen schwarzen Augen fixierten seinen Blick, die blutleeren Striche seiner Lippen zogen sich zur Freude hoch, als Marcian das mahlende Geräusch an seiner Kehle hörte und spürte, wie das Leben aus ihm herausfloss. Marcian spürte wie sein Kehlkopf nach hinten gedrückt wurde und wie seine Halsknochen sägend vibrierten. Seine Lider wurden schwerer und die bleiche Maske vor ihm wurde von roten Nebelschwaden umspielt. Das Lächeln verflog aus dem Gesicht des Henkers und machte einer tüchtigen Anspannung Platz. „Du hast stabile Halsmuskeln mein Junge. Normalerweise ist es nicht so schwer, einen Kopf abzutrennen. Jetzt mach es mir doch nicht so schwer“, der Henker schaute dabei zu ihm herunter und schien ernsthaft mit einer Antwort zu rechnen. Die Welt um ihn herum büßte seine Konturen ein, der Nebel wurde immer intensiver und er fühlte, wie das Leben aus seinem Körper entwich. Er hatte sich den Tod immer schmerzhafter vorgestellt, aber er fühlte keinen Schmerz, keine Angst mehr, nur der unaufhaltsame Zorn seiner inneren Stimme schien vor Freude zu springen. Schweißperlen zeichneten sich auf der Stirn des Henkers ab und er setzte den Dolch für einen Moment ab, um die große Wunde zu betrachten. Dann setzte er den Dolch wieder an seinen bereits zur Hälfte geöffneten Hals und riss den gezahnten Stahl blitzschnell von links nach rechts. „Es wird Zeit zu sterben“, schrie ihm der Henker entgegen. „Ich bitte darum“, antworte Marcian. Das Letzte was Marcian sah, waren die Augen des Henker, die ihn ungläubig anstarrten.
Dann starb er.

Vorgestern

6

Die Geburt des Bösen

Wenn ein Funke ein Feuer entfacht,
und das Feuer die Menschlichkeit auslacht,
dann ist neues Leben aus Zorn geboren
und die Götter haben das Spiel verloren


Anfänglich dachte Marcian noch, er hätte die Augen geöffnet, aber die Bilder waren einfach zu irreal, als das sie wahr sein konnten, er konnte nicht wach sein. Er konnte die Monate nicht zählen, die die Szenerie nun her war, die er ein zweites Mal durchlebte. Es war ihre erste Nacht auf der Lichtung, es waren die ersten kostbaren Berührungen, der beginnende Anflug von Hoffnung und Glück, die ihn damals wie eine wärmende Decke zur immer wieder nächsten Begegnung schützten. Das kleine Waldstück hatte alles von seiner unheimlichen Art verloren, wie er es beim letzten Mal erlebt hatte. Die Sonne stand schon hoch am Firmament und er konnte spüren, wie seine Knie zitterten. Es war der erste Moment vertrauter Zweisamkeit, den er mit Mada gespürt hatte. Alles war wie damals, die Lichtung wölbte sich wie ein Spielplatz gemeinsamer Liebe aus dem zwar kleinen, aber dicht gewachsenen Wald heraus, das Gras roch so frisch und intensiv wie schon Ewigkeiten nicht mehr und die Zeit schien still zu stehen. Er sah sie und schloss sie zaghaft in die Arme, drückte ihren kleinen Körper an sein grobes Strickgewand und konnte sich des Zitterns und Bebens nicht erwehren. Mada presste ihn sanft von sich weg und kniff ihn neckisch in die Seite. Wie lange hatte er auf diesen Moment gewartet, wie gnädig waren die Götter zu ihm, diesen vergangenen, so unendlich kostbaren Moment noch einmal durchleben zu lassen. Vielleicht war es so, dass man im letzten Augenblick seines Lebens, in dem Moment wo der Hauch des Todes das Licht schon flackern lässt, die Zeit einfriert und man mit den glücklichsten Gedanken des Lebens in das Jenseits hinübertritt. Wenn es so ist und wenn er das gerade durchlebt, so hätte er keine Angst mehr vor dem Tod, dachte sich Marcian. Er wäre tausendmal gestorben um nur noch einmal den Wimpernschlag tiefsten Glückes fühlen zu können und nun war er da. Wenn es ein Traum war, dann war er realer als alles, was Marcian erlebt hatte. Er konnte ihr Haar riechen, ihre Haut kosten und liebkosen, ihre Wärme wirklich spüren und Madas Augen funkelten so voller Leben, dass es die schönste Illusion war, die er je erleben durfte. Es war mehr als nur ein Traum, auch wenn die argwöhnische Stimme der Logik ihm diesen Gedanken verbieten wollte, es war die tiefste Erfahrung seines Lebens (oder seines Todes). Mada tänzelte nun, wo sie sich aus seiner Umklammerung gelöst hatte noch einen weiteren Schritt zurück und ihr Lächeln verschwand. Etwas in ihr veränderte sich, es war ihr Blick, der irgendwie brach, als wäre die Harmonie mit einem Schlag aus dem Gedächtnis gelöscht worden, als wäre er ihr fremd. Marcians Augen weiteten sich, sein Blick begann unstet an ihr herauf und niederzufahren, ihr gesamtes Antlitz begann sich zu zerren. Sie stand ganz eindeutig vor ihm und er konnte immer noch ihre Wärme spüren, ihren Duft und das gedämmte Gefühl von Glückseligkeit lag noch in der Luft, aber sie wirkte anders. Wie hinter Feuer stehend, das die Luft durchwirbelte und so nur einen groben, nicht exakten Strich der Realität malte, erkannte er sie noch. „Du hast mich nie geliebt“, sprach Mada mit schneidender Stimme und laut genug, dass es im gesamten Wald zu hören sein musste. Er hätte den Göttern doch nicht danken sollen, was war das? Ein irres Spiel um einen sterbenden Menschen mit Brutalität zur anderen Seite zu befördern? Seine Gedanken überschlugen sich, sein Herz hämmerte und versuchte sich selbst aus seiner Brust zu schälen, wie ein Parasit, der den anatomisch vorgeschrieben Platz verlässt, weil ihm die Berechtigung genommen worden ist. „Du hast mich nie geliebt Marcian, du hast mich nicht beschützt, mir nicht geholfen“, Mada sprach jetzt etwas leiser, aber noch fester. Sie bewegte sich einen weiteren Schritt von ihm weg und schaute Marcian nur aus trüben, ein Leben voller maßloser Enttäuschung widerspiegelnden Sein an. „Ich habe versucht dich zu retten, ich wusste nicht was es war. Es kam so schnell und ich hätte mein Leben gegeben, um dein Leben zu retten“, seine Stimme war trocken und spröde, wie ein Brunnen der versiegt. Der Stich ging tiefer als jeder Speer, die Wunde war breiter als jeder Schwertschlag, er verblutete innerlich und wusste es. Warum sagte sie das? Worte können töten, das spürte er mit einer Gewissheit, die an Wahrhaftigkeit grenzte. „Du hast mich allein gelassen, bist verschwunden. Du hast mich nicht einmal zu Grabe getragen, ich war da. Marcian, ich war da. Die Götter haben mir einen letzten Blick auf meinen toten Körper gewehrt, ich habe sie gesehen. Sie alle, das ganze Dorf hat mir die letzte Ehre erwiesen, aber du warst nicht da.“, ihr Gesicht war so verzerrt, dass er an ihrer brüchigen Stimme erkannte, dass sie angefangen hatte zu weinen. Zwischen ihnen loderte die flirrende Wand aus Hitze, die eine Mauer zog und ihn so weit von ihr forthielt. Er spürte, wie seine Augen zu tränen begannen und das salzige Kristall seine Wangen in zahllosen Rinnsälen hinunterlief. „Ich konnte nicht da sein, ich wollte es. Die Bürger wollten mich töten und ich musste aus dem Dorf fliehen, wäre Daemon nicht gewesen, hätte ich es nicht einmal aus dem Dorf hinaus geschafft.“
„Es ist kalt hier Marcian, so unendlich kalt. Die Erde presst
sich an meinen Körper und beginnt mich aufzunehmen. Ich liege hier unten, allein und ohne dich. Hol mich zu dir, bitte.“, Mada weinte und begann zu schluchzen, sie zerbrach innerlich und er konnte sie nicht an sich pressen, sie nicht beschützen. Er machte einen Schritt nach vorne um sich ihr zu nähern, fühlte aber sofort wie die flirrende Wand einer unbekannten Macht ihn daran hinderte und seine Glieder nach ihm streckte, wenn er näher trat. „Komm nicht näher. Mir wurde gewährt zu dir zu sprechen, aber du darfst nicht näher kommen, sonst werden wir nie vereint. Das Feuer zwischen uns wird dich nicht töten, es wird deine Seele fressen. Du lebst und ich liege im kalten Grab, es ist uns nicht gewährt, uns weiter zu halten.“. Mada taumelte einen weiteren Schritt nach hinten, um weiteren Abstand zu ihm zu gewinnen. „Holst du mich zu dir? Schenke mir einen letzten Kuss, damit ich ruhen kann. Komm zu mir, komm an mein Grab“, sie brach ab und senkte den Kopf. Marcian ging einen weiteren Schritt nach vorne, gerade so, dass noch ein kleiner Abstand zu dem (Fege-) Feuer zwischen im und Mada war. „Ich liebe dich und ich werde dich holen, ich komme zu dir. Ich werde mit dir sterben und in der Unendlichkeit werden wir vereint sein. Daemon hat mir schon einmal geholfen, er wird mich unbemerkt an dein Grab bringen.“, Marcian unterdrückte den Impuls, seinen Gedanken jetzt zu gestatten sich mit dem „Warum“ zu beschäftigen, er wusste nicht wie lange sie noch da sein würde. „Nein“, Madas Stimme klang wieder etwas gefestigt und sie schien fast zornig aufzuschreien. „Er war es, weshalb ich gehen musste. Er ist verflucht, der Schatten war hinter ihm her. Er hat die Dorfbewohner geholt, die dich als Mörder beschimpften und vertrieben. Ohne ihn, wäre das alles niemals geschehen. Vertrau ihm nicht, bitte ihn um nichts, halte dich fern von ihm.“ Sie näherte sich wieder soweit der fast unsichtbaren Wand zwischen ihnen, dass Marcian nur noch die Hand hätte ausstrecken müssen, um sie zu berühren. „Aber, er hat mir geholfen aus dem Dorf zu entkommen, er hat…“, noch bevor er weiter sprechen konnte schrie sie ihn an. „Er ist schuld, nur er. Seine verfluchte Anwesenheit hat dieses Ding geschaffen, was mich in die kalte Grabesstille getrieben hat, er war es, der dich angeschwärzt hat und allen Bescheid gegeben hat, nachdem dass Unglück passierte. Er hat dich nur gerettet, weil du einmal ein Freund von ihm gewesen bist und er gemerkt hat, was er dir angetan hat. Daemon hat nur versucht sein Gewissen zu beruhigen. Vertrau ihm nicht. Er ist bereit dich zu töten, wenn er es muss.“, sie schrie ihn zornig an. „Was für ein Fluch, was ist mit ihm passiert?“, fragte Marcian. „Ich weiß es nicht, aber ich habe es gespürt, als ich gegangen bin, ich habe gespürt, weshalb der Schatten da war. Diese Macht entstand zwischen uns und wollte sich deinen Freund holen, aber wir waren ihm im Weg.“, sie senkte ihren Kopf und verlor sich in Gedanken. Ihre Umrisse wurden immer schwächer, obwohl sie sich genähert hatte, und Marcian wusste, dass es sich nur noch um Augenblicke handeln konnte, bis ihr Bild verschwand. „Ich werde dich holen, es ist mir ganz gleich wie, aber ich komme dich holen, verlass dich darauf.“, noch bevor er den Satz vollenden konnte, verschwand ihr Bild und er war sich nicht einmal sicher, ob sie es noch gehört hatte. Mit ihr verschwand die flirrende Wand und die Helligkeit des Tages, der Geruch des Grases und das Gefühl der gepachteten Glücklichkeit, es war wieder dunkel. Marcian stand nicht mehr auf der Lichtung, er lag irgendwo. Der Untergrund fühlte sich hart und kalt an, die Luft lag schwer über ihn, fast so als wäre sie ein Gefangener ihrer eigenen Art und könne nicht atmen. Auch wenn er sich nicht bewegte, so fühlte er doch, dass seine Hände und Füße nicht mehr gefesselt waren, ebenso wenig wie sein Hals. Sein Hals? Mit dem Traum endete auch der kurze Moment des Vergessens, der sich wie ein bleierner Schleier über die letzten Minuten seiner Realität gelegt hatte. Doch in der Wirklichkeit zurück, fand auch die Erinnerung ihren Weg in seinen geplagten Schädel, er hätte tot sein müssen. Der Henker hatte ihn den Kopf abgesägt oder zu mindestens damit begonnen und Marcian hatte gefühlt, wie das Leben aus seinem Körper gewichen war. Aber aus einem Grund, den er nicht erklären konnte, wusste er, dass er sich wieder in der Realität befand und dies kein weiterer perfider Scherz der Götter war. Er wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Marcian versuchte mit seinen Sinnen in seinem Körper hinein zu fühlen und ganz langsam sich einen Überblick über die Wirklichkeit zu machen. Er war schwach. Sein gesamter Körper fühlte sich wie ein geliehener Wirt an, der nur noch mit der kleinsten Lebensflamme sein spärliches Licht in die wahre Welt warf, noch nicht bereit für immer gelöscht zu werden. Sein Hals schmerzte und seine Glieder waren mit einer unbekannten, noch nie so intensiv gefühlten Schwere beladen. Vielleicht schon aus dem Gedanken heraus, dass der Anblick der Wirklichkeit das kleine Flämmchen seines Lebens ausblasen würde, öffnete er noch immer nicht die Augen. Seine Hände fuhren über kalten Stein, grobe Fugen und über etwas Weiches. Nicht wirklich weich, aber dennoch elastischer als der steinerne Boden und auf unnatürliche Weise bedeutend kälter, steif. Erschrocken zog er die Hand wieder an seinen Körper als sein Verstand ihn die Tatsache in den Geist prügelte, dass er Leichen fühlte. Die starre, steife und kalte Haut eines Toten neben ihm. Der Geruch war nun deutlicher einzuordnen und es stank nach Verwesung. Behutsam und auf den nächsten Schrecken vorbereitet tastete seine Hand in die entgegengesetzte Richtung weiter und zu seinem Erschrecken, fühlte er weitere steife Haut. Marcian musste sich inmitten von Leichen befinden und er wusste nicht wo, aber weshalb. Der Henker musste alle Gefangenen hingerichtet und irgendwo als Leichenberg abgeladen haben, dachte er sich. Noch einmal lauschte er in sich hinein und versuchte lediglich mit seinen Sinnen die Umgebung zu erfassen. Trotz der nicht vorhandenen Wärme der toten Körper spürte er dennoch den verbliebenen, ausgebrannten Docht unzähliger Leben um ihn herum. Er schätzte die Toten auf ein Dutzend, verstreut und achtlos nebeneinander und zum Teil übereinander geworfen zu seinen Seiten. Seine Hand tastete nach Oben und er spürte etwas Organisches, Holz. Langsam fuhr er mit den Fingerspitzen über das Holz über ihn und machte etliche, wenn auch nur sehr kleine Fugen aus. Der Raum in dem er sich befand, war kein Raum. Er befand sich in einem kleinen und äußerst tief angelegten Keller der zu allen Seiten aus Stein gehauen war (wie in dem Verließ) und lediglich die Decke bestand aus schlecht zusammen gezimmerten Holz. Es musste eine Art Totengrube oder Leichenplatz sein. Dennoch war er sich gewiss, dass er sich noch immer in dem unterirdischen Verließ des Henkers befand, allerdings dort, wo er seine Toten versteckte und nicht in den Zellen, die waren nur den Lebenden vorbehalten, dachte er hässlich. Aber wenn er nicht dort oben in den Zellen war, bei den Lebenden, musste er tot sein. Wäre er allerdings tot, warum existierte er dann noch, wieso konnte er noch denken? Ich denke, also bin ich. Marcian unterdrückte einen weiteren Impuls, zu diesem Zeitpunkt über das Sein nachzudenken und versuchte sich wieder auf seine Lage zu konzentrieren. Er konnte nicht tot sein, also muss der Henker ihn für tot gehalten haben. Und damit den schlimmsten Fehler seines Lebens begangen haben, flüsterte seine dunkle innere Stimme. Die plötzlichen Geräusche über ihm, verwehrten ihm, seiner inneren Stimme zu antworten. Marcian hörte die Unterhaltung zweier männlicher Personen, die sich nicht allzu weit entfernt von ihm aufhielten, allerdings weit genug, um den Inhalt des Gespräches nicht verstehen zu können. Es gelang ihm aber, die Stimmen zu filtern. Es waren der Henker und der unbekannte Mann, der schon vor einiger Zeit hier gewesen war und sie schienen, sich wieder zu streiten. Marcian verspürte mehr den Zorn der Unterhaltung, der in der Luft lag, als durch die Betonung der Worte zu diesem Schluss zu kommen. Die Stimmen bewegten sich, nicht auf ihn zu, eher entfernten sie sich noch, blieben aber regelmäßig stehen und weitere Geräusche mischten sich dazu. Es hatte den Anschein, als würden sie die Zellen, die irgendwo über Marcian lagen, begutachten. Würde er jetzt auf sich aufmerksam machen, wäre es vielleicht seine letzte Chance jemals lebend diesen Ort zu verlassen. Der andere Mann schien nicht viel von dem Henker zu halten und vielleicht, wäre dies die Gelegenheit, dem Verlies zu entkommen. Aber was wäre wenn der Henker den Mann einfach töten würde und danach sein Werk an Marcian beenden würde. Seine Gedanken überschlugen sich. Er legte seine Hand auf das Holzdecke über ihn und…zögerte. Der Henker würde den Mann töten und seinen Fehler bemerken und ihn endgültig den Kopf abschneiden. So verlockend der Gedanke auch war, den Unbekannten zu Hilfe zu rufen, so gering waren doch die Chancen, hier heil herauszukommen. Marcian nahm die Hand wieder vom Holz und versuchte so flach wie möglich zu atmen, nicht nur um nicht auf sich aufmerksam zu machen, sondern auch weil der mittlerweile beißende Leichengestank um ihn herum seinen Magen rebellieren ließ. Er presste seine Augenlider noch festern zusammen und versuchte alle Geräusche, Gerüche und Empfindungen auszublenden. Er musste hier noch einige Zeit verharren, bis sich vielleicht eine Gelegenheit zur Flucht eröffnete. Einige Minuten lag er einfach nur reglos da und dann passierte etwas, womit er in dieser bizarren Situation niemals gerechnet hatte, er schlief ein.

