mein Treffen mit Freud

Bewertung: 0 / 5

Stern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Ich stand ihm gegenüber und ahnte nicht, was man später über ihn sagen wird. Sein Blut war es, was mich primär interessierte, denn er war von schwacher Statur und so betrachtete ich eher gelangweilt, wie seine Augen sich weit öffneten, als sie sich in meine vergruben, so wie meine Zähne in den faltigen Hals. Es war anders, Geschmack habe ich keinen, aber mit Bestimmtheit war es anders, so wie die erste Zahnpasta, die ich jemals auf dem Gaumen vernahm. zahnpasta spielt in meinem, nennen wir es Leben, eine besondere Rolle, denn sie erhält, was mich am Leben hält. Es war zwar fad, wie so oft, aber modrig und süßlich, wie ein animalischer Wein. Und dann geschah etwas eigenartiges. Uns stockte der Atem und statt auszutrinken, hielt ich inne. Kokain war es, was meine Zunge lähmte. Freud rang nach Atem und seine augestreckten Arme wollten mich von ihm stossen, während meine ihn zu beschwichtigen versuchten. Er sollte später so vieles Schreiben, kühne Thesen aufstellen und anhand seiner Beobachtungen einiges beweisen, doch diese Begegnung, welche ihm gewahr werden liess, dass ein vermeintlicher Mythos doch in der Welt des überprüfbaren standhält, dem widmete er keine Zeile. Zumindest glaubt das die Welt, denn er zeichnete tatsächlich etwas auf, womit ich mir bei einem späteren besuch die Mundwinkel trocknete, woraufhin er nickte und sein versprechen hielt. Jahrhunderte zuvor beschäftigte mich ein Pferd und als Zeichen unserer Verbundenheit überreichte ich ihm eine Peitsche. Er gab mir zu verstehen mich zu setzen und wir besiegelten unseren Pakt, indem ich ihn teilhaben liess, an dieser Geschichte:

Aus purer Dunkelheit vor den mächtigen Toren der Stadt, trat damals ein nächtlicher Besucher, der es nicht eilig zu haben scheint, wieder abzureisen


In einem der geräumigen Häuser nahe der Stadtmauer sein Refugium errichtet habend, vergeht seit dieser Zeit kaum ein Abend an dem die abergläubischen Händler der Umgebung, ihre Fensterläden nicht verschließen und verrammeln, um trostspendende Gebete murmeln, denn von "zu unheiligem Leben erwachten Schatten" und "Armen aus purer Dunkelheit, die nach mir griffen!" ist von den wenigen vorrübereilenden Passanten zu hören. Bei genauerer Betrachtung jedoch, scheint es einfach ein stets verschlossenes Herrenhaus zu sein, indem nächtens im ersten Stock eine einsame Kerze, gespenstische Schatten wirft, ehe ihr Licht in der aufkeimenden Morgenröte vergeht


Bei den wenigen Anlässen die den Fremden dazu brachten, öffentlich zu erscheinen, stellte er sich schlicht als "Akil" vor, ein Name dessen Ursprung wohl nur von den Sprachgelehrtesten in den Nahen Osten zurückverfolgt werden kann. Dort wo einst die Wiege des Kainitentums stand


Der als Lasombra gehandelte Mann bewegt sich, bei besagten Anlässen mit, lässiger Gleichgültigkeit für Rang, Stellung, Alter, Abkunft und weltlicher Unwichtigkeiten wie Aussehen, Reichtum, Ruf,... denn schließlich sind sie doch alle am Ende Kinder Kains. Ebenso verflucht wie er selbst und dazu bestimmt das Leid mit jenen zu teilen, die bisher davor verschont blieben


Der auf eine dunkle, verdrehte Weise, gut aussehende Mann, scheint ein seltsames Faible zu besitzen. Von den teuer aussehenden Stiefeln, über die anliegende Hose hin zum weiten, exzellent gearbeiteten Hemd ist alles in einem tiefen, Licht schluckendes Schwarz gehalten. Am breiten Gürtel ist das einzige Accessoire zu erkennen, dass der Fremde außer der Kette aus Stahlperlen, die lose um seinen Hals baumelt, bei sich trägt. Ein fremdartig anmutender Langdolch, in dessen Heft und Parierstange unheilig erscheinende Symbole getrieben worden sind, hängt dort halb verdeckt, nur um auf diese Weise stille Bedrohlichkeit zu vermitteln


Vervollständigt wird die düstere Gestalt noch durch einen weiten Kapuzenmantel, dem es spielend einfach gelingen würde, den Fremden unkenntlich zu machen, wenn dieser ihn nicht stets gleich zu Anfang des Abends ablegen würde


Doch bei all dieser Fremdartigkeit, scheint es dem Lasombra dennoch gelungen zu sein, sich hier, zumindest kurzfristig, soweit zu etablieren, dass noch niemand Schritte unternommen hat um ihn wieder aus der Stadt zu treiben. Und so bleibt der Besucher und lädt die geliebte Finsternis in sein Haus.

