Flüchtlingsboot auf Gomera

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Der nachfolgende Artikel stammt aus dem Valle Boten Nr.62 . Der Valle Bote ist eine deutschsprachige Zeitung auf Gomera. Weitere Infos unter www.valle-bote.com

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Der Artikel wurde im Original wiedergegeben alle Rechte liegen beim Autor des Artikels.

jockel Santiago-Augenzeugenbericht der Ankunft eines Cayucos/Flüchtlingsboots in Playa Santiago/Gomera am 29.10.2008

 
Wir hatten uns wohl etwas zu sehr entspannt während 10 Tagen am Playa del Medio, jedenfalls hatten meine Frau und ich die Zeitumstellung verpeilt und waren am 29.10.08 schon eine Stunde zu früh ( 06:00 Uhr ) an der Mole in Playa Santiago um den Heimweg mit dem Garajonay Express anzutreten.Deswegen kamen wir kurz nach der Ankunft eines etwa 7 m langen Cayucos mit 70 - 80 Menschen dort an. Es waren schon die Guardia, das Cruz Roja und ein paar Muchachos vom Hafen vor Ort. Von der Gurdia wurden wir höflichst gebeten aus Gesundheitsgründen etwas Abstand zu halten, was wir auch getan haben.Der Rettungseinsatz war im vollen Gang. Das Cayuco („ Bousso“) hatte an der Mole festgemacht und war wohl mit eigener Kraft eingelaufen.

Eine Gruppe von ausschließlich ( jungen ) Männern und Jungs kauerte und saß unter dem Dach der Anlegestelle der Fähre. Dies waren die Menschen, denen es noch relativ gut ging.

Viele waren unkontrolliert am Zittern, andere starten vor sich hin, andere waren erschöpft umgekippt.Am Abend vorher war starker Nordwind aufgekommen gegen den das Cayuco mit einem 40 PS Yamaha Enduro ankämpfen musste. Diese Menschen müssen Todesangst gehabt haben.

Vielen war trotz der totalen Erschöpfung Erleichterung und Freude anzumerken.
Die weniger glücklichen mit Lebenszeichen, die aus eigener Kraft nicht aus dem Boot gekommen waren (3 nach unserer Beobachtung), hatten die Hafenarbeiter/Fischer aus Santiago bereits mit Seilen aus dem Boot gezogen und wurden vom Cruz Roja behandelt.Zwei Körper bewegten sich nicht und ein Muchacho aus Santiago stieg ins Boot hinab und die Körper wurden mit Tragen hinaufgehievt und zum Krankenwagen gebracht. Dann hörten wir "Vive, vive!" Einer lebte und wurde von zwei mittlerweile eingetroffenen Ärzten im Krankenwagen behandelt. Einer war tot und wurde eingehüllt in ein weißes Tuch an der Hafenmauer hingelegt.

Mittlerweile war auch die Guardia und ein weiteres Cruz Roja Fahrzeug eingetroffen Auch Passagiere der Fähre,Touris und Gomeros, sammelten sich am Häuschen. Die Situation war einigermaßen bizar:der Ticketverkauf fand regulär statt als ob nichts wäre und die Passagiere, die schon an einem Toten vorbeigelaufen waren, sammelten sich rechts vom Tickethäuschen und versuchten sich diskret zu verhalten.

Die Flüchtlinge wurden jetzt aufgefordert sich weiter vom Häuschen zu entfernen und ihre Kleider auszuziehen und die aus den verteilten Tüten des Cruz Roja anzuziehen.

Das ist auch die einzige Kritik die ich anbringen muss: niemand sollte sich in der Öffentlichkeit entblößen müssen. Ansonsten war die ganze Aktion von großer Besonnenheit, Kompetenz und Freundlichkeit seitens der Guardia und des Cruz Roja geprägt.

Insbesondere der schnelle und selbstverständliche Rettungseinsatz der Hafenarbeiter/Fischer aus Santiago die seemännisch ohne zu zögern das taten, was getan werden musste (ich weiß nicht, ob ich in ein verseuchtes Boot, mit vermeintlich Toten steigen würde) hat mich tief beeindruckt.

Abgestoßen hat mich ein Kommentar einer Deutschen (" Schönes Ende des Urlaubs“)

Der Dame hätte ich den Ritt nach Los Christianos im Cayuco gewünscht, den wir nun auf der Fähre antraten.

Die Flüchtlinge wurden unterdessen in zwei ankommende Busse verladen. Zwei Schlangen standen parallel an: eine zur Fähre mit Menschen die viel haben und es oft nicht zu schätzen wissen und eine zum Bus mit Menschen die ihr Leben riskieren um sich ihren Teil vom Kuchen zu holen.

Ich persönlich wünsche diesen Menschen Gesundheit und Glück: Mut, Eigeninitiative, Risikobereitschaft und Zielstrebigkeit haben sie hinreichend bewiesen.
Willkommen in Europa.


Martin Kesting


Anmerkung von Abenteuer-Literatur: Endlich angekommen ?
Reisen gibt es, die den Reisenden verändern und zu einem anderen Menschen machen. Vielleicht wäre er hinterher, nach seiner Reise, gerne wieder wie vorher, aber es geht nicht, jener Zustand ist verloren, und der Mensch, der er war, existiert nicht mehr, weil seine Welt durch seine Reise eine andere geworden ist.

Joachim Laß


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