Er wachte auf. Eigentlich hatte er nicht schlafen wollen, aber es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, bis von Bospor zurückgekehrt war und noch mal eine Ewigkeit, bis Sartessa und ihr Vater, wohlgemerkt ohne ihn, miteinander gesprochen hatten. Die lange Tafel war schon abgedeckt worden und nur noch eine Schale mit Obst und ein Krug Wasser verloren sich auf der massiven Tischplatte. Anscheinend hatten ihn die Dauerläufe durch die Stadt doch mehr mitgenommen als er sich eingestehen wollte oder die letzten Tage waren einfach zu viel. Daemon rückte sich auf den im Grunde genommen bequemen Stuhl, der allerdings nicht bequem genug für ein Mittagsschläfchen war zu recht. Von Bospor musterte ihn vom anderen Ende des Tisches aus und etwas hatte sich in seinem Blick verändert. Wenn er Daemon nicht komplett verwundert hätte, hätte er darauf wetten können, dass eine echte Sorge in seinem Blick zu sehen war. Sartessa war nicht mehr anwesend und muss irgendwann während er geschlafen hatte gegangen sein, allerdings hörte er einige Geräusche aus dem Nebenraum und vermutete sie dort. „Wir haben deinen Freund nicht gefunden. Ich habe mit allen wichtigen Personen in der Stadt geredet, entweder war er nie hier oder er ist mittlerweile weiter gezogen.“, begann Herr Bospor das Gespräch. Daemon wischte sich noch den letzten Schlaf aus den Augen und versuchte sich zu konzentrieren, es war jetzt keine Zeit für Unaufmerksamkeit. „Aber ich bin sicher, dass Marcian in die Stadt gegangen ist.“, antwortete Daemon. „Das glaube ich dir auch, dennoch wird er wohl wieder fortgezogen sein, glaube mir. Wenn ich ihn nicht finde, dann tut es niemand. Ich habe bei allen wichtigen Stellen in der Stadt nachgefragt, ich war sogar beim Magistrat, aber keine Spur. Und falls du denkst, er könnte eine Dummheit begangen haben und im Kerker sein, dort war ich ebenfalls. Er ist nicht hier.“
„Die Stadt ist groß und…“
„meine Macht ebenfalls sowie mein Einfluss auf die Mächtigen von Greifbach, er ist nicht hier.“, von Bospors Stimme wurde eine Spur härter. Daemon gab auf, etwas in dem Blick von Herrn Bospor ließ ihn nicht weiter an der Aussage zweifeln. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hatte er es schon geahnt und an Marcians Stelle genauso gehandelt. Ihm war bewusst, dass es nicht lange dauern würde bis sich die Gerüchte seines Heimatortes bis hierhin getragen hätten, sein Freund wäre dumm gewesen, wäre er länger als ein paar Stunden in Greifbach geblieben. Trotzdem wurde es allein dadurch, dass Herr Bospor es aussprach, wirklicher als in seiner Vorstellung oder bisherigen Ahnung. Marcian war weg und er hatte seine Spur verloren. „Wissen Sie vielleicht wo er hingegangen sein kann? Ich meine, gibt es noch größere Städte hier im Umland?“, Daemon ahnte, dass von Bospor ihm nicht weiterhelfen konnte, aber er musste darüber reden um das Gefühl zu haben, die Suche noch nicht aufgegeben zu haben.
„Nun, ich schätze mal, dass dein Freund nicht lange in der Wildnis überleben kann, wahrscheinlich hatte er vorher noch nie den Schutz seines Dorfes verlassen. Also entweder ist er nach Hause gegangen…“
„Er ist nicht nach Hause gegangen, er hat kein zu Hause mehr!“, unterbrach ihn Daemon. Von Bospor zog eine Augenbraue hoch, war aber taktvoll genug, nicht auf die offene Frage einzugehen, die Daemon gerade in den Raum geworfen hatte. Daemon schalt sich selbst für diesen dummen Gefühlsausbruch, wenn er Misstrauen säen wollte, so war er auf den bestem Wege dazu. „Gut, also ist er nicht in euer Dorf zurückgekehrt. Dann gibt es nur noch einen Ort, wohin er gehen kann. In der Wildnis stirbt er und in jeder Stadt in diesem Land wird er bald gesucht werden. Sag jetzt nichts, ich weiß nicht was genau er getan hat, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich richtig liege mit der Annahme. Er kann sich nur in einer Stadt ernähren, allerdings müsste diese Stadt so anders sein, als alle anderen Städte, dass sie keine Notiz von ihm nehmen würde. Damit bleibt noch genau eine Möglichkeit. Eine Stadt, die keine Notiz von ihm nimmt, ganz gleich was er getan hat, denn täglich passieren dort schlimmere Dinge oder gehen einfach in der Masse unter. Rom“, von Bospor nickte Daemon an, fast so als würde er seine eigene Antwort nochmals bekräftigen. Daemon stand auf und bewegte sich demonstrativ zwei Schritte in Richtung Tür. „Dann werde ich nach Rom gehen und ihn finden“, seine Stimme klang nicht so gefestigt wie er es beabsichtigt hatte. Von Bospor lächelte ihn müde, aber gutmütig an, so wie ein Vater es bei seinem Kind tut. Die Jugend für ihre Spontaneität bewundernd, aber um ihr Scheitern wissend. Von Bospor erhob sich ebenfalls von seinem Platz und ging einige Schritte auf Daemon zu. „Hör mir bitte ganz genau zu. Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du ziehst noch heute alleine los und wirst dich verlaufen, wenn nicht sogar Schlimmeres oder du wartest noch zwei Tage bis ich meine Untersuchungen hier abgeschlossen habe und ziehst mit uns nach Rom. Ich werde hier nicht weiterkommen und muss ebenfalls nach Rom um mit dem Grafen zu sprechen.“, Herr Bospor maß Daemon wieder mit einem fast väterlichen Blick. „Aber wenn ich noch zwei Tage warte, dann verliere ich vielleicht noch mehr seine Spur“, gab Daemon trotzig zu Bedenken. „Im Gegensatz zu deinem Freund reisen wir mit einer Kutsche und werden sicherlich weit vor ihm in Rom ankommen, ich werde ein Gasthaus direkt am Stadttor mieten und du kannst ihn dann direkt am Stadttor abfangen, sobald er ankommt. Das ist wesentlich sicherer als nach ihm und alleine anzukommen und zwischen zehntausenden Stadtbewohnern nach ihm zu suchen.“, sagte von Bospor und hielt Daemon die offene linke Hand hin. Alles in ihm sträubte sich dagegen, den Vorschlag anzunehmen, aber sein Verstand machte ihm deutlich, dass es der bessere Weg war, Marcian jemals wieder zu sehen. Außerdem konnte er so noch einige Zeit mit Sartessa verbringen. Daemon war wütend auf sich, wieso dachte er jetzt an sie. Sie war nur ein dummes Huhn, wenn auch ein sehr hübsches, dummes Huhn, musste er sich eingestehen. Daemon konnte regelrecht hören, wie sein Widerstand zerbrach und seine Gedanken begannen, sich um dumme, aber hübsche Hühner zu drehen. Er machte zwei Schritte auf Herrn Bospor zu und nahm seine Hand. Von Bospor lächelte milde und sah in fest in die Augen. „Du hast die richtige Entscheidung getroffen. Ich verspreche dir, dass wir ihn finden werden. Übrigens ist es sicherer, nicht bloß als unser Freund mitzureisen, sonst stellen die Leute noch irgendwann fragen, zu wem du wirklich gehörst. Also solltest du dich schon mal an etwas gewöhnen, Daemon Bospor.“ Herr Bospor grinste Daemon an, als hätte er gerade ein Honigkuchenpferd gewonnen und irgendwie waren die Rollen oder wenigstens das Alter vertauscht. Daemon musste selber lachen und ein intensives Gefühl von Wärme lullte ihn ein. „Daemon Bospor? Das klingt gar nicht mal schlecht, immerhin hatte ich noch keinen Nachnamen.“, sagte er grinsend und bemüht darum, von Bospor nicht an sich zu drücken. „Also sind wir uns einig? Eines möchte ich dir aber noch sagen, kleiner Bospor. Da du ja jetzt zur Familie gehörst, sollst du etwas wissen. Ich weiß nicht was dein Freund getan hat, aber ich verurteile ihn nicht dafür. Oftmals sind es nur Fügungen des Schicksals, die Menschen Dinge tun lassen, die sie später bereuen oder niemals wollten. Das hat nichts mit den Göttern zu tun, nur mit dem Menschsein. Vergebung ist der Schlüssel des Schlosses, deren Ketten den Hass umschließen. Also wenn du mit mir reden möchtest, werde ich für dich da sein. Du kannst mir alles erzählen oder gar nichts, das liegt bei dir. Nur denke dir nichts aus, nur weil du denkst ich fordere Antworten. Keine Wahrheit ist so schlimm, wie eine Lüge.“, von Bospor blickte ihn noch tiefer in die Augen, ja vielleicht in die Seele, wenn Daemon es zugelassen hätte. Daemon ließ es zu, er konnte nicht mehr anders. Er erzählte von Bospor alles was geschehen war ohne etwas auszulassen und endete erst, als die Nacht bereits hereinbrach. Armand Geddon von Bospor hörte ihm geduldig zu, ohne eine Zwischenfrage zu stellen, nicht einmal seine Blicke verrieten Daemon, wie er das Gesagte deutete. „Was Marcian geschehen ist, war schrecklich und ich kann sehr gut verstehen, warum du ihn nicht alleine lassen willst und ihm nachziehst. Ich denke, dass es nicht seine Schuld ist und er in etwas hineingeraten ist, was er nicht ahnen konnte. Ich werde dir helfen Marcian zu finden und wenn wir ihn gefunden haben, werde ich mir schon etwas ausdenken, damit er nicht weiter verfolgt wird. Ich verspreche dir, dass du von jetzt an nicht mehr alleine sein wirst, dein Problem ist jetzt auch zu dem Meinigen geworden. Ich werde die Götter nach Rat befragen, du kannst ja in der Zwischenzeit etwas schlafen oder etwas mit meiner Tochter unternehmen.“
„Aber das kann ich nicht von ihnen verlangen, es ist nicht ihr Problem. Ich will nicht dass Sie auch Schwierigkeiten bekommen.“, antwortete Daemon.
„Du trägst jetzt meinen Namen und ich vergebe ihn nicht leichtfertig. Alles was von nun an dein Herz belastet, belastet mein Herz ebenso schwer. Ich dulde keine Widerrede, verlass dich einfach auf mich und Sartessa. Ich denke das ist es, was dir schon dein ganzes Leben lang fehlt, kleiner Bospor. Du musst dich fallen lassen und auf jemanden verlassen.“, Armand machte auf dem Absatz kehrt und verschwand durch die Tür nach draußen.
Sich auf etwas verlassen, dachte Daemon, das hatte er wirklich noch nie getan und der Gedanke schmerzte. Warum hatte er das bisher noch nie gekonnt?