Spannende Gedanken habe er da. Er hoffe, er erzähle ihm noch mehr. Nur über die Zeitformen sollte er nochmal nachdenken, die machen die Geschichte holprig..

Und "sein Refugium errichtet habend" sei vielleicht nicht ganz so gut formuliert;-) ... aber er fleht, er möge unbedingt weiter erzählen!

Lädt er ihn zu sich ein? Das wäre sein Untergang, denn er würde ihm zu verstehen geben, was es bedeutet eine Kreatur des Schattens zu sein, abgewandt vom Licht und mit einem Mantel aus Kälte bekleidet. Er blickt mit einem Auge durch das Schlüsselloch, welches er selber schuf. Er ist mit seinem Hunger allein und Speisen wie man sie kennt, sind nichts anderes, als Papier für ihn. Die Aufmerksamkeit teilt er mit keinem und täte er es, so würde er sie zu seinesgleichen machen, gefühllose Apathie um die man ihn beneidet als einziger Besitz und nur die Arroganz hält ihn davon ab, nach einer Lösung zu suchen, die sein Leiden verkürzt


Aus dem Schatten ragt eine silberne Kiste in die Reichweite seiner Augen, die niemals schlafen dürfen, es sei denn, man nehme sie ihn. Kaum ein anderer Lasombra vermag es sich zu erheben und die Füße vom Boden zu trennen. So mangelt es natürlich einem jeden Menschen im Eigenbesitz klaren Verstandes an Verständnis dafür, dass er sich durch die Zeiten bewegt. Die vermeintliche Kleidung ist nichts weiter als ein Schutz vor dem Gerüst aus schwarzen Adern, welche die pergamentartige Haut halten. In ihnen pulsiert nichts mehr, sondern füllt nur die Adern


Er prüft sich selbst, denn das letzte Verlangen, dessen er sich bis zum heutigen Tage nicht entledigen konnte, ist das flüssige Feuer, welches sich in der Karaffe befindet, von silberner Wand umschlossen.

Was soll man nun anfangen, nach all den Jahren, innerhalb derer man dazu befähigt war, sämtliche Dinge zu tun, nach denen es einem dürstet? Banalität zwingt jeden Gedanken in die Knie und die Selbstverliebtheit, in teure Gewänder gehüllt, war schon damals ihrer Zeit vorraus, nun hat die Realität den Lasombra eingeholt und die cineastische Darstellung seinesgleichen läßt Verachtung sich selbst gegenüber in ihm gedeihen.

Er war von Müdigkeit gezeichnet und dachte an Österreich, wo eine Aufgabe auf ihn wartete. Er sollte einen Keim ersticken, bevor es tausende tuen würden. Die Türken hatte es bis vor die Tore Wiens geschafft, aber Linz nie erreicht, auch ein vorheriger Ansturm von Westen her, konnte dem Lauf der Dinge keinen Einhalt gebieten. Er wähnte sich für Sekunden zurück nach Indien, wo es die Tempel beiden Blutes gab, das der Tiere und das der Menschen. Er träumte von den Bädern im Zentrum Amerikas, wo Brünnen Blut spiehen, aber hier war sein wiederkehrender Durst gewiss. Ein Gasthaus plante er, ein Gasthaus, das dem snobistischem Glanz eines mondänen britischen Clubs gleichkam, wennauch diese erst in fernen Zeiten gebaut werden würden. Und Haltbarkeit schwebte ihm vor. Er hatte Pläne gezeichnet, die eine Maschine beschrieben, die Menschen entsaftete. Mit dem nicht genug plante er nun einen metallenen Schrank, der in seinen Wandungen von kaltem Wasser umspült werde, damit die gesammelten Tropfen auf längere Zeit erhalten blieben

Die Nacht war erwacht und er sammelte Speichel in seinem Mund. Der Lasombra durchschritt die Pforte und spürte den aufkeimenden Nebel. Hinter einem Misthaufen, der in die Dunkelheit dampfte wurde er zum Schatten und verbarg sich in der Steinmauer, die das Licht verspeiste, wie er das Blut des nahenden Kutschers. Das Pferd hatte Augen, die ihm Schönheit in das Gedächtnis riefen und er dachte wieder an die Tempel, welche von Ratten beregnet waren, Ratten, die von den einfachen Landarbeitern mit Stöcken über die kargen Felder getrieben wurden und unausgeweidet auf den selben Stöcken aufgespiesst gegrillt wurden

Das rübengrosse Herz nahm er mit und freute sich an der Form. Diesmal war es ihm nicht gelungen, erst abzusetzen, nachdem der letzte Tropfen der Kehle entwichen war. Aber er empfand eine warme Genugtuung und überlegte, wie es wohl sei, eine Maschine zu konstruieren, die neben Menschen auch anderes Getier für ihn verwerten könne.
Wen interessieren die Wunden der sich wehrenden Speisen? Für wen sollte er makellos bleiben? Die Kreise wurden immer kleiner und sein Gleichmut stetig grösser. Was suchte er, wenn er mit Hunden schlief und tötete, bevor die Sonne ihre Strahlen nach ihm schickte?