Das Einzige worauf er sich verlassen konnte, waren seine Sinne, die die Grenzen des Möglichen im Moment zu zerreißen schienen. Nachdem er erwacht war, lag er weiter ruhig und flach atmend in dem faulenden Kellerloch und konzentrierte sich ganz auf die Eindrücke, die ihm seine Sinne lieferten. Er konnte später nicht mehr sagen, wie lange er geschlafen hatte, aber es muss länger gewesen sein, als er im ersten Moment dachte. Der Geruch nach Tod lag so überdeutlich in der beinnahe stehenden Luft, dass ihm übel wurde. Es war nicht der Geruch der ihn geweckt hatte, sondern die Schritte über ihm, die bedrohlich näher kamen. Er öffnete zum ersten Mal seitdem er hier war die Augen und wünschte sich sofort, es nicht getan zu haben. Die spärlichen Fugen die nur ein wenig Fackelschein von oben herab ins Loch warfen reichten aus, um das Grauen um sich herum zu entdecken. Er befand sich in einem vielleicht zwei mal zwei Meter kleinem, rechteckigen Kellerverschlag, der zu platzen schien. In der Enge waren ein gutes Dutzend Leichen zusammengepresst gelagert, die zum Teil in grotesken Körperhaltungen da lagen, um noch verstaut werden zu können. Panische, im Tod gefrorene Augenpaare zu allen Seiten glotzten ihn aus leblosen Höhlen an und klagten stumm über ihr Schicksal. Das Schlimmste war ein Mann, der nicht viel älter als er sein konnte, ihm schienen im nachhinein die Beine gebrochen worden zu sein, damit er noch in den Verschlag passen würde. Der linke Fuß des Mannes lag direkt neben seinem Kopf und Knochen ragten aus seinem Fleisch heraus. Bittere Galle sammelte sich in Marcians Kehle und er hätte sich beinnahe übergeben, hätte nicht im gleichen Moment der Henker mit einem Ruck die Falltür über ihn geöffnet. Selbst der spärliche Fackelschein genügte, um ihn fast blind werden zu lassen, als die schützende Holzdecke über ihn, die nichts Weiteres als eine Falltür gewesen war, verschwand. Instinktiv hob er beide Hände schützend vor sein Gesicht, um das brutale Licht zu verdecken. Ein dummer Fehler, wie er sofort begriff. Marcian hörte ein erschrockenes Keuchen über ihn, aber der Henker fing sich sofort wieder und handelte. Marcian wurde an der Kehle gepackt und der Henker zog ihn mit nur einer Hand und einem qualvollen Ruck aus dem Verschlag heraus und presste ihn hart gegen die Wand. Sein Kopf schlug so grausam gegen den Stein, dass ihm schwindelig wurde und er eine warme Flüssigkeit registrierte, die sich aus seinem Hinterkopf ergoss. „Was haben wir denn da? Du lebst? Da war ich anscheinend nicht gründlich genug, aber das werde ich jetzt nachholen.“, schrie ihn der Henker an. Marcians Augen hatten sich an die Helligkeit der lodernden Flamme angepasst und er registrierte eine blitzschnelle Handbewegung des Henkers unter seinen Mantel. Etwas glänzendes, im Licht spiegelndes Tödliches kam zum Vorschein und wurde ihm an die Brust gesetzt. Er versuchte mit einer verzweifelten Bewegung sich aus dem Griff loszureißen, aber es blieb bei dem traurigen Versuch. Der Henker packte ihn noch fester an der Kehle und alleine der Druck, hätte ihn schon töten müssen, aber wie durch ein Wunder blieb er noch wach. Aber seine Glieder waren so schwer, als wäre er bereits ins Jenseits übergetreten und er hatte der Kraft des Henkers, nicht das Mindeste entgegenzusetzen. Der Henker drückte den Dolch ein stückweit in Marcians Körper hinein, nicht weit genug um ihn damit zu töten, aber weit genug um jede Gegenwehr unmöglich zu machen. Würde Marcian sich bewegen, würde er sich selbst aufspießen, erahnte noch ein letzter Teil seines Verstandes der noch in dieser Welt existierte und zu stur war, sich zu dem anderen toten Teil seines Geistes zu gesellen. Marcian öffnete mit aller Kraft noch einmal die Augen und blickte auf dem Henker hinab, was lediglich daran lag, dass der Scharfrichter ihn gut einen Meter über dem Boden mit eisernem Griff an die Wand genagelt hatte. Der Henker hatte seinen Kopf gesenkt und schien sich auf irgendetwas zu konzentrieren und stach noch nicht zu.
Dann spürte Marcian es. Etwas unbekanntes, zutiefst Feindseliges legte sich um seine Seele und griff nach dem winzigen Kern, der jedem Lebewesen innewohnt. Das kostbare Kleinod, was so viele Namen hat und so viele Umschreibungen, die Seele, das geistige Sein. Er verspürte eine Furcht, die kein körperlicher Angriff jemals auslösen konnte, etwas griff nach seinem Ich. Es war so widerlich und falsch, als würde er gefrorenes Feuer trinken, dass langsam seine Kehle hinabrann. Er wusste nicht mehr wo er war, was er tat, selbst die Erinnerung daran verblasste, wer er war. Das was man immer so leichthin als Leben bezeichnete, verlor er nicht, sein Ich verschwand langsam, aber unerbittlich. Ein Krächzen durchschnitt die Nacht. So laut und intensiv, als hätte es sich direkt von seinem Trommelfell hinaus ausgebreitet, um die ganze Stadt zu erschüttern. Ein Impuls durchzog seinen Körper und etwas Weiches klatsche gegen harten Stein. Der Griff um seinen Hals war nicht mehr da und der Druck an seinem Herzen hörte plötzlich auf. Der Henker wurde gegen die Tür geschleudert und blieb keuchend liegen. Der Dolch, der eben noch kurz davor war, Marcians Herz zu durchstoßen, lag auf dem Gang, wie achtlos weggeworfen. Er stürzte den guten Meter hinab auf den Steinboden und sank ebenfalls in die Knie. Marcians Augen fixierten sofort wieder den Henker, der wie von Schmerz gekrümmt an der Tür lag und leise keuchte. Marcian verspürte Angst, aber es war nicht die Seine. Der ganze Raum stank nach Furcht und Angst vor Etwas, was nicht sein durfte. Der Henker stank. Marcian erkannte seine Chance, genau jetzt zu entkommen, vielleicht dem Henker noch den Dolch in den Körper zu rammen, jedenfalls aber zu fliehen, doch er konnte nicht. Sein Körper verweigerte ihm immer noch beharrlich den Dienst, die Schwäche die er schon die ganze Zeit fühlte, legte sich nicht. Er musste alle Kraft aufbringen, um nicht in Ohnmacht zu fallen. Das Schicksal hatte ihm noch einmal eine Galgenfrist gegeben, die durfte er jetzt nicht verschenken, indem er den Bedürfnissen seines Körpers gehorchte. Unter Aufbietung seiner letzten Willenskraft gelang es ihm, sich hinzusetzen und den Henker anzusehen, bereit reagieren zu können, sollte er angegriffen werden, auch wenn er wusste, dass seine Gegenwehr lächerlich sein musste. „Was bist du?“, stammelte der Henker in einer schmerzverzerrten Lage mit leiser Stimme. Wie zur Antwort erschall ein weiteres Krächzen von irgendwo außerhalb des Verlieses, aber laut genug, noch hier drinnen vernommen zu werden. „Ich weiß es nicht“, gestand Marcian. Einige Minuten war es einfach nur still und keiner der Beiden sagte noch etwas, bis es der Henker schaffte, sich ebenfalls hinzusetzen, allerdings las Marcian noch immer Schmerz in seinem totenbleichen Gesicht und etwas in den Augen des Henkers war zerbrochen. „Was auch immer du bist, du bist mir überlegen. Ich habe noch nie einen Mann gesehen, der mich besiegen konnte, schon gar nicht, wenn ich ihn eigentlich schon getötet hatte. Mein Leben liegt in deinen Händen und wenn du mich für das, was ich getan habe töten willst, dann tu es. Aber wenn du mich leben lässt, kann ich dir vielleicht helfen herauszufinden, was du bist“, keuchte der Henker. Marcian war so entsetzt und verblüfft von dem, was der Mann vor ihm sagte, dass er gar nichts antworten konnte. Wieder vergingen endlose Minuten, indem Marcian versuchte seine Gedanken zu ordnen und die absurde Wendung des Schicksals zu verstehen. Der Henker schien allmählich wieder zu Kräften zu finden und richtete sich auf, während Marcian weiter sitzen blieb und spürte, dass er noch nicht wieder die Kraft hatte, sich zu erheben. Hätte der Scharfrichter in jetzt angreifen wollen, hätte Marcian sich nicht einmal wehren können, so schwach fühlte er sich noch, aber Marcian wusste mit Gewissheit, dass der Henker es nicht tun würde. Was auch immer gerade geschehen war, der Henker hatte eine solche Angst vor ihm, dass Marcian erschauderte. „Und wieso denkst du, dass du mir helfen kannst? Ich bin zum Spielball der Götter geworden und niemand kann mir erklären, was mit mir los ist.“, brachte er heraus. „Vielleicht, weil ich selber nur sehr schwer zu töten bin und ebenfalls ein Spielzeug der Götter bin.“, sagte der Henker. Marcian sah in erschrocken an und konnte in dem Blick seines Gegenübers lesen, dass er die Wahrheit sprach, so unglaublich es ihm auch schien. „Erzähl mir deine Geschichte, Unsterblicher.“, der Henker hatte sich nun vollends aufgerichtet und sah in fragend an. Was sollte es noch ändern, ob er es ihm erzählte oder nicht, Marcian könnte ihn jederzeit töten, dass wusste er. „Ein Geheimnis ist nur solange ein Geheimnis, wie man es für sich behält und wenn man es verrät, ist es auch nicht schlimm, wenn man die Person jederzeit töten kann“, lachte seine innere Stimme auf. Marcian versuchte sich in eine einigermaßen bequeme Lage zu setzten und begann mit seiner Geschichte. Ihm war die ganze Zeit über bewusst, dass er seine Geschichte einem Wesen erzählte, dass ihn gequält hatte, dass ihn mehrfach versucht hatte zu töten oder sogar schlimmeres. Aber hätte er es nicht hier und jetzt getan, wäre er wahrscheinlich aufgrund der Last, sein Geheimnis nicht teilen zu können, zu Grunde gegangen. Der Henker hörte ihm geduldig zu und unterbrach ihn nicht mal, als Marcian seine Erzählung mit dem Traum von Mada schloss. Lange Zeit schwieg der Henker einfach nur und schien alles verarbeiten zu müssen, was ihm erzählt worden war und eine Ewigkeit verstrich. „Nun kenne ich deine Geschichte und ich weiß nicht was ich davon halten soll, aber ich glaube dir. Ich bin nicht in der Lage, dich um mein Leben zu bitten, ich hätte es verdient, wenn du es auslöscht, aber ich schlage dir einen Handel vor. Du lässt mich am Leben und ich helfe dir, so gut ich kann.“, begann der Henker das Gespräch. Marcian sah ihn an und begriff sofort, dass die Worte ehrlich gemeint waren. „Ich nehme dein Angebot an. Mein Name ist Marcian und wie ist deiner?“, fragte Marcian. „Mein Name ist Legion, denn in mir sind Viele. Vielleicht bin ich nun an der Reihe dir zu erklären, wer und was ich bin, so gut ich es kann. Nenn mich wie es dir beliebt, viele nennen mich Boron, aber du kannst dir einen Namen aussuchen.“, antwortete Boron. „Ich nenn dich einfach weiterhin Henker, dann verschwindet wenigstens nicht die Erinnerung, was du mir angetan hast“, gab Marcian spöttisch zurück. Der Henker nickte. „Bevor ich dir erzähle, was ich bin, würde ich gerne wissen, was du als Nächstes tun willst.“
„Ich gehe in mein Dorf zurück und hole Mada aus ihrem Grab, so wie sie mir es im Traum aufgetragen hatte“.
„Und wenn dich die Dorfbewohner versuchen werden, daran zu hindern?“, fragte Boron. „Dann müssen sie erstmal an meinem Henker vorbei“, Marcian grinste und erhob sich.
7

Wenn ein Kind laufen lernt

Es wird geboren,
es lernt laufen,
es lernt kämpfen
und was lange währt, wird endlich böse.

Nachdem Marcian sich erhoben hatte, stand auch der Henker auf. Sie einigten sich darauf, ihre Unterhaltung an einen angenehmeren Ort weiterzuführen und der Henker führte Marcian über mehrere Abzweigungen in den Ostteil des Verlieses. Auch wenn der Weg nur einige Minuten in Anspruch nahm, so bogen sie geradezu kontinuierlich alle paar Sekunden ab und Marcian verlor die Orientierung schon nach den ersten Augenblicken. Das Verlies von Greifbach, war gigantisch und mit einer irren Perfektion so angeordnet worden, dass sich jeder Flüchtling zweifellos verlaufen musste, obwohl Marcian nicht daran glaubte, dass es der Henker jemals so weit hätte kommen lassen. Während sie die Gänge in Richtung Ostteil marschierten, besann er sich noch einmal auf die Person, die nur wenige Schritte vor ihm ging. Der Henker wirkte in seiner massigen, schwarzen Kleidung und dem hochgeschlossenen Ledermantel wie ein düsterer Prediger, gepaart mit einem Totengräber. Er schien Theorie und Praxis in einer Person zu vereinen, zu mindestens machte seine Kleidung den Eindruck danach. Nun, wo er den Henker erstmal in dem Gang deutlich sah und nicht leicht gebückt in seiner ehemaligen Zelle, korrigierte er seine Einschätzung, was seine Größe betrifft, noch einmal deutlich nach oben. Boron musste wirklich an die zweieinhalb Schritt messen und war somit der größte Mensch (?) den Marcian je gesehen hatte. Seine kräftige, muskulöse Statur wirkte eher athletisch, als wirklich massig oder grob. Auch wenn Marcian nicht viel vom Kriegerhandwerk verstand, so hatte er sich so immer den perfekten Krieger vorgestellt. Alleine seine pure Größe und sein durchtrainierter, aber nicht so massiger Körper, als dass es ihm hinderlich werden konnte, formten ein Bild des Schreckens, was wohl jeden so ergehen mochte, der gegen den Henker antrat. Bis auf den Dolch, den der Henker in der Zelle gelassen hatte, trug er keine Waffe, zu mindestens erkannte er keine. Der Blick des Henkers wanderte während ihres Marsches immer wieder unstet zu Marcian zurück und noch immer konnte er die Furcht darin lesen. Marcian wusste nicht genau was in der Zelle passiert war, aber er hatte diesen Krieger beeindruckt oder sogar verängstigt. Der Raum in den Boron ihn führte, war kreisrund in den Stein gehauen worden und die Decke lief spitz zu. An einigen Stellen an der Wand waren die Steinmauern neu bearbeitet worden, so, als hätte man einstige Löcher oder Fenster verschlossen. Obwohl sie keine Treppe hinauf oder herunter gegangen waren, um diesen Raum zu erreichen, so hatte er dennoch das Gefühl, als wenn sie sich im Inneren eines Turmes befinden würden. In dem ovalen Raum befanden sich lediglich ein kleiner Tisch, ein Regal auf den einige Krüge standen und ein mit Leder überzogener Stuhl, der seine besten Jahre hinter sich hatte. Auf dem Tisch befand sich eine Kupferschüssel die bis zum Rand mit einer dunkelroten Flüssigkeit gefüllt war, die Wein oder auch Blut hätte sein können. Die Schüssel selbst stand auf einem kompliziert aussehenden Eisengestell, darunter standen zwei Kerzen die die Schüssel gleichmäßig erhitzten. Die dunkelrote Flüssigkeit schlug kleine Blasen und wurde durch die Kerzen auf einer Temperatur gehalten, die kurz vor dem Kochen stand. Etwas in der Flüssigkeit schien sich zu spiegeln und er folgte der Spiegelung bis zur rechten Wand. An der Wand hing in einer Eisenhalterung etwas, was mit viel Vorstellungskraft an ein riesiges Schwert erinnerte, mit weniger Fantasie und mehr Realismus, als die grässlichste Waffe, die jemand bauen konnte. Das Monstrum von Waffe war mannslang und die Klinge so breit, wie der Oberschenkel eines ausgewachsenen Menschen. Es schien zweischneidig zu sein, wobei sich aber die beiden Schneiden, die zu einer verschmolzen worden waren, grundlegend unterschieden. Die linke Schneide sah bis fast zur Parierstange wie eine normale, aber gewaltige Schneide aus, aber eben nur fast. Der Letzte, ungefähr unterarmlange Teil der Schneide vor der Parierstange war mit groben, aber scharfen Kerben versehen, was den unteren Teil wie eine Säge aussehen ließ. Marcian zuckte leicht zusammen, als er sich vorstellte, was man mit der Waffe anrichten konnte, würde ein geübter Krieger nur nah genug an seinen Gegner herankommen. Er hatte nicht vergessen, wie der Henker ihn fast den Kopf abgesägt hatte und das nur mit einem Dolch. Die rechte Schneide war überseht mit kleinen von der Klinge fortstrebenden Pfeilspitzen, die in der Mitte gespalten waren und dem irgendein Mechanismus innewohnen musste. Dieses Schwert war nicht für einen fairen Kampf ausgelegt, es war da um zu zerstören. Marcian konnte sich nicht daran erinnern, jemals etwas so Menschenfeindliches gesehen zu haben, was jedem Lebenden einfach zuwider sein musste. Der Henker verfolgte Marcians starren Blick auf das Schwert und trat zwischen ihn und die mächtige Waffe. „Das ist Valavesh, mein Schwert. Ich habe es, seitdem ich denken kann oder seitdem ich angefangen habe, denken zu wollen. Ich habe es lange nicht mehr benutzt und eine Ewigkeit nicht mehr getragen. Weißt du, in einer Stadt wie dieser hier, hat man nicht soviel zu befürchten.“, Boron griente ihn an. „Was sind das für komische Spitzen an der Seite des Schwertes?“, wollte Marcian wissen. „Das ist eine ziemlich gute Frage, du analysierst schon Waffen wie ich es einst tat, ich mag neugierige Menschen. Die Pfeilspitzen sind in der Mitte geteilt und werden durch einen Schnappmechanismus zusammengehalten. Im Grunde genommen sind es Widerhaken. Das bietet im Kampf enorme Vorteile. Zum einen kann sich eine gegnerische Waffe darin verfangen und man entwaffnet den Gegner und zum anderen, nun ja, treffen die Widerhaken auf Fleisch, wird man an der Waffe festgenagelt.“, der Henker machte einen Seitschritt neben die Waffe und zog einen Dolch unter dem Mantel hervor. Er schlug blitzschnell gegen die rechte Flanke der Waffe und die Widerhaken schnappten scheppernd zu. Marcian erschrak und trat einen Schritt zurück, während sich der Henker wieder zu ihm drehte, ohne den Dolch in der Hand. Wie der Henker es prophezeit hatte, klebte der Dolch regelrecht in dem Schnappmechanismus fest. „Das ist… beeindruckend und abstoßend zugleich, Henker. Wer erfindet so etwas?“, Marcian hatte sich noch nicht ganz von dem Schock erholt, den diese Waffe in ihn ausgelöst hatte. „Ich habe sie erfunden, na ja, jemand in mir hatte die Idee um ehrlich zu sein.“, antwortete der Henker. Marcian schaffte es endgültig, seinen starren Blick von dem Schwert zu lösen, aber auch nur, um nur genauso starr und fassungslos den Henker anzuglotzen. „Einer in dir?“, wiederholte Marcian. „Ja, das ist eine lange Geschichte, vielleicht sollten wir sie uns für später aufheben, immerhin haben wir einen weiten Weg bis in dein Dorf, da bleibt genug Zeit zum Reden.“, wich der Henker aus. Marcian spürte einen jähen Zorn in sich aufflammen, der aber so schnell wieder verging, wie er kam. Boron hatte Recht, sie hatten noch genug Zeit zu reden. Eigentlich wollte er nur schlafen, wenigstens noch ein wenig, bevor sie den Marsch zurück in sein Dorf antraten. Er musste ausgeruht sein und vor allem einen klaren Geist haben, sollten sie auf die Dorfbewohner treffen. Er sah sich um und konnte nirgendwo einen Schlafplatz entdecken und zurück in die Zellen, wovon wenigstens einige mit etwas Stroh eingedeckt waren, wie er auf dem Hinweg registriert hatte, wollte er nicht. Also setzte er sich auf den einzigen Stuhl im Raum und sah müde zu dem Henker hoch. „Kann ich mich darauf verlassen, dass du dich an dein Wort hältst und mir nichts tust, während ich schlafe?“, Marcian kam sich selbst bei der Frage dämlich vor, er wusste dass der Henker ihn nicht anrühren würde, dafür hatte der Krieger zuviel Angst vor ihm, auch wenn er nicht ganz verstand, warum. „Würdest du auf etwas einschlagen, dass man nicht töten kann?“, erwiderte Boron.
„Wenn ich dumm wäre vielleicht schon.“, warf er in den Raum. „Sehe ich dumm aus?“, fragte der Henker. „Wie du aussiehst, darüber reden wir wenn ich wieder wach bin.“, grinste Marcian und schlief ein, allerdings nicht ohne noch ein ärgerliches Grummeln vom Henker zu hören, dass er in seinen nicht vorhanden Bart nuschelte.