Staub hatte sich in die Ritzen der Platte gesetzt, die man mit kräftiger Hand dem Boden entreissen konnte. Schallend stieg sein Lachen mit ihm die Stufen hinab. Er atmete den stinkenden Scimmel, der ihn an Absinth erinnerte, den er in tödlicher Menge im Wettstreit mit Cretins in sich aufnahm, bis deren Gedärme sich zu zersetzen begannen. Er suchte nach einer kleinen Ampulle, die dort für ihn eine ätzende Säure bereithielt, mit der er sich die verbliebenen Narben von seiner äußeren Hülle entfernte. Der letzte Schimmer einer oben befindlichen Kerze schien so sehr, dass es ihm nahezu ein Auge ausstiess. Profan schien ihm das Warten und es stieg Ärger in ihm empor, denn niemandem konnte er sein Konstrukt umschreiben - vermeintliche Gleichgesinnte erahnten die Idee nicht im Entferntesten. Die steinerne Wanne, für sein Wohlgefallen von den Dienerinnen mit dem lebenspendenden Elixier befüllt kam ihm wieder in den Sinn, die Tempel, deren fensterlose Räume ihm ein endloses Gelage erlaubten. Aber nun war er hier und duldete die Zeit, welche ihn zwang, sich auf seine Aufgabe mit unglaublicher Geduld vorzubereiten.

Ein Schatten fiel über ihn und Kälte legte ihre Arme um ihn. Er zog seine Scultern eng zusammen und die Knochen schienen sich zu verflüssigen. Die Wirbelsäule bildete kugelförmige Knorpel und bohrt sich durch den sich krümmenden Rücken. Wisperndes, sich langsam intensivierendes Rascheln liess überall strähniges Haar zum Vorschein kommen. Er beugte sich so weit vornüber, bis er kippte, jedoch bevor das unförmige Gesicht auf dem Boden aufschlagen konnte, setzten die beiden Pranken auf dem Boden auf und die Mutation endete mit den blitzenden kleinen schwarzen Krallen, welche eben unausgefahren nur so lang waren, dass sie in die Fugen der kalten steinernen Platten reichten. Sabber lief ihm über die Lippen und er leckte sein Fell mit seidig schimmernder Zunge. Ein fahler Lichtschein hatte ihn verwandelt. Mit luftigem Sprung überwand er die Stufen und blickte emotionslos in die Nacht. Ein hustenähnliches Fauchen warfen die Wände zurück und er visierte eine Ratte an, die sich gut 30 Meter entfernt unvorsichtig hervorwagte. Das schwarze Fell machte ihn zur Nacht. Er nahm Anlauf und hetzte gegen eine backsteinerne Wand. in etwa vier Metern Höhe gewann die Physik wieder Oberhand und er tauchte gen Erde zurück. Sich wie ein Frosch duckend landete er auf seinen Pranken und verschmolz mit der angrenzenden Mauer. Es war kein täuschender Eindruck, den sein wippender Schwanz vermittelte. Er war nervös. Ein Nachtwächter kam die Gasse entlang. Er trug ein silbernes Schild und funkelte wie ein Edelstein. Geschickt wie eben nur eine Katze drückte er den Schild gegen die wan, um kein unnötiges Scheppern zu verursachen. Der saubere Biss brachte eine sprudelnde Quelle zum Vorschein. Sein Spielzeug zerrte er die gesamte Gasse entlang. Es war ihm keineswegs egal, wieviele Kadaver sich zu einem Ring um sein Nest formierten. Gier war es nicht, sondern Instinkt, der ihn zwang die Bissen herunterzuschlucken. Danach wand er sich einen Turmbau hinauf und dämmerte mit der Gewissheit einer Sphinx dem Monduntergang entgegen. Töten machte ihn keinen Spass, wenn er gemästet satt war. Es wäre sicherlich kein schöner Tod, ihn jetzt zu stören. Doch selbst die Fledermäuse wanden sich ab, wie Funken, die sich einem Spiegel nähern, denn er strahlte etwas bösartiges aus, selbst wenn er in sich vertieft mit geschlossenen Augen meditierte.

 

DruckenE-Mail

amanfang 2 270

Login (2)

für registrierte Benutzer