Er schlief nicht so lange wie er es sich erhofft hatte und fühlte sich zudem noch genauso erschlagen wie zuvor. Marcian war fast dankbar dafür, das dieser Schlaf traumlos verlief, er hatte sich zwar gewünscht Mada im Traum zu begegnen, wusste aber genauso, dass er sie erst wieder sehen würde, wenn er seine Aufgabe erfüllt hätte. Wovon er eigentlich wach wurde, stellte Marcian erst nach einigen Momenten fest, er war gefesselt. Noch nicht ganz in der Realität zurück, aber dennoch weit genug in der Wirklichkeit, um kühl festzustellen, dass der Henker ihm anscheinend mit mehreren festen Seilen am Stuhl gefesselt hatte. Vielleicht war er noch nicht wach genug, damit ihn diese Erkenntnis erschrecken könnte, vielleicht gab es auch einfach den Zeitpunkt für jeden Menschen, wo nichts mehr der Antrieb für eine Gefühlsreaktion war. Boron stand wenige Schritte von ihm entfernt und hatte ihm den Rücken zugewandt, während der Henker einige Dinge auf einem kleinen Beistelltisch vor sich sortierte. Marcian kniff die Augen ein paar Mal fest zusammen und wollte gerade etwas sagen, als der Henker sich zu ihm umdrehte, in seiner linken Hand lag der gezahnte Dolch, mit dem Marcian einen frühen Teil seiner Vergangenheit verband, den er lieber vergessen wollte. Der Krieger blickte ihn erschrocken an. „Du bist wach? Oh, entschuldige. Ich mache dich wieder los wenn du es wünscht, allerdings hatte ich dir ja versprochen, dir dabei zu helfen, um Klarheit zu bekommen“, sagte der Henker mit stockender Stimme. „Klarheit wobei, Henker? So langsam bekomme ich das Gefühl, dass ich nicht mehr schlafen sollte, zu mindestens in deiner Anwesenheit, jedes Mal wenn ich aufwache, befinde ich mich in einer schlimmeren Lage.“, Marcian wusste nicht einmal weshalb, aber er war nicht zornig auf den Henker. Marcian hätte es viel mehr verwundert, wenn Boron ihn einfach hätte schlafen lassen, ohne irgendetwas zu unternehmen. „Nein Marcian. Ich kann dich jederzeit befreien, wenn du das wünscht, aber ich soll dir doch helfen herauszufinden, was mit dir geschehen ist. Na ja und manche Erkenntnis ist mit Schmerz verbunden, daher die Fesselung.“
„Hättest du mich nicht fragen können?“, fragte Marcian.
„Hättest du dem dann zugestimmt? Sei ehrlich, du hättest niemals zugestimmt, wenn ich etwas versuchen wollte, aber so erleichtert es deine Entscheidung vielleicht?“, Boron versuchte ein entschuldigendes Lächeln, was ihm gründlich misslang. „Mir war so, als hätten wir uns über Dummheiten unterhalten, bevor ich eingeschlafen bin und…“, antwortete Marcian.
„Ob ich dumm bin oder nicht, werden wir schon herausfinden, was sind schon ein paar Schmerzen gegen die Erkenntnis des Seins? Also, darf ich?“, unterbrach ihn der Henker. Marcian nickte und schloss die Augen. Er spürte wie der große Krieger sich ihm näherte und einen kalten Gegenstand an seinen rechten Unterarm führte. Marcian presste die Lider noch fester zusammen und spannte sich an. Der Schmerz war nicht so gewaltig, wie er gedacht hatte, aber schlimm genug um sich in dem Stuhl aufzubäumen und gepresst einen stummen Schrei von sich zu geben. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis sich der kalte, schneidende Gegenstand wieder von seinem Unterarm entfernte und er konnte ein verblüfftes Keuchen hören. Marcian schlug die Augen auf, die sich mittlerweile mit Tränen gefüllt hatten und sah den Henker verklärt an. „Das ist faszinierend und zutiefst ungewöhnlich“, sagte Boron, als er Marcians Blick registrierte. Marcian folgte dem Blick des Henkers bis zu seinem eigenen Unterarm und sah einen tiefen Schnitt, der sich vom Handgelenk waagerecht bis zum Ellenbogen heraufzog. Der Schnitt war tief genug um die beiden leicht auseinander stehenden Hautlappen zu erkennen und den Riss, der sich dem Arm hinaufschlängelte. Bis zu diesem Zeitpunkt, wäre Marcian mit dem Anblick fertig geworden, allerdings hatte sein Verstand sich den gröbsten Scherz bis zu Letzt aufgespart. Die ganze Zeit während er auf seinen Unterarm starrte, sah er, aber erst jetzt verstand er, was dort wirklich zu sehen war. Nichts, es war kein Blut aus der Wunde gequollen. Sein gesamter Unterarm war von der Handfläche bis zum Ellenbogen aufgeschnitten und kein Tropfen Blut war zusehen. Wie ein wildes Tier griff die Furcht ihn hinterrücks an und überrannte ihn einfach. Mit tosendem Geschrei war sie wieder da, nicht mehr verdrängbar, nicht mehr ausschaltbar, sie war einfach da und durchschüttelte seinen ganzen Leib wie ein Sturm einen dürren Baum. Furcht. Was war er, was ist er geworden. Er wusste es nicht. Sein Leben war zu einem Spielball der Götter geworden, einer Harfe, deren Klänge schon längst von einen anderen Macht beherrscht wurden. Dünner als der Lebensfaden selbst, erschütterte ihn die Erkenntnis etwas geworden zu sein, dass er selbst nicht mehr in Worte fassen konnte. Was passierte mit ihm? Waren die Götter wirklich so grausam ihn zu einem Spielzeug zu machen und ihn nicht einmal an der Erkenntnis teilhaben zu lassen. Marcian blickte noch ein weiteres Mal auf seinen Unterarm und sein Erschrecken wurde zur unwiderruflichen Erkenntnis, er blutete nicht. Es war vielmehr so, als wenn sein Körper den essentiellen Lebenssaft nicht mehr beherbergte, wie ein widerspenstiger Geist, der keine Widersprüche mehr in seinem Leben aufwies. Er blickte den Henker an und versuchte in seinen Augen eine Antwort auf seine stumme Frage zu finden, was ist mit ihm gesehen. Der Henker blickte ihn traurig an. „Marcian, ich weiß nicht wer du bist oder was du bist, aber das was gerade passiert ist, habe ich noch niemals zuvor erlebt. Nicht einmal bei Wesen meiner Gattung. Was zum Teufel bist du?“, fragte ihn der Henker. Marcian saß noch immer geschockt wie der sprichwörtliche verwurzelte Baum auf dem Ledersessel und konnte keine Antwort auf die Frage geben. In Gedanken versuchte er noch einmal sein bisheriges Leben ablaufen zu lassen, immer wieder suchend, nach einer Lösung die die Erkenntnis um seiner selbst Willen aufzulösen vermochte. Es gelang ihm nicht. Er wusste nicht, was er geworden war, geschweige denn, was er werden würde. Denn um Eines war er sich sicher, wie noch nichts in seinem Leben zuvor, was auch immer mit ihm passierte, es war ein stetiger Prozess, der noch nicht vollendet war. Seinen Schrecken verbergend blinzelte er den Henker aus ausdruckslosen Augenhöhlen an und wollte so etwas wie eine Frage in seinen Blick legen. „Schau mich nicht so an, es war nur eine Probe. Ich dachte ich könnte damit herausfinden wer oder was du bist, aber ich weiß es nicht. Was auch immer mit dir geschehen ist, du brauchst anscheinend kein Blut, um zu existieren, was meine Theorie widerlegt, dass du einer der Unseren bist.“, sagte er Henker nach einigem Zögern. Marcian antwortete nicht sofort, dafür saß der Schrecken seiner beinahe Erkenntnis viel zu tief. Dennoch stammelte er nach einigen Sekunden des Zauderns hervor:“ Ich dachte du wolltest mir damit helfen, zu erkennen wer ich wirklich bin?“
„Nun, ich versuche deine Existenz auf dem logischen Ausschlussverfahren zu begründen. Definitiv fest steht, dass du keiner der unserigen Art bist.“, raunte ihm Boron entgegen. Marcian zwang seinen Verstand, wieder in die Realität zu gleiten, Panik würde ihm jetzt nicht helfen, auch wenn er die unsichtbare Schwelle so kurz vor dem Überschreiten war. „Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass du mir erklärst, wer oder was du bist, Henker!“, fragte Marcian. Der Henker schloss für einen kurzen Moment die Augen und setzte sich mit dem halben Unterleib auf die Tischkante. Selbst jetzt noch, wirkte er wie ein riesiges Raubtier und Marcian erkannte, dass die vermeintlich bequeme Stellung des Henkers keinesfalls so entspannt war, wie er es vorzutäuschen versuchte. Boron war gespannt und äußerst aufmerksam. „Ich weiß nicht viel, über mich selbst oder über das, als was ich gemeinhin bezeichnet werde, aber das Wenige das ich weiß, will ich dir erzählen. Vielleicht betrachtest du dies als Pfand für mein Leben, über das du das Verfügungsrecht besitzt.“, der Henker stand auf und verbeugte sich knapp. Marcian nickte und deutete Boron an fortzufahren. „Man nennt mich Wrukolakas oder Wesen wie mich. Der Begriff stammt aus meiner Heimat, aber überall auf der Welt hat man andere Namen für das, was ich bin. Ursprünglich kommt der Begriff glaube ich, aus dem makedonischen Raum, wo Wesen wie wir zuerst auftraten. Wie der Begriff in diesem Raum ist, weiß ich nicht. Ich komme aus Griechenland, wo der Mythos um unsere Art von den slawischen Einwanderern in meine Heimat getragen wurde. Ich lebe jetzt schon seit mehr Jahren, als du gelernt hast zu zählen, junger Freund. Als ich noch jung war, erkrankte ich nach einer Schlacht. Die Waffe eines meiner Gegner zerfetzte meinen linken Arm und dessen Waffe grub sich bis in den Knochen. Ich starb nicht an der Verletzung, aber ich wurde krank. Wochenlang wurde mein Körper von Fieber durchschüttelt, bis ich schließlich einschlief. Meine Mitstreiter begruben mich, weil sie dachten ich wäre bereits tot. Die Heilkunst war damals noch nicht so fortschrittlich, wie sie es heute ist. Bis hierhin ahnte ich noch nicht, was das Schicksal mit mir vorhatte. Es war ein Ritus meiner alten Heimat, das Grab eines Kriegers nach vierzig Tagen wieder zu Öffnen, um festzustellen, ob der Leichnam auch wirklich verwest. Die Angst vor lebenden Untoten und Dämonen war zu dieser Zeit stark verbreitet.“, Boron brach ab und musterte Marcian sehr genau. Marcian tat ihm nicht den Gefallen, seine wahren Gedanken durch seine Mimik zu verraten. Der Henker stand auf und bewegte sich auf sein Schwert zu. Langsam und fast zärtlich strich er über die Klinge, während er leise weiter sprach: „ Natürlich war ich nicht verwest, wie denn auch. Die Narren haben mich zu schnell begraben, ich lebte ja noch. Leider war es mir nicht vergönnt, die ganze Zeit über im Grab zu schlafen. Ich erwachte am fünften Tag und war fast fünfunddreißig Tage unter der Erde eingesperrt, wie ich Luft bekam oder weshalb ich nicht verdurstet bin, weiß ich bis heute nicht. Als sie das Grab öffneten und mich lebend vorfanden, hielten sie mich für einen Dämon, einen Untoten. Sie zogen mich heraus und wollten mich noch am gleichen Abend enthaupten, pfählen und verbrennen. Ebenfalls eine typische Vorgehensweise bei Dämonen.“, Boron lachte hässlich und Marcian konnte den Hass, der sich aus der Erzählung heraus im Raum wie unsteter Nebel ausbreitete, beinnahe schmecken. Er wagte es nicht, den Henker zu unterbrechen, sondern nickte nur stumm, als sie Boron umdrehte und ihn ansah. „Sie kamen nicht dazu. Bei Sonnenuntergang hörte ich aus meinem Gefängnis heraus Schreie, Lärm von Kampf und Tod. Mein Kerker hatte war fensterlos, aber ich konnte das Blut riechen, das über mir vergossen worden war. Irgendwann hörten die Schreie auf und es wurde gänzlich still. Jemand brach das Schloss meines Kerkers auf und ich konnte gehen. Meine Angst hielt mich fester, als jede Fessel es hätte tun können. Ich blieb in dem Kerker, noch drei Nächte lang. Zu groß war die Angst vor dem Schrecken, der mich erwarten würde. Als ich dann den Kerker verließ und mich in der Stadt umsah, war alles tot. Jede einzelne Seele wurde auf grausamste Art niedergemetzelt und die Stadt stank nach Verwesung. Am Rande der Stadt sah ich einen einzelnen Reiter der mich von weit her grüßte und dann verschwand. Ich kann dir nicht sagen, wer dieser Reiter wirklich war, aber ich hatte das Gefühl, dass es der Krieger war, der mir die Armverletzung beigebracht hatte. Ich stand in einer Stadt, ohne Leben und wendete mich ab. Auf vielen Umwegen kam ich dann hierher und nahm die Position des Henkers ein. Seit dieser Zeit, ist so viel mit mir geschehen und meine Reisen würden Bücher füllen, aber das war der Anfang.“
„Du bist kein Mensch mehr, habe ich Recht?“, fragte Marcian. „Nein, ich bin kein Mensch mehr, aber auch kein Dämon, auch wenn alle mich so bezeichnen. Ich weiß nicht was ich bin, aber ich konnte einige Dinge in der langen Zeit über mich herausfinden.“, antwortete der Henker.
„Das Töten der Gefangenen hier und die Schale mit Blut auf diesem Tisch gehören wohl dazu? Erklär es mir!“, forderte Marcian.
Boron zuckte mit den Schultern und versuchte zu Lächeln, während er sich wieder dem Schwert zuwandte und Marcian den Rücken zudrehte.
„Ja das hat es. Ich brauche Blut um zu Überleben. Seit diesen Tagen in dem Grab, brauche ich es. Mein Körper lebt nicht mehr wirklich, dennoch brauche ich Blut, damit er weiter arbeiten kann. Das Problem ist, das mein Blut gerinnt, so wie es bei allen Toten passiert. Wenn mein Blut gerinnt und verklumpt, kann es meinen Leib nicht mehr antreiben, deshalb benötige ich das Blut anderer Menschen. Die Vorrichtung auf dem Tisch, hält das Blut bei einem Hitzezustand, der kurz vor dem Kochen steht, damit es nicht gerinnt. Regelmäßig führe ich mir das gesammelte Blut zu, die Vorrichtung auf dem Tisch, ist sozusagen mein Gerät, damit es frisch bleibt. Damit du Fleisch lange essen kannst, salzt du es doch auch, oder? Nichts anderes tue ich mit dem, was ich zum Leben brauche.“, Boron tippte mit dem rechten Zeigefinger in das blubbernde Blut auf dem Tisch und leckte seinen Finger ab. Marcian verzog angeekelt das Gesicht und sah ihn auffordernd an. „Du trinkst es?“, fragte er.
„Nein, das ist auch wieder nur eine Sage, die sich die Menschen ausgedacht haben. Würde ich es trinken, würde sich das Blut in meinem Magen sammeln und mir nichts nützen. Ich benutze einen Aderlass, ein aus meiner Heimat entwickeltes Gerät, um Blut von einem Körper in den Leib eines Anderen zu transportieren. Man setzt einfach zwei Kanülen an die Halsschlagader des Delinquenten an und setzt sich selbst ebenfalls Kanülen in die eigene Armvene. Mittels einer sehr komplizierten Technik, die auf Druck beruht, wird dann das Blut transportiert. In einigen Regionen denken die Menschen daher, wir saugen dem Opfer das Blut aus, weil die Kanülen zwei raubtierähnliche Abdrücke am Hals hinterlassen, aber dieser Glaube ist Unfug und anatomisch zutiefst unlogisch. Da mir dieser Prozess einfach zu lange dauert und ich gerne einen gewissen Vorrat beherberge, habe ich mich für diese Form der Vorratshaltung entschieden.“, der Henker deutete auf die komplizierte Eisenvorrichtung auf dem Tisch.
Marcian sah den Henker verwundert an und versuchte, seinen Gedanken zu ordnen. Er selbst hatte von solchen Wesen auch schon gehört, allerdings nannte man sie in seiner Heimat Dhampir und die Menschen glaubten wirklich daran, dass Dhampire ihre Opfer aussaugten. Marcian verstand nichts von der Anatomie der Menschen, aber irgendwie klangen die Argumente des Henkers, selbst in seinen Augen logisch, vielleicht auch gerade weil er den Mythos kannte, wenn auch unter anderem Namen. „Gut, ich glaube dir. Das mit dem Blut kann ich verstehen, aber wieso hatte ich das Gefühl, du würdest an meiner Seele reißen, als du mich töten wolltest?“, Marcian setzte sich etwas in dem Stuhl auf und blickte den Henker fragend an. „Nun, vielleicht weil es auch so war. Darüber weiß ich noch am Wenigstens, aber ich versuche es dir mit meinem wenigen Wissen zu erklären. Als ich in dem Grab lag und vielleicht sogar dort starb, starb auch ein Teil meiner Seele. So als wenn ein Teil meines Geistes schon ins Jenseits gewandert wäre. Das Blut versorgt die Seele und lässt sie denken, erfassen und kombinieren. In den Zeiten, wo ich nicht an Blut kam, verschwanden Teile meines Verstandes, meiner Erinnerungen und meiner Selbst. Stell dir vor, als ich starb, war ich ein grobes Stück Holz und der Tod, war die Axt der das Holz in tausend Teile spaltete. Mein Geist war nun noch immer vorhanden, nur zerstreut in etliche Späne. Dann kam die Zeit, in der ich nicht darum wusste, dass ich Blut zu mir nehmen musste und einige Splitter verfielen und waren irgendwann einfach weg. Du kannst es auch einen Prozess der Seele nennen, die langsam verwest, wenn du den Körper nicht mit frischem Blut versorgst. Nun hinterließen die fehlenden Splitter ja einen leeren Platz und in dem ich Menschen töte, kann ich im Angesicht ihres Todes einige ihrer Splitter, Erinnerungen oder Talente in mich aufnehmen. Ich sah auch nicht immer so aus, wie ich jetzt wirke. Lasse ich willentlich Teile meines Selbst sterben, so kann ich sie durch Teile einer anderen Existenz ersetzen. Dadurch verändert sich mein gesamtes Wesen, geistig sowie körperlich. Ich konnte nie schmieden, doch irgendwann, ohne es zu erlernen, konnte ich es. Irgendwann dann habe ich herausgefunden, dass einige meiner getöteten Feinde wohl Schmiede gewesen sein mussten und ich deren Talent in mich aufgesogen hatte. Das Schwert an der Wand, habe ich selbst geschmiedet oder eben jemand in mir. Man mag dies vielleicht als Segen ansehen, aber umso mehr Splitter ich aufnehme, umso mehr vergesse ich wer oder was ich selbst bin, selbst war.“
„Das ist unglaublich. Das ist Wahnsinn. Wenn es wirklich so ist, dann haben sich die Götter von dir abgewendet und du bist kein Mensch mehr.“, brach es aus Marcian heraus. Der Henker machte einen weiteren Schritt auf ihn zu, bis er wieder diese grässliche Gottesanbeterinnenhaltung angenommen hatte, die ihn noch weitaus gefährlicher zu machen schien.
„Du bist auch kein Mensch mehr, Marcian. Du bist nicht, was ich bin, aber du bist auch definitiv kein Mensch mehr. Finde dich damit ab. Tröste dich damit, dass du wahrscheinlich etwas Mächtigeres bist als ich, deine Seele konnte ich nicht nehmen. Hätte ich weiterhin nach deiner Seele gegriffen, wäre ich bei dem Versuch aus der Welt gerissen worden. Was auch immer du bist, deine Seele trieft vor Hass, alles und Jedem gegenüber. Ich werde Vorkehrungen treffen, damit wir nach deiner Ohnmacht zu deinem Dorf reisen können.“, warf ihm der Henker zornig entgegen. „Was? Welche Ohnmacht, ich bin doch wach!“, schrie Marcian ihm entgegen. Boron zeigte mit der ausgestreckten Hand auf Marcians Unterarm und er folgte seinem Blick. Die lange, scharf geschnittene Wunde war verschwunden, vollständig geheilt wie nie da gewesen. Der Schreck umhüllte seine Gedanken in unendliche Dunkelheit.
Der Schreck saß noch tief, aber er merkte auch, dass ihm lediglich die Wahrheit gesagt worden ist. Er meinte es ehrlich mit ihm und er würde ihm helfen, dass wusste er. Nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte, kam endlich das erleichternde Gefühl, sich wirklich geborgen fühlen zu können. Armand hatte Recht, er konnte noch nie in seinem Leben einen anderen Menschen wirklich vertrauen, doch er musste es. Daemon sah Armand von Bospor noch einen kurzen Moment nach und entschloss sich dann, nach Sartessa zu suchen. Es dauerte nicht lange, bis er sie in einem kleinen Nebenraum der Villa fand. Sie stand vor einer winzigen Kochnische, in der ein schwerer Kupferkessel über einem viel zu kleinen Feuer bedenklich zu beiden Seiten wankte. Sartessa gab dem Kessel immer wieder mit beiden Händen einen Anstoß, so dass er nicht aufhörte, schwerfällig über dem Feuer zu pendeln. Daemon stellte sich neben sie und betrachtete die Flüssigkeit, die in dem Kessel brodelte, es war nichts weiter als Wasser. „Was machst du da?“, fragte er. Sartessa schaute zu ihm hoch und streckte ihm ihre Handflächen entgegen, die eine ungesunde dunkelrote Farbe angenommen hatten. Als wäre das Erklärung genug, wandte sie sich wieder ihrer Aufgabe zu, dem Kessel wieder Schwung zu geben. Verdutzt stand Daemon einige Momente da, bis ihm schließlich der sprichwörtliche Kragen platzte.
„Was soll mir das jetzt sagen? Du schubst einen heißen Kessel an und bist anscheinend noch stolz auf deine Verbrennungen?“, meckerte er Sartessa an. „Ja, so kann ein ungeübtes Auge das sehen, so ist es aber nicht. Ich trainiere meine Schmerzgrenze und meine Empfindungen. Ich will herausbekommen, wie schnell ich sein muss, um mir nicht weh zu tun. Umso schneller du den Kessel anstößt, also umso kürzer du ihn berührst, umso weniger tut es auch weh. Das gibt dir den Willen dazu, schnell zu sein, wenn es sein muss.“
„Ja, das versteh ich schon, aber warum tust du es? Ich meine, warum trainierst du es?“, fragte er. Sartessa hörte endgültig auf den Kessel anzuschubsen und richtete sich vollends auf. Sie ging einige Schritte zu einem kleinen Regal und zauberte einen Krug Wasser mit zwei Holzbechern auf den Tisch. Daemon sah ihr zu wie sie beide Becher füllte und ihm andeutete, sich zu setzen. Er folgte ihr gehorsam und sah sie fragend an. „Es ist ganz einfach Daemon. Auch wir werden irgendwann einmal kämpfen müssen, das bringt unser Leben mit sich. Es gibt Lebewesen, die sich nicht darum scheren, ob du ein Kind bist, wenn du ihnen im Weg stehst. Den einzigen Vorteil den wir haben, sind unsere Gewandtheit und unsere Schnelligkeit. Deshalb trainiere ich so häufig und versuche auch immer zu rennen, anstatt zu gehen, ganz gleich wo ich hin will.“
„Deshalb hetzt du mich immer durch die Stadt und ich muss dir immer hinterher rennen?“, fragte Daemon mit einem lahmen Lächeln. Sartessa setzte ein pflichtbewusstes Grinsen auf, entkräftete es aber sofort wieder, indem sie mit dem Kopf schüttelte. „Nein, das ist nur ein netter Nebeneffekt. Ich bin es halt gewohnt, dass man mir hinterher rennt. Immerhin bin ich doch das Mädchen. Außerdem tust du das doch glaube ich ganz gerne oder?“, fragte Sartessa mit einer Mimik, die ihrer Frage jegliches Fragezeichen nahm. Daemon flüchtete um eine Antwort herum, indem er einen tiefen Schluck aus dem Becher nahm und nur mit den Schultern zuckte. Sartessa nahm es gelassen entgegen und zuckte ebenfalls mit den Schultern. Gerade als die sich ausbreitende Stille unerträglich zu werden schien, hörten beide einen Ruf aus einem anderen Teil der Villa. „Sartessa, ich will dich sprechen, beeil dich bitte“, rief von Bospor. Sie deutete Daemon an, hier auf ihn zu warten und verschwand durch die niedrige Tür. Nur wenige Momente später trat sie wieder ein und etwas hatte sich in ihrem Blick verändert. Sartessa wirkte auf eine erhabene Art äußerst kühl und ruhig. „Willst du dir den Namen Bospor wirklich verdienen?“, fragte sie ihn. Daemon stand auf und sah sie aus großen Augen an. Etwas hatte sich verändert. Musste er jetzt seinen Teil dazu beitragen, weiterhin bei der Familie Bospor bleiben zu dürfen? Er nickte. Sartessa ging auf ihn zu und öffnete mit einer flinken Bewegung seine linke Hand. Als sie seine Hand wieder schloss, fühlte er einen kleinen Lederbeutel, den sie ihm in die Hand gelegt hatte. „Was soll das alles?“, fragte er. „Du wirst uns einen kleinen Dienst erweisen, damit du mit uns ziehen darfst. Ich selbst kann es nicht tun, weil zu viele Leute wissen, dass ich Armands Tochter bin, also liegt es nun an dir. Ich werde dir sagen, was du zu tun hast, wenn wir am Ziel angekommen sind.“
Wieso wirkte sie auf einmal nicht mehr wie das kleine Mädchen, dass er kennen gelernt hatte. Wieso fürchtete er sich fast vor ihr, während sie aber auch eine Kraft und Autorität ausstrahlte, die ihn auf nie bekannte Weise erregte und nervöse Wellen des Unbekannten durch seinen Körper jagten? Daemon stellte sich demonstrativ fest hin und richtete seinen Körper gespannt ihr entgegen, seine Augen nickten stumm. „Gut, unser Ziel befindet sich zurzeit auf dem Marktplatz in der Nähe des Südtores. Sobald er seinen Einkauf beendet hat, wird er wieder abreisen und wir haben keine Möglichkeit mehr, ihn zu erreichen, wir müssen uns also beeilen. Es sind mehrere hundert Meter bis zum Südtor.“
„Dann haben wir ja noch genug Zeit auszutrinken oder?“, scherzte Daemon. Sartessa schüttelte nur verständnislos den Kopf und verschwand durch die Tür. Warum musste er immer so lahme Scherze versuchen, um seine Nervosität zu überspielen. Innerlich fluchend rannte er ihr hinterher.

Der Marktplatz am Südtor war bedeutend kleiner als der Handelsplatz mittig der Stadt. Es schien so, als wenn hier nur handwerkliche Waren feilgeboten werden würden, essbare Waren fand er hier nicht. Doch obwohl der Platz kleiner war, hinderte es die Menschen nicht daran, ihn ebenso zu überlaufen. Mehr als einmal wurde er grob hin und hergeschubst, bis er sich wieder auf das Treiben der Masse in die wenigen möglichen Richtungen einstellen konnte. Sartessa und er traten aus der Masse aus um neben einem kleinen Handelsstand für Eisenwaren durchatmen zu können. Der rechteckige Platz vor ihnen nahm wohl nicht mehr als zwanzig Meter zu allen Richtungen ein, bevor er sich an hohen Fachwerkhäusern zerrieb und wieder zu etlichen Nebenstrassen wurde, allerdings schienen die Menschen hier in die Hunderte zu gehen. Die wenigen gut besuchten Stände bildeten Menschenschlangen die den gesamten restlichen Fluss zum Erliegen brachten, so dass es an einigen Stellen schon bedrohlich eng für einige Personen wurde. Der Begriff „fest stecken“ schien hier eine völlig neue Bedeutung zu bekommen. Der nördliche Teil des Platzes lag fast vollkommen im Schatten, obwohl die Sonne zu dieser Zeit ihren Höchststand hatte. Eine mehrstöckige Kapelle des Mars erschlug mit ihrer Wuchtigkeit den nördlichen Teil und spendete den gewaltigen Schatten, in dessen Nähe sich wohl die schlausten Händler zurückzogen, um nicht den gesamten Arbeitstag in der brennenden Hitze verbringen zu müssen. An allen anderen Stellen des Platzes, konnte man es nicht wagen den Kopf gen Himmel zu ragen, ohne mit einigen Sekunden Blindheit geschlagen zu werden.
„Schau dort hin“, merkte Sartessa an, während sie mit ihrer Hand nach Süden deutete. Daemon sah zwei Gardisten die sich im Halbschatten eines Hauses zurückgezogen hatten, wo sie zwar noch den Großteil des Platzes überblicken konnten, aber nicht in ihren Lederrüstungen gebraten werden würden. Sartessa stupste ihn von der Seite an und deutete zu einem Mann, der sich nicht weit entfernt der Gardisten in eine Menschenschlange eingereiht hatte, die sich vor dem Stand eines Hufschmieds gebildet hatte. Der Mann trug einfache Kleidung aus Leder, hatte zerzottelte ungewaschene Haare die sich wie Raupen über sein Gesicht zogen und wie an einem Stamm entlanghangelten. Er hatte die dreißig Sommer wohl gerade überschritten und fiel in der Menge nicht weiter auf. Ein Mann wie jeder Andere auch, schoss es Daemon durch den Kopf. „Das denkst du nur, er ist nicht das, was er vorzugeben scheint. Er ist unser Ziel, unsere Aufgabe. Bevor ich dir sage, was mein Vater von dir fordert, will ich dir zeigen, dass nicht immer alles so aussieht, wie es scheint. Warte hier und achte genau darauf, was der Mann macht.“, bat Sartessa ihn. Konnte sie seine Gedanken lesen oder zeigten sich seine Gedanken immer so deutlich in seinem Gesicht. In jedem Fall wirkte es und Daemon fühlte sich noch unbehaglicher in ihrer Gegenwart, so als wäre sie ihm vollkommen fremd. Doch bevor er Gelegenheit hatte weiter darüber nachzudenken, war Sartessa in der Masse verschwunden. Daemon richtete seinen Blick vollkommen auf die Person vor dem Hufschmied und versuchte alle Reize um ihn herum auszublenden. Gespannt beobachtete er die Person und versuchte irgendetwas Außergewöhnliches an ihr zu entdecken, aber da war nichts.
Schon als Daemon den Blick wieder abwenden wollte, erblickte er Sartessa nur wenige Meter von der Person entfernt. Sie hatte einen kleinen grauen Kieselstein in der Hand, den sie auf die Person warf. Noch bevor der Kieselstein sein Ziel traf, war sie wieder in der Menge verschwunden und Daemon musste sich beherrschen, auf den Mann zu achten und nicht mit seinen Blicken Sartessas Schritte zu verfolgen. Der Stamm mit den etlichen Raupen wurde an der Schulter getroffen und drehte sich blitzschnell um, wobei seine Hand an die rechte Hüfte glitt, wo sich allerdings nichts befand, außer einem Lederbeutel indem wohl einige Münzen waren. Etwas in Daemon sagte ihm, dass es genau das war, was Sartessa ihm zeigen wollte. Genau dies war ungewöhnlich an dem Mann, aber er konnte es noch nicht richtig einordnen. „Normalerweise trägt dieser Bauer da, ein Kurzschwertschwert an der Hüfte. Er hatte den Kieselstein für eine Bedrohung gehalten und ganz instinktiv nach seinem Schwert greifen wollen, was er allerdings momentan bei seiner Verkleidung nicht trägt. Menschen verraten sich durch ihre Handlungen, nicht durch ihr Erscheinen. Wie viel Bauern kennst du, die eine Waffe tragen und danach greifen wollen, wenn sie sich bedroht fühlen?“, Sartessas Stimme schnitt sich von hinter ihm in seinen Verstand. Daemon drehte sich mit einem Ruck um und sah in das verschmitzte Grinsen eines wunderschönen Mädchens, die ihm wieder völlig vertraut schien. „Du hast Recht, das ist wirklich ungewöhnlich. Aber warum tut er so, als wenn er ein Bauer wäre, wenn er doch gar keiner ist?“, fragte er. „Du musst noch viel lernen, du machst die gleichen Denkfehler, die ich auch einmal tat, das ist belustigend zu sehen“, antwortete Sartessa lächelnd. Sollte er sich jetzt gekränkt fühlen? Machte sie sich über ihn lustig? Daemon versuchte eine grimmige Miene aufzuziehen und sie herausfordern anzusehen, doch dazu müsste er ihr ins Gesicht blicken. Er würde wieder dieses wunderschöne Lächeln sehen, das im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernde Gesicht und die strahlenden, gut gemeinten großen Augen. Er wusste dass er ihr nichts vormachen konnte, also flüchtete er sich wieder in ein neutrales Achselzucken. Sie deutete auf den Lederbeutel, den Daemon noch immer in der Hand trug. Er öffnete ihn und erkannte ein schlohweißes Pulver, sonst nichts. Stirnrunzelnd schaute er Sartessa an. „Das ist zerriebene Kreide, völlig harmlos. Reib deine Handflächen damit ein.“, befahl Sartessa. Daemon tat, wie ihm geheißen wurde und schaute wieder zu dem Mann in der Schlange. Er stand an zweiter Stelle und würde gleich zum Handel mit dem Schmied kommen. „Gleich werden die Mittagsglocken erklingen. Sobald das geschieht, wirst du dich ihm nähern und mit deiner rechten Hand seine Schulter berühren. Tue so, als wenn du ihn nur ganz zufällig anrempelst. Besser noch, er merkt gar nichts davon. Bevor der zwölfte Glockenschlag erklungen ist, musst du wieder bei mir sein. Sollte irgendetwas schief gehen, renn los, wir treffen uns dann bei meinem Vater im Haus. Alles verstanden?“, ihr Blick wurde wieder vollkommen ausdruckslos und ihr Lächeln verschwand. Er wusste, dass sie ihm keine Erklärung dafür geben würde, warum er das tun sollte, noch nicht. Daemon wandte sich vollkommen von Sartessa ab und taxierte mit seinen Blicken den Mann beim Hufschmied. Nach einigen Sekunden schien sich sein Verstand völlig auf die Person eingestellt zu haben. Daemon hatte fast das Gefühl, mit ihm zu atmen, seinen Herzschlag zu spüren. Der erste Glockenklang durchbrach die Stille, die sich über Daemons Denken gelegt hatte.
Er ging los, sorgfältig darauf bedacht, niemanden anzurempeln. Der zweite Glockenschlag. Der Mann rückte nun an die erste Stelle und begann mit dem Hufschmied zu reden. Der dritte Glockenschlag. Daemons Herz schien fast zu zerspringen und seine Knie wurden langsam weich vor Aufregung. Es waren nur noch wenige Schritte bis zu ihm, Daemon atmete flacher und seine Konzentration stieg noch einmal an. Beim vierten Glockenschlag erreichte er den Mann. Daemon war für einen kurzen Moment völlig bewegungslos, das Adrenalin in seinem Körper strömte nun so schnell, dass er das Gefühl hatte, gar nicht mehr handeln zu können. Seine Gedanken überschlugen sich und er brachte seinen Verstand nur noch mit letzter Mühe in die Realität zurück um seine Aufgabe zu erfüllen. Daemon berührte den Mann an der Schulter und ein grobflächiger Abdruck von Kreidepulver blieb auf der dunklen Lederkleidung zurück. Als der fünfte Glockenschlag erklang, spürte Daemon einen Ruck an seinem Arm und wurde grob herumgerissen. Der Mann starrte ihn aus übergroßen Augen an und ein böses Funkeln zeichnete sich in seinen Augen ab. Die Lippen des Mannes verzogen sich zu einem dunklen Strich, der Daemons Blut zum Kochen brachte. Der sechste Glockenschlag. „Wolltest du mich etwa beklauen?“, fragte der Mann, während er mit der Hand nach seinem Geldbeutel griff. Daemon schüttelte stumm den Kopf. Es war ausweglos, Panik begann sich wie Säure seine Adern hoch zu bewegen um in seinem Kopf zu explodieren.
Der siebente Glockenschlag holte ihn wieder in die Realität zurück. Prüfend sah der Mann Daemon an und betastete seinen Geldbeutel. „Tut mir leid, kleiner Mann. Ich wurde schon oft beklaut, aber allem Anschein nach, ist noch alles da wo es hingehört“, sagte der Mann. Der achte Glockenschlag. Der Bauer (?) vor ihm strich ihm gutmütig durch die Haare und verwuschelte sie, wie ein Erwachsener es bei einem kleinen Kind tut. Daemon Instinkt schrie ihn an, dass er wegrennen sollte, aber er blieb wie angewurzelt stehen. Der neunte Glockenschlag. „Du kannst gehen, aber sei das nächste Mal vorsichtiger“, sagte der Mann und drehte sich wieder zum Schmied um, der ungeduldig zu warten schien. Daemon blieb noch eine Sekunde reglos stehen, bis der zehnte Glockenschlag wie ein Trommelfeuer in seinen Ohren hallte und er sich in Gang setzte, wieder auf Sartessa zuzugehen. Als der Glockenturm zum elften Mal seinen Dienst verrichtete, durchschnitt ein dünnes Zischen die Luft und Daemon spürte einen Luftzug dicht neben seinem Ohr.
Der zwölfte Glockenschlag wurde durch ein gurgelnden Schrei von hinter ihm begleitet und die Menge um ihn herum kreischte auf. Ohne sich umzudrehen, wohl wissend einen sterbenden Mann zu sehen, rannte er los. Sartessa war nicht mehr zu erkennen, so schlug er den schnellsten Weg zum Haus des Vaters ein. Die Masse um ihn herum wand sich zu einem grauen Klecks, die Gassen und Schneisen durch die menschlichen Barrieren taten sich vor ihm strahlend auf und seine Sehnen brannten wie Feuer, als er der Kraft freien Lauf ließ und sich in unmenschlichen Tempo fortbewegte. Im Augenwinkel erkannte er einen hell gekleideten Schatten der sich über die Dächer fortbewegte und die gleiche Richtung einschlug wie er, zurück zu von Bospor.
Als Daemon am Haus ankam war die Tür nur einen Spaltbreit auf und Sartessa winkte ihn wild fuchtelnd herein. Daemon erspähte noch einmal den hellen Schatten, der sich wie ein Raubvogel auf den Dachsims der Villa niedergelassen hatte und die Umgebung mit wachen Augen taxierte. Er konnte gerade noch erkennen, dass es sich um einen Menschen handelte, der in einem weißen Gewand kniend zu ihm niederblickte. Einen Moment später wurde er von Sartessa so rücksichtslos durch die Tür gezerrt, dass er auf den Steinboden der Villa knallte und für einen kurzen Moment mit der Bewusstlosigkeit kämpfen musste.
„Willkommen Daemon Bospor“, hörte er Armand von Bospors Stimme über ihn.


8

Der Hirte schlachtet die Herde

Rache ist ein feines Brot,
es nährt dich und schmeckt gut,
mach sie einfach alle tot,
wohl an, hab nur Mut

„Wir sollten hier noch mal eine Rast einnehmen, bevor uns kein Moment mehr bleibt, darüber nachzudenken, was wir tun werden“, sagte der Henker. Das kleine Dörfchen lag in stiller Traurigkeit vor ihnen und Marcian musste sich beherrschen, um nicht seine wahren Gefühle herauszulassen. Seine Heimat war zu einem fremden, unbekannten Stückchen Land geworden, das im tiefen Dämmerlicht des vergehenden Tages bereits tot dalag, obwohl noch Leben in ihm herrschte. Boron und Marcian hielten nur wenige hundert Meter vor dem Dorf inne, um sich noch einmal in Gedanken versunken niederzulassen. Marcian sah keine Menschen mehr auf den Trampelpfaden des Dorfes und nur in wenigen Hütten brannte das Licht. Wie schon immer waren seine ehemaligen Freunde, Nachbarn und Verwandte früh zu Bett gegangen, um ihr gottesfürchtiges, müßiges Leben am nächsten Tag in aller Frühe wieder beginnen zu können. Der kalte Atem des Todes, schien sich bereits über Land und Leute gelegt zu haben, wie eine dunkle Prophezeiung die nur darauf brannte von Marcians Willen in diese Welt getragen zu werden. Marcian nickte. „Wir werden nur eine kurze Rast einlegen, ich will in der Nacht Madas Grab besuchen, ganz gleich ob du damit einverstanden bist oder nicht“, schloss Marcian bestimmt an sein Nicken an. „Ganz wie es dir beliebt“, antwortete Boron.

 

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